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Photovoltaik

„Riesiges Potenzial“

von Engidaw Abel Hailu, Hans-Christoph Neidlein

Meinung

Ein solarer Handwagen, der von Studenten der Universität Arba Minch entwickelt wurde.

Ein solarer Handwagen, der von Studenten der Universität Arba Minch entwickelt wurde.

In Entwicklungsländern wie Äthiopien ist die Verbesserung der Stromversorgung eine wesentliche Herausforderung. Viele ländliche Regionen sind nicht ans Leitungsnetz angeschlossen – und es hat keinen Sinn darauf zu warten, dass dies irgendwann der Fall sein wird. Auch ohne Netzanschluss können der Lebensstandard verbessert und neue Einkommensquellen erschlossen werden. Das geht beispielsweise mit Hilfe von Photovoltaik, wie Engidaw Abel Hailu von der äthiopischen Universität Arba Minch im Interview mit Hans-Christoph Neidlein erläutert.

Welche Rolle spielt Solarenergie für die Stromversorgung im ländlichen Äthiopien?
Der Großteil der Bevölkerung Äthiopiens lebt auf dem Land und ist nicht an das nationale Stromnetz angeschlossen. Nur eine kleine Minderheit kann sich teure Dieselgeneratoren leisten, und Diesel ist auch nicht immer verfügbar. Deshalb sind netzunabhängige Photovoltaikanlagen mit integrierter Batterie sehr nützlich. Mittlerweile gibt es landesweit schon über 13 200 solcher Off-Grid-Solaran­lagen, die unabhängig vom Netz Strom produzieren und speichern.

Werden mit netzunabhängiger Photovoltaik auch Arbeitsplätze im ländlichen Raum geschaffen?
Das Potenzial ist meiner Meinung nach riesig – vor allem für Kleinunternehmen. Bauern können beispielsweise kleine Mühlen mit Solarstrom dezentral betreiben. Das versetzt sie in die Lage, auf den örtlichen Märkten Mehl statt nur vergleichsweise billiges Getreide zu verkaufen. Sie können auch Wasserpumpen betreiben und diesen Service sogar anderen Landwirten anbieten. Etliche Dorfbewohner haben schon Solar-Kioske mit Lade-Service für Mobiltelefone und andere Geräte; manche verkaufen auch gekühlte Getränke. Off-Grid-Photovoltaik ermöglicht im ländlichen Raum Dienst­leist­ungen, die es bisher nur in den Städten gab. In einem Dorf in der Nähe von Arba Minch haben wir einen mit Solarstrom betriebenen Frisörsalon auf den Weg gebracht. Die Kunden standen schon am ersten Tag Schlange. Dezentrale Photovoltaik verbessert zweifellos die Einkommensmöglichkeiten und hebt den Lebensstandard generell.

Werden Photovoltaiksysteme und Komponenten auch lokal in Ihrem Land hergestellt?
Momentan werden die meisten Komponenten und Systeme aus Europa und China importiert. Doch wenn der äthiopische Solarmarkt weiterwächst, glaube ich, dass langfristig die lokale Produktion zumindest einiger Komponenten ökonomisch sinnvoll wird und so zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden können.

In Ländern, wo die Solarmärkte schon weiterentwickelt sind als in Äthiopien, wurde Photovoltaik in den vergangenen Jahren immer günstiger. Ist die Technologie mittlerweile auch in Äthiopien erschwinglich?
Ja, die Preise sind auch hier rasch gefallen. Mittlerweile kostet eine komplette 60-Watt-Anlage samt Batterie rund 12 000 Birr, das entspricht ungefähr 450 Euro. Vor einem Jahr lag der Preis noch bei circa 20 000 Birr. Off-Grid-Solarstrom kostet derzeit knapp 10 Birr pro Kilowattstunde. Das ist viel billiger als Strom von Dieselgeneratoren, der mehr als 30 Birr pro Kilowattstunde kostet. Eine netzunabhängige Photovoltaik­anlage kann sich für einen Kleinunternehmer schon innerhalb von ein bis zwei Jahren amortisieren.

Das hört sich gut an, aber kann sich die ländliche Bevölkerung solche Anlagen leisten?
In einigen Regionen hat die Bevölkerung Zugang zu Mikrofinanzinstitutionen, die Zinsen zwischen zehn und 15 Prozent verlangen. Es wäre gut, wenn es solche Kleinkreditmöglichkeiten im ganzen Land gäbe. Es tun sich aber leider viele Kleinunternehmer auch schwer damit, die Kredit­bedingungen zu erfüllen. Beispielsweise erwarten etliche Mikrofinanzierer, dass Unternehmensgründer einen 20-prozentigen Eigenkapitalanteil mitbringen. Auf dem Land haben viele Menschen nicht einmal eine registrierte Adresse, wie sie Mikrofinanzinstitutionen verlangen. Oft wollen sie, dass die Leute Haus- und Grundbesitz nachweisen, was die Landbevölkerung aber typischerweise gar nicht kann.
 
Was sollte die äthiopische Regierung tun, um den Zugang zu Finanzdienstleistungen zu verbessern?
Angesichts der weitverbreiteten Armut wäre es gut, wenn unsere Regierung direkte Zuschüsse gewähren würde. Aber immerhin hat sie Solarsysteme von der Steuer und von Importzöllen befreit. Diese wichtige Maßnahme ist bereits erfolgt.
 
Wie wichtig sind Aus-, Fort- und Weiterbildung?
Bildung ist entscheidend. Bis jetzt wissen große Teile unserer Bevölkerung kaum etwas über die Möglichkeiten der dezentralen solaren Stromversorgung. Das Energieministerium fördert seit kurzem einschlägige Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für Elektroinstallateure, und das ist gut so. Ausländische Organisationen helfen ihrerseits dabei, Bewusstsein für die Anwendungsmöglichkeiten von Solarenergie in ländlichen Schulen oder Gesundheitszentren zu schaffen. Es ist wichtig, die Landbevölkerung zu erreichen. Netzunabhängige Photovoltaikanlagen zu betreiben ist nicht schwer, wenn man nur einige grundlegende Fertigkeiten beherrscht und ein Grundverständnis dieser Technik hat.

Was tut die Universität Arba Minch in diesem Bereich?
Vor vier Jahren haben wir in Zusammen-arbeit mit Sohay Solar Africa, einer zivilgesellschaftlichen Organisation aus Deutschland, ein Solarkompetenzzentrum aufgebaut. Wir schulen dort Ingenieure und Elektrotechniker und haben schon über 300 Studenten aus- und weitergebildet. Wir gehen auch in die Agrarregionen und schulen Leute vor Ort. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Neu-Ulm betreiben wir das „Applied Entrepreneurship Education Programme“ (AEEP). Dabei geht es darum, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen, die auf der Anwendung netzunabhängiger Photovoltaik basieren. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und private Unternehmen sind daran ebenfalls be­teiligt. Zusammen mit unseren deutschen Partnern wollen wir Existenzgründern den Weg bereiten. Wir institutionalisieren zudem dauerhafte Schulungs- und Ausbildungsangebote. Es geht beim AEEP vor allem um betriebswirtschaftliche Aspekte, während unser Solarkompetenzzentrum stärker technische Fertigkeiten vermittelt. Sieben unserer Tutoren waren im vergangenen Jahr acht Wochen lang in Neu-Ulm und wurden dort unterrichtet. Anschließend haben wir im vergangenen Sommer in Arba Minch Kurse für rund 50 Teilnehmer veranstaltet.

Gibt es greifbare Ergebnisse?
Ja, unsere Studenten haben verschiedene Produkte und Geschäftsideen entwickelt. Beispielsweise einen Handwagen mit einer solaren Ladestation, mobile solare Fotostudios, die mit Laptop und Drucker ausgerüstet sind, oder auch eine mobile Eismaschine. Sie haben Konzepte formuliert, um diese Produkte zusammen mit lokalen Kleinunternehmern über Franchising zu vertreiben. Wir sind gerade dabei, dies in der Region rund um Arba Minch und in Laka, einem abgelegenen Bergdorf ungefähr 60 Kilometer außerhalb der Stadt, zu erproben. Wir kommen trotz praktischer Herausforderungen wie heftiger Regenfälle und überschwemmter Straßen in den Bergen gut voran.
 
Warum ist die Beteiligung von Privatunternehmen wichtig?
Sie ist sogar äußerst wichtig, weil sie uns erlaubt, auf die praktischen Erfahrungen von Firmen wie Phaesun aus Deutschland zurückzugreifen. Phaesun ist auf Off-Grid-Systeme spezialisiert und bereits seit Jahren in Äthiopien aktiv. Es begeistert unsere Studenten, zu sehen, dass sich Photovoltaik in der Tat wirtschaftlich rentiert – und dass das sogar auf das internationale Geschäft zutrifft.
 

Engidaw Abel Hailu leitet das Solarkompetenzzentrum an der Universität Arba Minch (Äthiopien).
[email protected]

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