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Tiergesundheit

An der Basis für die Basis

von Genene Regassa, Esmael Tessema, Nicoletta Buono, Cornelia Heine

Hintergrund

Ausbildung gemeinde­orientierter Tiergesundheitshelfer in Afar.

Ausbildung gemeinde­orientierter Tiergesundheitshelfer in Afar.

In abgelegenen Gebieten und Kriegsregionen ist die Arbeit von systematisch, aber nicht akademisch ausgebildeten Tiergesundheitspflegern (CAHWs – Community-­based Animal Health Workers) sehr wertvoll. Äthiopien ist diesbezüglich sehr fortschrittlich, denn es bezieht CAHWs in die Verbesserung der veterinärmedizinischen Versorgung ein. Eine deutsche Nichtregierungsorganisation kann auf dieser Grundlage innovative Unterstützung leisten.

Tiergesundheitshelfer leisten wichtige Dienste in Afrika, vor allem in ariden und semiariden Regionen. Ländliche Gemeinden profitieren nachweislich von diesen Fachkräften, die zwar keinen Hochschulabschluss, aber eine bis zu dreijährige systematische Ausbildung haben können.

Eine Untergruppe  sind die sogenannten basisnahen Tiergesundheitspfleger (CAHWs – Community-based Animal Health Workers): Mitglieder der örtlichen Gemeinschaft mit einer tiermedizinischen Grundausbildung. Sie kümmern sich um Prävention und Behandlung von Tierkrankheiten – wobei Prävention vor allem Impfung bedeutet. CAHWs spielen vor allem in Ostafrika, aber auch in Bolivien, Nepal oder Sri Lanka eine wichtige Rolle.

Die ersten CAHWs wurden in den 1980er Jahren am Horn von Afrika ausgebildet. Seither wurden immer mehr Trainingsprogramme durchgeführt, denn die Nachfrage von Tierhaltern nach ihren Diensten steigt. Das hat auch eine politische Dimension, denn in der Entwicklungspolitik hat die Partizipa­tion der Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend  an Wert gewonnen. Die Idee, Gemeindemitglieder zu schulen, damit diese die veterinärmedizinische Grundversorgung in unterversorgten, abgelegenen und konfliktreichen Regionen übernehmen können, stieß anfangs auf Skepsis. Das änderte sich, als klar wurde, was CAHWs bewirken können – und zwar besonders dort, wo es ansonsten keine tierärztliche Versorgung gibt. Gerade weil formal ausgebildete Fachkräfte kaum in den entlegensten Regionen und Krisengebieten Afrikas arbeiten, wird der CAHW-Ansatz zunehmend anerkannt und unterstützt. Das gilt leider nicht überall: Kenia etwa erkennt die Leistungen der Tiergesundheitshelfer  nur unzureichend an. Ein großer Erfolg, zu dem die CAHWs erheblich beigetragen haben, war die Ausrottung der Rinderpest, auch als Cattle Plague bekannt. Diese Krankheit hatte verheerende Auswirkungen auf die Rinderhaltung weltweit, bis im 19. Jahrhundert auch in Europa. Jahrzehntelang versuchte man, die Rinderpest auszurotten – am Horn von Afrika lange ohne Erfolg.

Das besserte sich erst, als CAHWs begannen, mit mehreren Impfdurchgängen zum Kampf gegen die Seuche in Äthiopien, Somalia und Südsudan beizutragen. In Somalia hielt sich die Seuche am längsten, aber seit 2010 gilt die Rinderpest auch dort als ausgerottet.

Seit den 1990er Jahren werden CAHWs in Ostafrika von der Nichtregierungsorganisation Tierärzte ohne Grenzen (VSF Germany – Vétérinaires sans Frontières) unterstützt. Im Zuge der Kampagne zur Bekämpfung der Rinderpest haben Tierärzte ohne Grenzen das CAHW-Programm auf mehrere ostafrikanische Länder ausgedehnt.  


Äthiopische ­Errungenschaften

In Äthiopien etwa, wo Dürren das Leben vor allem der Menschen in den Tiefebenen prägen,  führen Tierärzte ohne Grenzen Tiergesundheitsprojekte durch. Dürren führen zu Ernteausfällen und Produktivitätsverlusten in der Tierhaltung. Sie verschlimmern die schwierige Ernährungslage. Geringe Ernährungssicherheit ist in mehreren betroffenen Regionen des Landes ein großes Problem.     

In der Region Afar beispielsweise werden die Viehbestände kleiner. Die Ernten sind oft wegen unregelmäßiger Niederschläge schlecht. Bodendegradation, Prosopis-juliflora-Befall (ein invasiver Busch) und schnelles Bevölkerungswachstum verschlimmern die Lage. Hinzu kommt, dass die Viehhalter keinen Marktzugang haben und ihnen immer öfter auch Weiden verwehrt werden, die nun beackert werden. VSF Deutschland leitet hier Projekte zur Existenzsicherung in einigen Bezirken (Woredas).

Der äthiopische Veterinärdienst unterstützt CAHWs schon lange. 2002 wurden sie offiziell als relevante Dienstleister anerkannt. Das Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung hat ein CAHW-Referat. Für die basisnahen Tier-Paramedics wurden Mindeststandards und Leitlinien definiert. CAHWs werden systematisch geschult.

Das ist die Grundlage, auf der Tierärzte ohne Grenzen ein Gutschein­system eingeführt haben, um die Tiergesundheitspfleger in acht Bezirken zu unterstützen (siehe Kasten). Es geht darum, die tiermedizinische Versorgung in Afar in entlegenen Weidegebieten nachhaltiger zu machen.


Bedeutende Fortschritte

In den vergangenen zehn Jahren gab es bedeutende Fortschritte bei der Institutionalisierung der CAHWs. Es ist sinnvoll, deren Arbeit zu regulieren und zu standardisieren, wie es Äthiopien tut. Südsudan und Somalia haben ähnliche Ansätze gemacht, was die Arbeit von Tierärzten ohne Grenzen  deutlich erleichtert.

Leider wissen nicht alle Länder die Bedeutung der CAHWs zu schätzen. Kenia etwa hat 2011 ein Gesetz zur Regulierung der Tiergesundheitsbranche verabschiedet, ohne die CAHWs in irgendeiner Weise darin zu berücksichtigen. VSF Deutschland ist auch in Kenia aktiv. Dort ist es jedoch sehr schwierig, armen Viehhaltern nachhaltige und erschwingliche Tiergesundheitsdienste zugänglich zu machen, weil schlicht der rechtliche Rahmen dafür fehlt.

 

Genene Regassa leitet das Regionalbüro Äthiopien von Tierärzte ohne Grenzen.

Esmael Tessema ist Programmmanager von Tierärzte ohne Grenzen in der äthiopischen Region Afar.
[email protected]

Nicoletta Buono ist Programmleiterin bei Tierärzte ohne Grenzen im Regionalbüro Kenia.
[email protected]

Cornelia Heine ist Referentin für internationale Tiergesundheit bei Tierärzte ohne Grenzen in Deutschland. Alle vier Autoren sind Tierärzte.
[email protected]

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