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Bildung

Die Leute wollen lernen

von Gudrun Busch

Meinung

Im Labor: Studierende auf einem Anhanguera-Campus im Großraum São Paulo.

Im Labor: Studierende auf einem Anhanguera-Campus im Großraum São Paulo.

In Brasilien wächst eine private Hochschule, die preisgünstig und praxisnah Studierende ausbildet, seit einigen Jahren rasant. Gudrun Busch von der KfW-Tochter DEG erläutert im Interview Hans Dembowski das Geschäftsmodell.
"Brasilien erlebt seit einigen Jahren eine Art Wirtschaftswunder. Der Lebensstandard vieler Menschen ist deutlich gestiegen, und Bildungsangebote wie das von Anhanguera haben dazu beigetragen."

 

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Anhanguera Hochschule vor?

Es sieht so aus, als würde das Unternehmen demnächst mit einem anderen großen brasilianischen Bildungsanbieter, Kroton, fusionieren. Das Interesse von Kroton bestätigt jedoch den Erfolg von Anhanguera, sodass der Lehrbetrieb an den verschiedenen Standorten wohl kaum verändert werden dürfte. Es gibt in Brasilien ein großes Interesse an Aus- und Weiterbildung und sehr viele Anbieter. Seit einigen Jahren beobachten wir eine Konsolidierung, wobei Anhanguera auch ein starker Akteur war und viele Wettbewerber aufgekauft hat.

 

Können Sie mit ein paar Zahlen das Expansionstempo von Anhanguera illustrieren?

Gerne. Die Hochschule wurde 1994 von Antonio Carbonari Netto in Anhanguera, einem Vorort von São Paulo gegründet. 2006 hatte die Hochschule bereits 11 Standorte und 23 500 Studenten. Ende 2012 waren es 41 200 Studenten an 278 Standorten und 133 Lernzentren. Die Lernzentren haben kein komplettes Hochschulangebot, sondern beschränken sich auf einige Fächer und arbeiten viel mit Videokursen, E-Learning und Fernunterricht. Das Wachstum von Anhanguera beruht auch nicht nur auf Zukäufen. Das Unternehmen hat auch immer weiter neue Standorte und Lernzentren nach seinem bewährten eigenen Modell eröffnet.

 

Geht solch schnelles Wachstum nicht zu Lasten der Qualität?

Das haben wir uns auch gefragt, aber die Daten, die uns vorliegen, sprechen für Anhanguera. Unter anderem wurde die Zufriedenheit der Studierenden erhoben, und das Ergebnis war ausgesprochen positiv. Zudem prüft auch das brasilianische Bildungsministerium die Qualität von Bildungsanbietern, und Anhanguera schneidet bislang überdurchschnittlich gut ab.

 

Was macht Anhanguera für Studenten attraktiv?

Die Ausbildung ist gut und kostet relativ wenig. Für ein Semester Betriebswirtschaftslehre verlangt Anhanguera 320 Reais, das entspricht rund 125 Euro. Diese Einschreibegebühren sind niedriger als bei der Konkurrenz. Außerdem nutzt Anhanguera geschickt seine Größe, um die Preise von Lehrmaterialien gering zu halten. Die wichtigsten Lehrbücher gibt es zu 20 Prozent des normalen Ladenpreises, weil Anhanguera mit den Verlagen riesige Sonderauflagen aushandelt. Der Inhalt stimmt mit den Originalausgaben überein, die Bücher sehen nur weniger schick aus. Alle haben den gleichen orangen Einband. Anhanguera benutzt diese Farbe als eine Art Markenzeichen. Und das geht auf einen Wasserschaden in den Anfangsjahren zurück. Mit weißer Farbe hätten die Wände mehrmals überstrichen werden müssen – und mit orange reichte es, einmal zu streichen, und das war billiger.

 

Es heißt oft, dass Universitäten in Schwellen- und Entwicklungsländern am Bedarf des Arbeitsmarktes vorbei lehren. Lohnt sich denn das Studium an der Anhanguera?

Ja, denn die Hochschule bildet in der Tat praxisnah aus. Das geht schon bei den Fächern los. Angeboten werden BWL, Informationstechnik, Architektur, Elektrotechnik et cetera, aber auch Fächer wie Sozialarbeit oder Krankengymnastik. Nach deutschem Verständnis handelt es sich eher um eine Fachhochschule als um eine Universität. Im Vordergrund steht immer die Lehre, geforscht wird an der Anhanguera nicht in nennenswertem Maße. Die Erfahrung zeigt, dass die Ausbildung die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert. Die brasilianische Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen, und der Fachkräftemangel ist eklatant. Ich weiß von einer jungen Frau, die an der Anhanguera Betriebswirtschaft studiert, und schon während des Studiums in einem Kino als Personalchefin arbeitet. Das ist natürlich kein hochqualifizierter Job, aber sie trägt Verantwortung und verdient Geld – und nutzt Wissen, das sie im Studium erworben hat.

 

Wenn die Ausbildung die Beschäftigungschancen nicht verbessern würde, würde sich das sicherlich schnell herumsprechen – und die Motivation der Studierenden einbrechen.

Das denke ich auch, denn solch ein Studium ist wirklich sehr anstrengend. Anhanguera ist hauptsächlich eine Abendschule. Tagsüber arbeiten die Studierenden, sie müssen ja Geld verdienen. Und in einer Megastadt wie São Paulo ist schon das Pendeln von Wohnung zu Job zu Hochschule aufreibend. Allein für Busfahrten gehen ohne weiteres zwei oder mehr Stunden drauf. Die Leute kommen nach den Lehrveranstaltungen erst gegen 23.00 oder 24.00 Uhr nach Hause, und viele müssen morgens schon wieder um fünf oder sechs aufstehen. Und wenn im Betrieb Feierabend ist, geht es gleich weiter auf den Campus. Die Hoffnung, mit einer abgeschlossenen Ausbildung einen besseren Arbeitsplatz zu finden, treibt die Studierenden aber an. Das entspricht einer in Lateinamerika weit verbreiteten Haltung. Die Leute wollen lernen und etwas aus ihrem Leben machen.

 

Bekommen die Studierenden Unterstützung vom Staat?

Der Staat vergibt subventionierte Studienkredite. Das Geld muss zurückgezahlt werden, aber die Konditionen sind okay. 2012 nutzten 80 000 Anhanguera-Studierende solch einen Kredit. In diesem Jahr soll die Zahl auf 100 000 steigen.

 

Aber das Studium an den großen staatlichen Eliteuniversitäten ist gebührenfrei.

Ja, das brasilianische Bildungssystem ist aus deutscher Sicht wenig fair. Die staatliche Universidade de São Paulo – kurz USP – hat einen hervorragenden Ruf, auch international, und das Studium an ihr kostet nichts. Die Aufnahmeprüfungen sind aber hart. Das staatliche Schulsystem bereitet seine Absolventen darauf nicht vor. Selbst die Absolventen teurer Privatschulen brauchen in der Regel Vorbereitungskurse, die sich über ein Jahr hinziehen und wieder viel Geld kosten, um die Aufnahmeprüfung zu schaffen. Es gelingt – mit sehr wenigen Ausnahmen – nur Angehörigen wirtschaftlich gut gestellter Familien, überhaupt an der USP zu studieren. Das Modell dient eindeutig der Elite.

 

Ist es politisch umstritten?

Im Oktober 2012 wurde ein Gesetz verabschiedet, dem zufolge die bundeseigenen Universitäten in vier Jahren mindestens 50 Prozent Studenten aus staatlichen Schulen aufnehmen müssen, und davon wird wiederum die Hälfte aus armen Einkommensschichten stammen müssen. Das ist aber  Zukunftsmusik. Die Bandbreite im Bildungssystem ist riesig, und die Leute nutzen die Chancen, die sie bekommen. Brasilien erlebt wie schon angedeutet seit einigen Jahren eine Art Wirtschaftswunder. Der Lebensstandard vieler Menschen ist deutlich gestiegen, und Bildungsangebote wie das von Anhanguera haben dazu beigetragen.

 

Warum hat die DEG Anhanguera mit einem Darlehen unterstützt?

Wir sind auf Anhanguera aufmerksam geworden, als eine Tochter des Equity Funds Patria, mit dem wir schon länger zusammenarbeiten, bei Anhanguera eingestiegen ist. Uns hat das eingeleuchtet, denn die Arbeit von Anhanguera ist gut und verbessert die Lebensperspektiven vieler Menschen. Dann brauchte Anhanguera Kapital, um weiter zu expandieren, und wir fanden – zusammen mit der zur Weltbank-Gruppe gehörenden International Finance Corporation und dem französischen Entwicklungsfinanzierer Proparco – das Vorhaben ebenso kredit- wie unterstützenswürdig. Wir haben im Jahr 2009 ein beteiligungsähnliches Darlehen in Höhe von 15 Millionen Euro mit einer Laufzeit von fünf Jahren bereitgestellt, mit dem Anhanguera neue Standorte aufbauen und die Studienprogramme erweitern konnte. Für uns war auch der Beschäftigungseffekt an der Uni selbst wichtig: Anhanguera beschäftigt über 10 000 Menschen, davon über die Hälfte Frauen. Indirekt entstehen weitere Arbeitsplätze bei Zulieferfirmen, etwa in den Bereichen Wartung, Gartenbau, Sicherheit und Kantine. Das Unternehmen zeichnet sich außerdem durch hohes soziales Engagement an den Standortgemeinden aus und bietet beispielsweise Alphabetisierungskurse sowie offene Bibliotheken für Kinder und Jugendliche.

 

Gudrun Busch hat bis Ende 2012 im Außenbüro in São Paulo der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) gearbeitet und leitet jetzt die Abteilung Finanzsektor in der Zentrale in Köln. Die DEG ist eine Tochter der KfW Bankengruppe und fördert den Privatsektor in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Korrektur, 19. 5. 2013: In der ursprünglich veröffentlichen Fassung dieses Interviews hieß es irrtümlich, Ungerechtigkeit im brasilianischen Bildungssektor sei kein politisches Thema, wobei die Gesetzgebung, die Quoten für benachteiligte Stundenten an bundeseigenen Hochschulen festschreibt, nicht erwähnt wurde. Wir bitten um Entschuldigung.