D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Verhütung

Gute Beratung vonnöten

von Hedwig Diekwisch

Hintergrund

Eine Frau erhält eine Verhütungsspritze in Addis Abeba in Äthiopien.

Eine Frau erhält eine Verhütungsspritze in Addis Abeba in Äthiopien.

Jeder Mensch hat das Recht auf sexuelle und reproduktive Gesundheit. Der Zugang zu verschiedenen Kontrazeptiva muss ebenso gewährleistet sein wie Informationen über die Vor- und Nachteile aller Verhütungsmethoden. Eine gute Beratung ist zeitaufwändig, aber unverzichtbar. Sie wird mitunter aber vernachlässigt.

Damit Paare eine informierte Entscheidung über ihre Verhütung treffen können, brauchen sie eine qualitativ gute Beratung. Die beginnt mit einer umfassenden und verständlichen Aufklärung über die Funktionen des Körpers und die Anwendung sowie Wirkungen und Risiken der verschiedenen Verhütungsmethoden. Gute Beratung trägt dazu bei, dass die Betroffenen eine bessere, an ihre individuelle Lebenssituation angepasste Wahl der Verhütungsmethode treffen können. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann von einem echten Empowerment und der Autonomie der Nutzer gesprochen werden.

Dass in einem Land nur eine beschränkte Auswahl von Verhütungsmethoden zur Verfügung steht, kann unterschiedliche Ursachen haben. Dabei lohnt immer ein kritischer Blick auf die Ausrichtung (inter-)nationaler Programme. Die Frage ist, welches Ziel sie verfolgen. Soll hauptsächlich die Geburtenrate gesenkt werden, kann das heißen, dass vor allem Maßnahmen wie die weibliche Sterilisation gefördert werden – mitunter auch mit Zwang. In Peru wurden zwischen 1996 und 2000 rund 300 000 Frauen und 22 000 Männer im Rahmen eines nationalen Programms zur Familienplanung zwangssterilisiert.

Auch in Indien bedeutet für drei Viertel der Frauen Verhütung eine Sterilisation; bei Männern liegt die Quote hingegen nur bei 2,3 Prozent. Während die Sterilisation des Mannes meist unkompliziert durchzuführen ist, stellt sie für Frauen ein wesentlich größeres Risiko dar. So starben in Indien 2014 bei einem Massensterilisations-Camp 15 Frauen an den Folgen des Eingriffs. Der große Anteil an Sterilisationen hat Indiens staatliches Familienplanungsprogramm bereits viel Kritik beschert. So machen internationale Organisationen Bedenken wegen Frauenrechten und den Gesundheitsrisiken, denen Frauen durch solche Maßnahmen ausgesetzt sind, geltend.


Einseitige Verfügbarkeit

Es kann auch vorkommen, dass in einem Land durch internationale Hilfsprojekte subventionierte Produkte wie etwa die Langzeitverhütungsspritze breit verfügbar sind, andere Kontrazeptiva hingegen nicht. Auch Arzneimittelspenden oder zeitliche begrenzte Preisnachlässe von Originalherstellern, die nicht selten der Markterschließung für teure Produkte dienen, können zu einer Verdrängung anderer Verhütungsmethoden führen und die Anwender auf lange Sicht teuer zu stehen kommen.

Ein eingeschränktes Angebot an Kontrazeptiva beschneidet die Entscheidungsfreiheit für Paare, die individuell beste Verhütungsmethode auszuwählen. So können etwa medizinische Gründe gegen die Verwendung von hormonellen Kontrazeptiva sprechen. Sind aber keine Alternativen verfügbar, so verzichten Paare eventuell ganz auf eine Verhütung, oder sie müssen eigentlich vermeidbare Risiken in Kauf nehmen.

Aber auch wenn es ein qualitativ gutes Beratungs­angebot und eine breite Palette an Kontrazeptiva gibt, sind diese Maßnahmen so lange weniger effektiv, wenn nicht gleichzeitig auch grundlegende soziale Probleme gelöst werden. Hierzu gehört vor allem die Armutsbekämpfung. Nachgewiesenermaßen ist für Familienplanung, Geburtsbegleitung oder auch die nachgeburtliche Betreuung häufig der sozioökonomische Status von Frauen entscheidend. Dieser muss gestärkt werden und die Teilhabe von Frauen an gesellschaftlichen Prozessen vorangetrieben werden. Gleichzeitig müssen die strukturellen Ursachen von geschlechterbasierter Ungleichheit beseitigt werden. Hierzu gehören die Stärkung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts vor allem von Mädchen und Frauen sowie die Eindämmung von Praktiken wie Frühverheiratung, Zwangsehen oder Genitalverstümmelungen.


Rechte verankern und umsetzen

Es ist ebenso ein entscheidender Faktor, wie sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRGR) im nationalen und internationalen Recht verankert sind. So fehlt in der Agenda 2030 die explizite Erwähnung umfassender Sexualerziehung – gemeint ist die Comprehensive Sexuality Education Strategie (CSE), die auch Geschlechterrollen, Geschlechteridentitäten und sexuelle Diversitäten thematisiert, sowie die Erwähnung sexueller Rechte. Ebenso bleiben die G7-Gipfelerklärungen der vergangenen Jahre bei der umfassenden Umsetzung von SRGR hinter anderen Erklärungen – wie etwa die Weltfrauenkonferenz 1995 – zurück. Hier muss mehr passieren.

Dass in Lateinamerika 56 Prozent der Schwangerschaften ungewollt sind, liegt neben anderen Faktoren wie geringe Verfügbarkeit von Kontrazeptiva und kulturelle Barrieren bei Verhütung etc. auch an der schlechten Qualität der Sexualaufklärung. Eine umfassende qualitativ gute Aufklärung schließt sexuelle und reproduktive Rechte mit ein. Eine Umfrage unter 12- bis 19-jährigen Mädchen in Bangladesch zeigte, dass Mädchen, die bereits verheiratet waren, nicht zur Schule gingen oder einen geringen Bildungsstand hatten, kaum über ihre Rechte Bescheid wussten. Gerade dieses Wissen ist aber entscheidend, um kulturelle Veränderungen herbeizuführen. Besonders wichtig ist das Recht von Frauen und Mädchen auf sexuelle Selbstbestimmung. Denn die Bevormundung durch Familienangehörige ist in vielen Ländern immer noch weit verbreitet.

Die Qualität von Beratungsangeboten wird somit zum entscheidenden Faktor, um sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte umzusetzen. Daher reicht es eben nicht, lediglich die Anzahl verteilter Verhütungsmittel als Indikator für ein gelungenes Projekt zu erfassen, sondern die Qualität der Beratung ist ein ebenso wichtiger Indikator. Dazu kann beispielsweise gehören, ob Beziehungspartner bei der Beratung mit einbezogen waren, ob alle Methoden vorgestellt wurden oder ob notwendige medizinische Untersuchungen vorgenommen wurden.


Hedwig Diekwisch ist Krankenschwester und Diplom-Soziologin und gehört zum Team der BUKO Pharma-Kampagne.
[email protected]

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren