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Ländliche Entwicklung

„Alle einbeziehen“

von D+C | E+Z

Hintergrund

“Small-farm development correlates clearly with rural poverty reduction and agricultural growth.” Herdswoman in the Peruvian Andes.

“Small-farm development correlates clearly with rural poverty reduction and agricultural growth.” Herdswoman in the Peruvian Andes.

Armut und Mangel an Nahrung sind vor allem Probleme des ländlichen Raums. Sie müssen deshalb dort angegangen werden, wenn die Millenniumsziele zur Armutsreduzierung erreicht werden sollen. Lennart Bage vom Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) meinte im Interview mit Tillmann Elliesen, dass mehr Fördermittel helfen würden. [ Interview mit IFAD-Präsident Lennart Bage ]

Welche Investitionen in Landwirtschaft und ländliche Entwicklung sind am dringendsten?
Wir müssen vor allem den Aufbau von Institutionen fördern, insbesondere Bauernvereinigungen und andere ländliche Organisationen. Wer Menschen zur Überwindung der Armut befähigen will, muss sie in die Lage versetzen, sich Zugang zu Ressourcen, Dienstleistungen und Märkten zu verschaffen. Nötig sind Investitionen in ländliche Finanzinstitutionen, in Genossenschaften, in die praxisorientierte Fortbildung von Bauern, Wertschöpfungsketten und in ländliche Industrien. Wir müssen zudem Lokalverwaltungen unterstützen, um Fortschritte beim Bau von Straßen im ländlichen Raum, in der Wasserversorgung, der Bewässerung und so weiter zu erzielen. Mittel für eine an den Bedürfnissen der Armen orientierte Agrarforschung werden auch gebraucht.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Entwicklung verschiedener Weltregionen?
Hohe staatliche Investitionen in Ost-, Südost- und Südasien haben eindeutig zur Verbesserung der Ernährungssicherheit beigetragen. Südlich der Sahara dagegen bleibt die Armut groß – und das erste Millenniumsziel wird höchstwahrscheinlich nicht erreicht. Die öffentlichen Agrarausgaben waren in Afrika schon immer gering und sind in den 1990er Jahren noch zurückgegangen. Seither stagnieren sie. Die Grüne Revolution wäre in Asien ohne starke öffentliche Förderung und ohne strenge Marktregulierungen nie gelungen. Auch was Industrienationen in Bereichen wie Nahrungsstandards, Biotechnologie oder Subventionen tun, unterstreicht die Bedeutung staatlichen Handelns.

Sollten die Entwicklungsländer Selbstversorgung anstreben oder auf Exportorientierung setzen?
Wachstum muss marktorientiert sein. Die Nachfrage nach Agrarprodukten steigt am schnellsten in den Entwicklungsländern dank der stark wachsenden städtischen Bevölkerung. Die wichtigste Frage für die meisten Kleinbauern ist, wie sie besseren Zugang zu lokalen, nationalen und regionalen Märkten erhalten. Selbstversorgung und Exportorientierung sind keine Alternativen. Da Armut und Ernährungssicherheit weiter große Probleme sind, brauchen wir eine zweigleisige Strategie. Nötig ist kluge politische Regulierung, denn in der Landwirtschaft ist Marktversagen häufig und die Transaktionskosten sind hoch.

Wie wichtig sind Landreformen und eine gerechte Landverteilung?
Landlose und Menschen mit unsicheren Landrechten leiden am häufigsten unter Hunger, haben wenig Kontrolle über ihr Leben und spüren als Erste die Folgen von Dürren, Unweltschäden oder steigenden Preisen. Für die Stärkung armer Landbewohner ist es deshalb zentral, dass sie gerechten Zugang zu Land und sicheren Landrechten erhalten. Ein strategisches Ziel von IFAD lautet daher „sicherzustellen, dass arme Frauen und Männer auf dem Land auf nationaler Ebene besseren und dauerhaften Zugang zu natürlichen Ressourcen (Land und Wasser) erhalten, um diese effizient nutzen zu können“. Andernfalls sind die Millenniumsziele nicht zu erreichen. Ein Haken ist allerdings, dass staatliche Grundbücher und Rechtstitel traditionelle Gewohnheitsrechte oft nicht berücksichtigen. Daher bedeutet dieser Ansatz nicht immer höhere Rechtssicherheit und mehr Investitionen. Auch profitieren nicht unbedingt die Armen. Manchmal verschaffen sich mächtige Eliten Vorteile, indem sie die Formalisierung von Landrechten beeinflussen.

In der Sahelzone haben sich die Spannungen zwischen ansässigen Bauern und viehhaltenden Nomaden in den vergangenen Jahrzehnten verschärft. Wie kann das Konfliktpotenzial verringert werden?
IFAD setzt sich für einen breiten gesellschaftlichen Dialog, Gespräche mit allen Beteiligten und die Stärkung der Zivilgesellschaft ein, um in politischen Prozessen und der Entwicklungsplanung die verschiedenen Parteien zu berücksichtigen. Ein solches integrierendes Vorgehen ist wichtig und hat sich als erfolgreich erwiesen, beispielsweise in Niger. Aber für dauerhafte Lösungen sind höhere Produktivität und Profitabilität der Vieh- und der Landwirtschaft nötig – womit wir wieder beim Thema öffentliche Investitionen sind.

Einige Experten argumentieren, langfristig sei es nicht sinnvoll, viele Kleinbauern zu unterstützen und zu schützen, da große Landwirtschaftsbetriebe effizienter seien. Was halten Sie davon?
Das sehe ich nicht so. Mit den richtigen Investitionen können Kleinbauern ebenso effizient produzieren wie Großbetriebe – und der armutsmindernde Effekt ist sogar größer. Die Entwicklung kleiner Höfe korreliert eindeutig mit Armutsreduzierung und landwirtschaftlichem Wachstum. Kleine Bauernhöfe produzieren besonders arbeitsintensiv, und die Nachfrage dieser Haushalte nach lokal hergestellten Gütern und Dienstleistungen fördert tendenziell auch das Wachstum der nichtlandwirtschaftlichen lokalen Wirtschaft sowie der ländlichen Städte. Außerdem sind kleine landwirtschaftliche Einheiten normalerweise besser dafür gerüstet, mit dem Klimawandel umzugehen. Beispielsweise braucht der traditionelle Regenfeldanbau weniger Wasser als große, bewässerte Plantagen.

Die Herstellung von Biotreibstoff gewinnt zunehmend an Bedeutung. Was bedeutet das für die armen Länder?
Der hohe Preis für fossile Treibstoffe macht Biokraftstoff rentabel. Die Biotreibstoffproduktion in Entwicklungsländern kann zur Armutsbekämpfung beitragen, weil die Preise für Agrargüter und mit ihnen die Einkommen sowie die Chancen auf Arbeit in der Landwirtschaft und anderen Bereichen steigen. Zudem können ausländische Devisen eingespart und durch Exporte neue hinzuverdient werden. Allerdings muss die Sorge ernst genommen werden, Treibstoffplantagen könnten arme Landbewohner von ihrem Land vertreiben und zur Reduzierung der Biodiversität beitragen.

Aber führt die Biospritproduktion nicht auch zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise?
Die Bedingungen sind von Land zu Land verschieden. Beim gegenwärtigen Stand der Technik werden die steigenden Preise für fossile Energien wahrscheinlich zu einer wachsenden Nachfrage nach Agrarprodukten führen – und damit zu höheren Lebensmittelpreisen. Das könnte potenziell den langfristigen Trend sinkender Preise für Agrarprodukte in den letzten 40 Jahren umkehren.

Welche Konsequenzen hätte das?
Höhere reale Preise für Agrarprodukte würden Möglichkeiten eröffnen, aber auch Herausforderungen für ländliche Gebiete und Industrien sowie die Ernährungssicherheit bringen. Kurzfristig würden sie wahrscheinlich die ländlichen Gebiete wiederbeleben und zu höheren Einkommen, mehr Beschäftigung und zur Armutsreduzierung beitragen. Andererseits könnte sich die Ernährungssicherheit verschlechtern, wenn Angebot und Nachfrage aus dem Gleichgewicht geraten. Dieses Problem könnte aber durch neuere Technologien zur Steigerung des Zuckergehalts von Biomasse vermieden werden. Dadurch wiederum stünde mehr Getreide als Lebensmittel zur Verfügung. In jedem Fall muss mehr in Forschung und Entwicklung investiert werden, damit die Biotreibstoffproduktion nicht nur den kommerziellen Großbauern nutzt, sondern auch den Kleinbauern.