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Hotels

Langsamer Tod

von Elke Zimmermann
In the desert, an artificial paradise

In the desert, an artificial paradise

Der Spiegel des Toten Meeres sinkt jährlich um einen Meter. Große Hotels müssten mehr tun, um Wasser zu sparen. [ Von Elke Zimmermann ]

Im Königreich Jordanien wird das Wasser knapp, denn während die Nachfrage ständig steigt, sind die Vorkommen begrenzt. 2004 standen pro Einwohner und Jahr nur noch 160 Kubikmeter Wasser zur Verfügung; 1946 waren es noch 3600 Kubikmeter. Die Ursachen des wachsenden Mangels sind ökonomische Entwicklung, steigende Lebensstandards und das hohe Bevölkerungswachstum.

Die erneuerbaren Wasserressourcen sind längst überstrapaziert, so dass Jordanien schon seit Jahren auf fossile Grundwasserreserven zurückgreifen muss. ­Sinkende Grundwasserspiegel führen aber zum Trockenfallen von Brunnen und Versalzen von Quellen und Böden. Die Folgen für Flora und Fauna sind gravierend. Der Klimawandel wird mit höheren Durch­schnitts­temperaturen und häufigeren Wetterextremen die Lage zusätzlich verschärfen.

Eindrucksvoll ist die nahende Krise bereits am Toten Meer zu erkennen. Der Wasserspiegel ist seit 1960 um 24 Meter gesunken. Der Jordan erreicht das Tote Meer kaum mehr, denn sein Wasser wird hauptsächlich in der Landwirtschaft verbraucht. Er führt weit weniger Wasser als früher, dafür aber eine höhere Konzentration an Pflanzenschutzmitteln. Auch Wadis, Flussläufe, die nur nach starken Regenfällen Wasser führen, ergießen sich kaum noch in das Binnenmeer, weil ihr Wasser für die Versorgung der wachsenden Hauptstadt Amman abgezweigt wird.

Dennoch ist den üppig begrünten Hotelkomplexen am Toten Meer von Wasserknappheit wenig anzumerken. Ihre künstlichen Paradiese mit großen Poolanlagen und oasenhafter Vegetation erscheinen in der Wüstenlandschaft unwirklich. Im Schnitt verbrauchen Hotelgäste 500 bis 1000 Liter Frischwasser pro Tag – jordanische Staatsbürger kommen mit etwa 100 Litern aus.

Die ständige Übernutzung der regionalen Wasserressourcen bedroht das einzigartige Ökosystem des Toten Meeres. Seine Fläche ist in den vergangenen 50 Jahren um ein Drittel geschrumpft. Die ohnehin karge Flora und Fauna leiden.

Neben dem ökologischen Schaden nimmt auch die ökonomische Belastung zu. Schäden an Infrastruktur, notwendig werdende Befestigung der ­Küstenlinie, erodierende Flussbetten und das Auftreten von Sinklöchern fordern zunehmend staatliche und private Ausgaben.

Technisch wäre es längst möglich, den Frischwasserverbrauch pro Hotelgast drastisch zu reduzieren. Trotzdem setzen private Investoren kaum auf ressourcenschonende Methoden; dafür ist der staatlich fixierte Wasserpreis zu niedrig. Der Kubikmeter kostet keine zwei Euro.

Trotz des verzerrten Wasserpreises finden Konzepte der Mehrfachverwendung allmählich Zuspruch. Die öffentliche Wasserversorgung reicht längst nicht mehr für die Versorgung der Tourismusbetriebe. Alle großen Hotelanlagen am Toten Meer greifen ergänzend auf private Wasserlieferanten zurück. Die quantitative Beschränkung der öffentlichen Wasserversorgung ist ein Argument für mehrfache Verwendung. Für die Bewässerung ihrer Grünanlagen verwenden alle Hotels bereits geklärtes Abwasser.

Grauwasser-Recycling

Ein Pilotprojekt der GTZ mit Pontos, einem deutschen Hersteller von Wasseraufbereitungsanlagen, geht im Dead Sea Spa Hotel einen Schritt weiter: Es bereitet gering verschmutztes Abwasser von Duschen und Waschbecken – der Fachbegriff ist „Grauwasser“ – biologisch-mechanisch auf, um es für die Toilettenspülungen zu nutzen. Der Hotelkomplex spart so bis zu 15 Kubikmeter am Tag. Das entspricht immerhin dem durchschnittlichen Tagesbedarf von mehr als 150 Jordaniern.

Ob die Technik in anderen Hotelanlagen Fuß fasst, ist jedoch fraglich. Die Investitionskosten sind gemessen an staatlichen und privaten Wasserpreisen hoch. Die Pilotanlage rentiert sich nur auf lange Sicht und bei guter Auslastung.

Zudem sind die institutionellen Rahmenbedingungen ungünstig. Jordanien hat keine allgemein gültigen Regeln für das Grauwasser-Recycling in Gebäuden. Das erschwert die Qualitätssicherung. Auch im derzeit geltenden Baurecht ist die Wiederverwendung von Wasser innerhalb eines Gebäudes eine Grauzone.

Die nachträgliche Installation von Grauwasseranlagen in fertigen Gebäuden ist schwierig und teuer. Neben der Anlage selbst ist ein doppeltes Rohrsystem nötig. Wenn es nicht von vornherein eingeplant wird, ist die nachträgliche Installation – wenn denn überhaupt möglich – meist wenig wirtschaftlich.

Grauwasser-Recycling im großen Stil wäre sinnvoll. Dutzende neue Tourismusprojekte sind am Toten Meer geplant. Für das ressourcenarme Jordanien ist der Fremdenverkehr ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Der Tourismus ist der zweitgrößte Arbeitgeber des Landes und generierte letztes Jahr 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Regierung setzt auf Urlaubsbesuche, also werden in den nächsten Jahren auch am Toten Meer weitere Hotelanlagen entstehen.

Damit dessen Wasserspiegel nicht weiter sinkt, müss­te viel getan werden. Die Regierung sollte landesweit ökonomische Anreize für den Einsatz wassersparender Technik schaffen und den rechtlichen Rahmen entsprechend reformieren. Darüber hinaus ist Aufklärungsarbeit nötig. Die Zeit drängt. Würde schnell gehandelt, könnten neue Hotelanlagen mit Grauwasser-Recyclinganlagen entstehen.

Das Tote Meer sinkt derweil weiter ab. Drastische Auswirkungen auf das Ökosystem werden bald nicht mehr zu übersehen sein. Das liegt nicht nur am Tourismus. Jordanien verwendet den Großteil der nationalen Wasserressourcen in der Landwirtschaft. Etwa 70 Prozent werden zum Anbau von Gemüse und Obst verwendet; damit werden aber kaum vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Allerdings wird auch die Landwirtschaft schon großteils mit geklärtem Abwasser und wassersparender Technik bewässert.

Notwendige Reformen des Wassersektors würden massiven Widerstand auslösen. Der niedrige Wasserpreis ist politisch gewollt, denn er hilft, soziale Spannungen zu verringern. Auf längere Sicht trägt er aber zum Problem bei, denn ressourcenschonende Technik wird vor allem dort verwendet, wo die ökonomischen Anreize stimmen. Das Königshaus weiß, dass eine Umstrukturierung notwendig ist, aber Reformen erfordern Zeit.

Für den Erhalt des Toten Meeres könnten die positiven Effekte solcher Bemühungen zu spät kommen. Die Weltbank schätzt, dass sein Spiegel, wenn sich am Trend nichts ändert, noch um weitere 100 Meter sinken könnte. Die Fläche des Toten Meeres wäre dann minimal – und der größte Teil der Uferzonen nicht mehr nutzbar. Am tiefsten Punkt der Erde gäbe es dann wohl auch keine Einnahmen mehr aus dem Fremdenverkehr.

Das sollten die Tourismusinvestoren bedenken. Ihr Geschäftsmodell hängt von der einzigartigen Landschaft und seinem Ökosystem ab. Sie müssten allerdings aus eigenem Antrieb ökologische Verantwortung übernehmen. Ein höherer Wasserpreis würde die richtigen ökonomischen Anreize setzen.

Die Höhe des Wasserpreises ist in der arabischen Welt immer ein Politikum ersten Ranges. Grundsätzlich gilt, dass er die Kosten für Erschließung, Transport und Aufbereitung decken sollte. Davon ist Jordanien noch weit entfernt. Aber selbst wenn Wasser kostendeckend produziert und gehandelt würde, blieben Fragen der Verteilungsgerechtigkeit bei der privatwirtschaftlichen Kostenkalkulation außen vor.

Paradoxerweise tragen die Hotelkomplexe mit ihrer nicht nachhaltigen Wirtschaftsweise zum Untergang des einzigartigen Ökosystems bei, auf dem ihr Geschäftsmodell basiert.

Im Kleinen spiegelt dieses Szenario das Dilemma des ganzen Landes wider. Wasserknappheit ist für Jordanien letztlich der begrenzende Faktor für ökonomisches Wachstum schlechthin. Der Wasserpreis und die staatliche Versorgungspolitik sind darauf nicht eingestellt.