Entwicklung und
Zusammenarbeit

Urbane Mobilität

Afrikas unterschätzter Weg zu nachhaltiger Mobilität

Zu Fuß gehen und Radfahren sind die günstigsten, klimafreundlichsten und inklusivsten Fortbewegungsarten in Städten. Mehr als ein Drittel aller Wege weltweit wird so zurückgelegt, aber in politischen Entscheidungen und bei Investitionen wird aktive Mobilität weiterhin zu wenig berücksichtigt. Angesichts der weltweit stark zunehmenden Motorisierung ist es wichtiger denn je, sie zu schützen und auszubauen.
Demonstration anlässlich der 8. UN Global Road Safety Week in Gaborone, Botswana, im Mai 2025. picture alliance/Xinhua News Agency/Tshekiso Tebalo
Demonstration anlässlich der 8. UN Global Road Safety Week in Gaborone, Botswana, im Mai 2025.

Der Klimawandel zwingt dazu, zu überdenken, wie Menschen in Städten von A nach B gelangen. Die Entscheidungen von heute bestimmen, ob das Leben in den Städten künftig gesünder und resilienter wird – oder ob es gefährlicher wird und Staus und Umweltverschmutzung zunehmen.

Die Motorisierung schreitet weltweit immer schneller voran, besonders in Asien und Afrika. Ohne entschlossene poli­tische Maßnahmen wird es bis weit in die Mitte des Jahrhunderts hinein immer mehr Fahrzeuge auf den Straßen geben. Doch in vielen Städten bringt dies die Infrastruktur schon jetzt an ihre Grenzen und erschwert es, Klimaziele zu erreichen und die Verkehrssicherheit zu verbessern. Der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln ist nach wie vor ungleich verteilt: Nur etwa 60 % der städtischen Bevölkerung weltweit können gut funktionierende Angebote nutzen. Das hat gravierende Folgen: Fußgänger*innen sind die am stärksten gefährdeten Verkehrsteilnehmenden und unverhältnismäßig hohen Risiken ausgesetzt. Sie machen 21 % der Verkehrstoten weltweit aus, in der Region Afrika sogar 33 %. 

Zwei Drittel der Länder haben zwar Maßnahmen zur Förderung des Fuß- und Radverkehrs verabschiedet, aber oft sind die Zugeständnisse noch immer sehr zurückhaltend – eine verpasste Chance. Fuß- und Radverkehr verursacht keine Emissionen und unterstützt die Klimaziele, besonders in Kombination mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Raumplanung. Er ist zudem sehr effizient – pro Stunde werden so sechs- bis achtmal mehr Menschen auf dem gleichen Straßenraum befördert als mit dem Auto. Studien zeigen, dass mehr als 40 % aller kurzen Autofahrten durch Fuß- und Radverkehr ersetzt werden könnten. Ein sichererer Fuß- und Radverkehr würde auch die Anzahl der Verkehrsunfälle senken, bei denen jährlich immer noch rund 1,2 Millionen Menschen ums Leben kommen.

Die Vorteile des Zu-Fuß-Gehens und Radfahrens – oft „aktive Mobilität“ oder „nicht motorisierter Verkehr“ genannt – werden in globalen Rahmenvereinbarungen zunehmend anerkannt. Sie tragen dazu bei, die UN-Entwicklungsziele (SDGs) zu erreichen, indem sie für bessere Gesundheit sorgen, die Gleichstellung der Geschlechter fördern, Emissionen reduzieren und Städte nachhaltiger machen. Sie werden auch in den national festgelegten Beiträgen (NDCs) im Rahmen des Pariser Abkommens als schnelle, erschwingliche und emissionsfreie Lösung hervorgehoben. UN-Habitat stellt in seiner Arbeit immer wieder heraus: Durch fußgänger- und radfahrerfreundliche Straßen – verbunden mit einem starken öffentlichen Nahverkehr und integrierter Wohnraumplanung – lässt sich die Abhängigkeit vom Auto reduzieren. Arbeitsplätze und Dienstleistungen werden erreichbarer und klimafreundliche Städte gefördert. 

Weshalb Gehen und Radfahren für Afrika wichtig sind

Die städtische Bevölkerung Afrikas wird sich bis 2050 von 700 Millionen auf 1,4 Milliarden verdoppeln; es werden also 700 Millionen mehr Menschen in den Städten leben. In diesem Wachstum liegt ein großes Potenzial, aber viele Menschen können die Möglichkeiten des Stadtlebens nicht nutzen. Millionen bleiben in Armut wegen schlechten Zugangs zu Jobs, Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialen Dienstleistungen. Zugang zu Mobilität ist Teil des Problems. Heute sind nur für 34 % der Stadtbewohner*innen in Subsahara-Afrika öffentliche Verkehrsmittel gut zugänglich – die niedrigste Quote weltweit. Wo es solche Dienste überhaupt gibt, sind sie oft unzuverlässig. 

Zwischen 70 und 90 % des öffentlichen Nahverkehrs werden über informelle Minibusse und Paratransit-Dienste gestemmt, wie das Africa Transport Policy Program (SSATP) berichtet, ein Forum für Transportpolitik, dem 43 afrikanische Länder als Mitglieder angehören. Diese Dienste sind zwar für die tägliche Mobilität unverzichtbar, aber meist unkoordiniert und gewinnorientiert. Sie bedienen meist profitable Strecken, oft unter gefährlichen Bedingungen. Zwar entstehen auch neue U-Bahn-Linien und Bus-Rapid-Transit-Systeme (BRT), doch sind diese oft nicht an ärmere Stadtteile angebunden. Auch sind sie oft nicht bezahlbar. 

Da es sowohl an zuverlässigen öffentlichen Verkehrsmitteln mangelt als auch an sicherer Rad- und Fußgängerinfrastruktur, nutzen immer mehr Menschen private Autos und Motorräder. Aufgrund des Bevölkerungswachstums und steigender Einkommen könnte es in Afrika bis 2050 bis zu viermal so viele Fahrzeuge geben als bisher. Wenn Städte nicht auf nachhaltigere Formen der Mobilität umstellen, werden Staus und Luftverschmutzung zunehmen, und der Verkehr könnte gefährlicher werden.

Zu-Fuß-Gehen und Radfahren sind direkte und erschwingliche Lösungsansätze. Sie sind die zugänglichsten Mittel der Fortbewegung, besonders für junge Menschen, Frauen und andere gesellschaftlich benachteiligte Gruppen. In ganz Afrika sind sie längst das Rückgrat der täglichen Mobilität. Bis zu 78 % der Bevölkerung laufen jeden Tag zur Schule, zur Klinik, zum Einkaufen, zur Arbeit oder zu öffentlichen Verkehrsmitteln – oft haben sie gar keine andere Wahl. Das sind insgesamt fast eine Milliarde Menschen, die täglich etwa eine Stunde lang zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind.  

Obwohl Zu-Fuß-Gehen und Radfahren eine so große Rolle spielen, werden sie in der Verkehrsplanung und bei Investitionen immer noch zu wenig berücksichtigt. Dies führt zu negativen Konsequenzen für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen: Sie müssen oft Straßen ohne Gehwege nutzen, gefährliche Kreuzungen überqueren und sich gegen starken Verkehr behaupten. Zudem sind sie mit Luftverschmutzung konfrontiert und dem Risiko durch zu schnell fahrende Fahrzeuge ausgesetzt. In vielen afrikanischen Städten ist Zu-Fuß-Gehen oder Radfahren sogar mehr als nur unangenehm – es ist lebensgefährlich. Täglich sterben schätzungsweise 261 Fußgänger*innen und 18 Radfahrer*innen auf afrikanischen Straßen.

Die Zukunft der Mobilität

Afrikas Mobilitätszukunft muss so geplant, aufgebaut und erhalten werden, dass der Mensch in ihrem Zentrum steht. Indem sie dem Zu-Fuß-Gehen und Radfahren oberste Priorität einräumen, können Städte ihre Straßen sicherer, die Luft sauberer und städtisches Wachstum integrativer gestalten. Die Vorteile sind gut belegt – was fehlt, ist die Priorisierung. Die Länder müssen sich von großen Schnellstraßen und Stadtautobahnen verabschieden und stattdessen in integrierte, barrierefreie öffentliche Mobilitätssysteme investieren. Eine inklusive Politik, gerechtere Investitionen und ein besserer Gestaltungsrahmen können das Zu-Fuß-Gehen und Radfahren aufwerten: von Maßnahmen der letzten Wahl zu Grundsteinen nachhaltiger Stadtentwicklung.

Tatsächlich kommt Schwung in dieses Thema. Die zuständigen Minister*innen sollen 2026 dem panafrikanischen Aktionsplan für aktive Mobilität zustimmen – koordiniert von UNEP, UN-Habitat und WHO mit Unterstützung der Afrikanischen Union und der UNECA (Wirtschaftskommission der UN für Afrika). Der Plan wird bereits in fünf Ländern umgesetzt. Er soll die Bemühungen auf dem gesamten Kontinent beschleunigen und dem Zu-Fuß-Gehen und Radfahren in Planung, Politik und Investitionen die verdiente Anerkennung verschaffen. Städte wie die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba haben gezeigt, wie sich das urbane Umfeld verbessern kann, wenn Zu-Fuß-Gehen und Radfahren ernst genommen werden und Investitionen in den Aufbau einer geeigneten Infrastruktur fließen.

In Afrikas Städten müssen zuallererst Menschen unterstützt werden, die sich bereits zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegen – diese Arten der Fortbewegung gilt es sicherer, einfacher und angenehmer zu gestalten. Es geht hier sowohl um Nachhaltigkeit als auch um Würde. Dazu gehören Straßen, auf denen Kinder sicher zur Schule gehen und Frauen und ältere Menschen sich frei bewegen können. Radfahren sollte eine echte Option sein, und öffentliche Verkehrsmittel erschwinglich. Nur so kann Afrika eine grünere und lebenswertere urbane Zukunft gestalten – und dabei zugleich die Nachteile einer zunehmenden Motorisierung vermeiden.

Links

UN-Habitat Urban Indicators Database

Africa Transport Policy Program

OECD et al., 2025: Africa’s Urbanisation Dynamics 2025. Planning for urban expansion.

UNEP, UN-Habitat, WHO, 2024: Pan African Action Plan for Active Mobility (PAAPAM).

UN-Habitat, 2022: Walking and cycling in Africa. Evidence and good practice to inspire action. 

Stefanie Holzwarth ist Programme Management Officer für urbane Mobilität in der Urban Basic Services Section bei UN-Habitat. Sie unterstützt nationale Regierungen und Stadtverwaltungen weltweit bei der Gestaltung nachhaltiger Mobilitätskonzepte, die Städte integrativer, widerstandsfähiger und menschenzentrierter machen.
stefanie.holzwarth@un.org 

Neueste Artikel

Beliebte Artikel