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Afrika und Lateinamerika

Faires Gold

von Pedro Morazán, Marie Müller

Hintergrund

Workers leaving an informal gold and copper mine in Peru

Workers leaving an informal gold and copper mine in Peru

Der Handel mit Rohstoffen erlebt derzeit einen enormen Boom. Besonders begehrt ist Gold, da immer mehr Anleger aus Furcht vor Währungskrisen einen Teil ihrer Reserven in Gold anlegen. Dank der gestiegenen Nachfrage hat sich der Goldpreis in den vergangenen zehn Jahren mehr als vervierfacht. Dies lockt Millionen von ­Kleinschürfern in den Goldabbau, die meist unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten – zum Beispiel in Peru oder in der Demokratischen Republik Kongo. Von Pedro Morazán und Marie Müller

Gold ist ein begehrtes Gut. Der Preis liegt derzeit bei rund 1600 Dollar je Unze. Nicht nur Händler, auch Produzenten wollen von diesem Boom profitieren. Dazu gehören auch Kleinschürfer, die im Goldabbau arbeiten.

Schätzungen zufolge sind weltweit mindestens 25 Millionen Menschen als Kleinschürfer aktiv, die ihrerseits rund 150 bis 170 Millionen Menschen ernähren. Ein erheblicher Teil von ihnen sucht Gold, liefert – je nach Quelle – zwischen zwölf und 25 Prozent der Weltproduktion, und hat damit einen höheren Marktanteil als das größte Unternehmen der Branche. Das Internationale Konversionszentrum Bonn (BICC) und das Südwind-Institut haben in Peru und in der Demokratischen Republik Kongo geprüft, ob die Organisierung der Kleinschürfer sowie die Zertifizierung von Gold dazu geeignet sind, die Situation der Menschen zu verbessern.

Das Beispiel Peru

Perus Wirtschaftswachstum basiert auf dem Export von Rohstoffen und Agrarprodukten. Dabei spielt der Goldexport eine wichtige Rolle: Allein im Jahr 2011 wurden rund 170 Tonnen Gold gefördert und mit deren Verkauf 37 Prozent der Exporteinnahmen erlöst. Neben dem Großbergbau findet man in Peru den traditionellen Kleinbergbau und Bergbau mittlerer Größe. Die Anzahl der Kleinschürfer beläuft sich in Peru auf mehr als 100 000, und sie fördern schätzungsweise 30 Prozent der gesamten Goldproduktion.

Der Goldabbau wird seit vielen Generationen betrieben. Zudem strömten in den letzten Jahren zusätzlich Menschen aufgrund der steigenden Goldpreise in die Fördergebiete. Entgegen ihren Erwartungen erzielen die Kleinschürfer jedoch keine hohen Einkommen, da sie einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen für die in Minengebieten überteuerten Nahrungsmittel ausgeben müssen.

Die Kleinschürfer leben zudem in einem Zustand rechtlicher Unsicherheit: Sie erfüllen nicht die Bedingungen, um eine legale Schürfkonzession zu erwerben, und werden folglich leicht zu Opfern von Korruption und Erpressung. Auch haben sie keinen Zugang zu Bankkrediten.

In allen Kleinschürferregionen gehören Unfälle durch Steinschlag oder Erdrutsche sowie der Umgang mit schlecht gesicherten Maschinen zum Alltag. Weitere Risiken drohen durch den weitverbreiteten Gebrauch von Quecksilber, mit dessen Hilfe das Gold von Geröll, Sand und Schlamm getrennt wird. Zwischen 40 und 70 Prozent der peruanischen Kleinschürfer sind durch den Hautkontakt mit Quecksilber oder das Einatmen seiner Dämpfe vergiftet.

In den Minengebieten Perus ist Kinderarbeit weit verbreitet. Das gilt auch für das Goldgeschäft. Sie beginnen oft im Alter von drei bis sechs Jahren ihren Familienangehörigen beim Waschen von Gold zu helfen. Mit sechs Jahren werden sie beim Schlagen des Gesteins eingesetzt, im Alter von neun Jahren auch unter Tage. Dabei sind manche sogar mit Sprengungen betraut. Beim Abtransport der Mineralien aus der Mine an die Erdoberfläche tragen sie bis zu 35 Kilogramm schwere Körbe auf dem Rücken durch enge Stollen.

Umweltschäden entstehen in erster Linie durch die unsachgemäße Anwendung von Quecksilber, das Böden und Gewässer verschmutzt. In manchen Regionen holzen zudem Kleinschürfer Regenwald ab, um Gold suchen zu können.

Der peruanische Staat hat mehrfach versucht, die Situation der Kleinschürfer zu verbessern. Korruption und fehlende Durchsetzungsmechanismen innerhalb des Staatsapparates führten allerdings dazu, dass sich wenig veränderte.

Ein neuer Ansatz besteht nun darin, Gold zu zertifizieren: Ihn verfolgt die 2004 gegründete Alliance for Responsible Mining (ARM), die auf Fair-Trade-Initiativen aufbaut. Sie will die sozialen und ökologischen Standards sowie die Arbeitsbedingungen im Kleinbergbau verbessern. Mit Hilfe von Zertifizierung sollte die Formalisierung und Organisation von Kleinschürfern vorangetrieben sowie sozial- und umweltverträgliche Effizienzsteigerungen in der Produktion erreicht werden.

Seit 2010 gibt es dank ARM und der Fair Trade Labelling Organisation (FLO) Standards für fair gehandeltes Gold. Die wichtigste Grundvoraus­setzung für die Zertifizierung ist die Mitgliedschaft in einer Art Genossenschaft. ARM/FLO sprechen von „Artisanal and Small Scale Miners’ Organisations“ (ASMOs).

Hält eine ASMO die Standards ein, kann sie ein Zertifikat erwerben. Die Kleinschürfer erhalten dann für ihr Gold einen Preis, der ihnen mindestens 95 % des internationalen Goldpreises plus zehn Prozent zusichert, sowie eine Zusatzprämie von fünf Prozent, falls weitergehende Umweltstandards eingehalten werden. 2011 wurden erstmals Minen zertifiziert.

Die ersten Erfahrungen zeigen, dass dieses Konzept dazu beitragen kann, die Arbeitsbedingungen armer Kleinschürfer zu verbessern und Umweltzer­störungen zu verringern. Allerdings ist ein funktionierender Staat mit Regulierungs- und Sanktions­mechanismen für den Erfolg wichtig. Kontrollen von Zertifizierern können korrupte staatliche Strukturen nicht ersetzen. Bei der offiziellen Vergabe von Schürfrechten und Konzessionen gibt es in Peru weiterhin erheblich Probleme.

Das Beispiel DR Kongo

Rund 90 Prozent der in der Demokratischen Republik Kongo geförderten Rohstoffe stammen aus dem artisanalen (nicht-maschinellen) Bergbau. Der Sektor beschäftigt nach Schätzungen der Weltbank zwischen 500 000 und 2 Millionen Kleinschürfer. Die Probleme decken sich mehrheitlich mit denen in Peru. Viele Kleinschürfer arbeiten informell, sind also nicht registriert.

Auch in der DR Kongo hat der Goldabbau eine lange Tradition. Ein Großteil der Arbeit wird jedoch mit der Hand und einfachsten Werkzeugen wie Spitzhacke, Schaufel, Eimer und Waschschüssel verrichtet.

Die Tatsache, dass die meisten Schürfer informell arbeiten, bedeutet indessen nicht, dass sie Abgabeerhebungen entgingen. Verschiedene Behörden regeln vor Ort den Zugang zu Goldlagerstätten. Staatliche Institutionen verkaufen Registrierkarten für Schürfer und Händler. Sie erheben auch teilweise weitere Abgaben, die über den legalen Rahmen hinausgehen.

Zudem kontrollieren traditionelle Autoritäten wie Dorfchefs den Zugang zu Land. Auch sie kassieren Geld. Zum Teil kooperieren staatliche und traditionelle Institutionen miteinander. Andernorts stehen sie im offenen, teilweise bewaffnet ausgetragenen Konflikt.

Verschärft werden solche Spannungen, wo große Bergbauunternehmen eine Explorationslizenz für Gebiete besitzen, in denen viele Kleinschürfer arbeiten. In der Region Südkivu hat beispielsweise der kanadische Konzern Banro die Goldförderung aufgenommen, so dass Kleinschürfer ihre Existenzgrundlage verlieren.

Für die DR Kongo ist das Thema Zertifizierung von Mineralien besonders brisant, denn der Abbau von – und Handel mit – Rohstoffen hat die Kriege der Jahre 1996 bis 2003 mitfinanziert. In den USA schreibt das Finanzmarktgesetz Dodd-Frank-Act aus dem Jahr 2010 börsennotierten Unternehmen vor, öffentlich Bericht darüber zu erstatten, wie sie vermeiden, auch nur indirekt durch den Erwerb von Metallen wie Gold, Zinn, Tantal und Wolfram Milizen in der DR Kongo Geld zukommen zu lassen.

Im Osten der DR Kongo beeinträchtigte bereits die Ankündigung der neuen Regel die Kleinschürfer immens. Es gab nämlich zunächst keine Strukturen, um Lieferketten transparent zu gestalten. Viele namhafte Unternehmen beziehen derzeit gar keine Rohstoffe mehr aus dem Kongo.

Eine Lösung soll ein System bringen, das die DR Kongo im März 2011 für den Mineralienhandel verpflichtend einführte. Es beruht auf zertifizierten Handelsketten (Certified Trading Chains/CTC). Vorbild ist das Nachbarland Ruanda, wo die Deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) an einem entsprechenden Vorhaben beteiligt war. Die CTC-Zertifizierung im Kongo soll den regionalen Regeln entsprechen, die auch in den Nachbarländern gelten.

Kurz- oder mittelfristig wird es aber kaum gelingen, das Zertifizierungssystem flächendeckend im Kongo einzuführen. Dagegen sprechen die fragile Sicherheitslage, die begrenzten staatlichen Kapazitäten und die starken ökonomischen Interessen, die in die illegale Ressourcenwirtschaft involviert sind.

Dennoch kann die Zertifizierung in einigen Gegenden und Bereichen dazu beitragen, die Lebensbedingungen der Kleinschürfer zu verbessern. Dafür ist aber die Gründung von Interessenvertretungen sehr wichtig.

Die Zertifizierungskriterien sind inzwischen von BGR und kongolesischer Regierung ausgearbeitet, doch es herrscht Unklarheit über die genaue Umsetzung. Auch die Grundbedingungen der Zertifizierung – Zugang zu legalen Konzessionen und die Organisation der Kleinschürfer in Kooperativen – gestalten sich schwierig. Da ein Großteil der Mineralienvorkommen im Ostkongo als Konzessionen an Industrieunternehmen vergeben ist, haben Kleinschürfer kaum die Möglichkeit, legale Konzessionstitel zu erlangen.

Schlussfolgerungen

Zertifizierungen im Kleinbergbau sollten folgende Aspekte berücksichtigen, um erfolgreich zu sein:
– Prozesse: An der Ausgestaltung der Kriterien für eine Zertifizierung sollten möglichst viele Interessengruppen beteiligt sein, einschließlich der Kleinschürfer und der Zwischenhändler. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Standards den örtlichen Verhältnissen angepasst sind. Bei der Umsetzung der Zertifizierung ist eine unabhängige Prüfung wichtig, um Legitimität zu garantieren.
– Vor- und Nachteile abwägen: Zertifizierung sollte auch finanzielle Vorteile bieten. Die FLO sieht dafür eine Handelsprämie vor. Fraglich ist aber, ob sie die zusätzlichen Investitionskosten deckt.
– Eine entscheidende Voraussetzung für erfolgreiche Zertifizierung ist der Zugang zu legalen Konzessionen. Im Ostkongo ist dies nur durch eine pragmatische und gütliche Einigung zwischen Konzessionsbesitzern, Kleinschürfervertretern und dem Staat möglich.
– Organisation der Schürfer: Die Erfahrung in Peru lehrt, dass Zertifizierungsprozesse nur gestartet werden können, wenn sich Kleinschürfer organisieren. Die Anforderungen an die Organisationsform der Schürfer sollten flexibel gestaltet sein.

Die Beispiele zeigen, dass eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kleinschürfern durchaus machbar ist. Voraussetzung dafür ist jedoch ein kompliziertes Zusammenspiel von internationalen Akteuren, Kleinschürfervertretungen, Händlern und Behörden.