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Chile

Concepción im Lockdown

von Javier A. Cisterna Figueroa

Heutzutage

Chile leidet stark unter Corona. Concepción, die drittgrößte Stadt des Landes, steht seit dem 11. September unter Quarantäne, und auch für viele weitere Städte, Stadtteile und Ortschaften wurden Ausgangsbeschränkungen erlassen. Das wirft unter anderem die Frage auf, wie unter diesen Umständen das Verfassungsreferendum abgehalten werden soll.

Concepción ist rund 500 Kilometer von der Hauptstadt Santiago entfernt und die wichtigste Stadt im Süden des Landes. Sie liegt am Fluss Biobío, der die Grenze zu den Indigenengebieten der Mapuche bildet, und hat sowohl große strategische als auch symbolische Bedeutung; sie gilt als Gegenpol zu Santiago.

Die politischen und sonstigen Differenzen zwischen den beiden Metropolen sind vermutlich der Grund dafür, dass das Gesundheitsministerium Concepción unter Quarantäne gestellt hat, die Menschen also ihre Häuser nur noch aus triftigen Gründen verlassen dürfen. Das glauben jedenfalls die Bewohner, die das Vertrauen in die Verantwortlichen in der Regierung komplett verloren haben.

Im Juni ging der Bürgermeister von Recoleta, der der Opposition angehört, gerichtlich gegen Präsident Sebastián Piñera und den damaligen Gesundheitsminister Jaime Mañalich vor, der für den Umgang mit der Pandemie verantwortlich war. Im Zuge der Ermittlungen wurde vor kurzem bekannt, dass das Gesundheitsministerium versucht hat, die offiziellen Covid-19-Todeszahlen zu manipulieren.

Kurz vor dem Nationalfeiertag am 18. September erlaubte der neue Gesundheitsminister Enrique Paris Feiern im Familienkreis. Der Bürgermeister von Concepción, selbst Regierungsbeamter, kritisierte das öffentlich mit dem Hinweis darauf, dass die Erlaubnis dem allgemeinen Aufruf zur Isolation zuwiderlaufe. Nach heftigen Diskussionen in den Medien wurde die Erlaubnis zurückgezogen. Die Beziehungen waren danach noch zerrütteter.

Es ist in Concepción wie auch im ganzen Land schwierig, die Covid-19-Richtlinien zu befolgen. Politische Streitereien, gesellschaftliche Spannungen und unklare Kommunikation haben zu der beunruhigenden Lage in Chile beigetragen:  Das Land mit 19 Millionen Einwohnern hat rund 17 500 Todesfälle im Zusammenhang mit der Pandemie registriert.

Wo heute Ausgangsbeschränkungen herrschen, fanden vor einem Jahr Massendemonstrationen statt. Sie begannen im Oktober 2019 in Santiago aus Protest gegen die Erhöhung der Preise für U-Bahn-Tickets und endeten in einem Volksaufstand im ganzen Land, in Gewalt und Menschenrechtsverletzungen (siehe Katie Cashman im E+Z/D+C e-Paper 2020/01, Debatte).

Dieser gesellschaftliche Aufstand zwang die Regierenden dazu, den Weg für eine neue Verfassung frei zu machen, die noch ein Erbe der Diktatur von Augusto Pinochet ist. Am 25. Oktober findet eine Volksabstimmung zu der Frage statt, ob eine neue Verfassung ausgearbeitet werden soll.

Die Umfragen deuten auf breite Zustimmung hin. Zweifel bestehen aber hinsichtlich der Wahlbeteiligung. Die Wahlbehörde hat zwar Richtlinien aufgestellt, um die Abstimmenden zu schützen. Doch viele Menschen fürchten sich vor Menschenansammlungen, in denen sie sich anstecken könnten. In Concepción fragen sie sich zudem, ob die Quarantäne-Bestimmungen vor dem Referendum aufgehoben werden – oder ob es unter den aktuellen Beschränkungen durchgeführt werden soll. Letzteres könnte die demokratische Legitimität in Frage stellen.


Javier A. Cisterna Figueroa ist Journalist und lebt in Concepción.
[email protected]

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