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Politischer Einfluss

Spiel mit religiöser Identität

von Carlos Albuquerque

Hintergrund

Die brasilianischen Bischofskonferenz folgt Papst Franziskus, der Präsident stellt sich gegen ihn.

Die brasilianischen Bischofskonferenz folgt Papst Franziskus, der Präsident stellt sich gegen ihn.

Politik und Religion sind in Brasilien eng verflochten. Als Jair Bolsonaro für die Präsidentschaft kandidierte, erfuhr er große Unterstützung von evangelikalen Christen, aber auch viele Katholiken wählten ihn. Der heutige Staatschef setzt seine mehrdeutige religiöse Identität ein, um ein breites Publikum zu erreichen, und spaltet dabei die Katholiken.

Unter den Anhängern der Frei- und Pfingstkirchen in Brasilien war die Zustimmung zu Bolsonaro bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr weitaus höher als im Durchschnitt der Bevölkerung. Auch Katholiken tendierten eher zu dem rechtsnationalen Kandidaten, der sich in der Stichwahl mit gut 55 Prozent gegen Fernando Haddad von der Arbeiterpartei durchsetzte, aber in weitaus geringerem Maße als die Evangelikalen.

Bolsonaro ist von Hause aus Katholik – und als solcher auch beim Obersten Wahlgericht registriert –, ließ sich aber später von einer Pfingstkirche taufen, deren Gottesdienste er auch regelmäßig besucht. Auch seine Frau und Kinder sind Evangelikale.

Es wäre zu kurz gegriffen, Bolsonaros Sieg allein durch religiöse Zugehörigkeiten zu erklären. So wählten ihn zum Beispiel auch die Menschen im Süden, Gebildete und Besserverdienende mit großer Mehrheit. Selbst rund 30 Prozent der LGBTI-Personen, also Menschen, die von den heterosexuellen Normen abweichen, und knapp die Hälfte der Afrobrasilianer stimmten für Bolsonaro – obwohl er sexuelle und ethnische Minderheiten herabwürdigt.

Die Analyse der Stimmenverteilung muss unbedingt die Krise berücksichtigen, die das Land durchmacht und die Gesellschaft als Ganzes durchdringt. Die Menschen führen diese Krise auf Korruption und die früheren Regierungen der Arbeiterpartei zurück. Bolsonaro hat es geschafft, sich im Wahlkampf als Gegenpol zu der „alten Politik“ zu positionieren.

Trotzdem ist die Unterstützung der Pfingstkirchen wichtig (zu ihrer Bedeutung in Brasilien siehe auch meinen Beitrag in E+Z/D+C 2013/05), und Bolsonaro hatte sie schon immer im Blick. So zitiert er in seinen Reden zum Beispiel regelmäßig aus der Bibel. Vor drei Jahren ließ er sich und seine drei Söhne Flavio, Carlos und Eduardo, die ebenfalls wichtige Rollen in der Politik spielen, in den Gewässern des Jordans im Nordosten Israels taufen.

Für die Soziologin Christina Vital von der Bundesuniversität Fluminense (Universidade Federal Fluminense – UFF) war diese Taufe nicht allein Ausdruck einer evangelikalen Bekehrung. Sie erkennt darin einen Versuch der Bolsonaros, sich eine mehrdeutige religiöse Identität zu verschaffen: Der Präsident „stellt sich als Katholik vor, ist aber mit einer Evangelikalen verheiratet und wurde in den Gewässern des Jordans getauft“. Er habe seine Kandidatur als „göttliche Mission“ dargestellt, weil er selbst „unbedeutend“ sei und trotzdem eine solche Bekanntheit erlangt habe, erklärt Vital.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie hat sie eine Zunahme der Nominierungen von Kandidaten bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen festgestellt, die offiziell katholisch sind, aber große Unterstützung von Evangelikalen erhalten. Sie bezeichnet diese Politiker als Verbündete der Evangelikalen (Aliados dos Evangélicos – ADE). Außer Bolsonaro gehört dazu beispielsweise auch der Gouverneur von Rio de Janeiro, Wilson Witzel.

Schätzungen zufolge machen Evangelikale inzwischen mehr als 30 Prozent der brasilianischen Bevölkerung aus. 1980 waren es nach Angaben des brasilianischen Instituts für Geographie und Statistik nur 6,6 Prozent, bis 2000 stieg der Anteil auf 15,4 Prozent und bis 2010 auf 22,2 Prozent. Die nächste Zählung steht 2020 an.

Laut Vital ist die stetige Zunahme des Evangelikalismus ein Phänomen, das über die Religion hinausgeht: „Er wächst gleichzeitig auf der gesellschaftlichen Ebene und in Machträumen wie den Medien sowie in politischen Ämtern auf Bundes-, Länder- und Kommunalebene.“ Den nächsten Schritt stelle die Beeinflussung der Justiz durch evangelikale Vorstellungen dar. „Das ist keine Zukunftsvision, sondern passiert schon jetzt“, sagt Vital.

Anfang Juli lud Bolsonaro evangelikale Senatoren und Abgeordnete, die im Parlament eine eigene parteiübergreifende Fraktion bilden, zu einem Frühstück in seinen Amtssitz, dem Planalto-Palast, ein. Das Treffen fand am Tag nach der ersten Abstimmung über die Rentenreform statt, bei der diese Abgeordneten und Senatoren dem Präsidenten ihre volle Unterstützung bewiesen hatten. Beim Frühstück versprach Bolsonaro ihnen, einen „streng evangelikalen“ Richter für einen Sitz am Bundesverfassungsgericht zu nominieren.


Verbreiteter Konservatismus

Rund 166 Millionen von insgesamt 210 Millionen Brasilianern geben an, dass sie religiös sind. Und: „Die meisten religiösen Menschen in Brasilien, ob katholisch oder evangelisch, sind konservativ“, sagt Vital. Nicht alle Konservativen unterstützten den Autoritarismus, doch viele wünschten sich eine Rückkehr zu gesellschaftlichen Normen, deren Verlust sie einer linken Sozialagenda ankreiden, die Minderheiten schützte und Vielfalt propagierte. Das widerspricht nach Ansicht der Evangelikalen dem Ideal der Familie.

In Bolsonaro sehen Konservative einen Verteidiger traditioneller Werte. Doch während beispielsweise die einflussreiche Universalkirche des Reichs Gottes (Igreja Universal do Reino de Deus – Iurd) mit ihrem Gründer Edir Macedo, Besitzer eines Medienimperiums, an der Spitze, offen zur Unterstützung Bolsonaros aufrief, bezog die brasilianische Bischofskonferenz (Conferência Nacional dos Bispos do Brasil – CNBB) keine klare Position. Zwar hatte ihr damaliger Vorsitzender, Kardinal Sérgio da Rocha, Anfang 2018 gesagt, die Katholiken sollten keine Kandidaten unterstützen, „die Gewalt fördern und Lösungen predigen, die die Konflikte in Brasilien noch mehr verschärfen könnten“. Doch die Bischöfe veröffentlichten daraufhin eine Erklärung, in der sie klarstellten, dass die CNBB sich nicht zu den Präsidentschaftskandidaten äußere.

Andererseits empfing der Erzbischof von Rio de Janeiro, Orani Tempesta, Bolsonaro im Oktober vergangenen Jahres zehn Tage vor der Stichwahl. Bei dem Treffen versprach der damalige Kandidat, „die Familie zu verteidigen, die Unschuld des Kindes im Klassenzimmer zu verteidigen, die Religionsfreiheit zu verteidigen“. Er kämpfe gegen Abtreibung und gegen die Legalisierung von Drogen.

Das kam bei konservativen Katholiken gut an. Dass er schließlich auch überdurchschnittlich viele Stimmen aus diesem Lager erhielt, zeigt die Spaltung innerhalb der katholischen Kirche Brasiliens. Der Journalist Mauro Lopes schrieb in einem Beitrag, die CNBB halte ein prekäres Gleichgewicht aufrecht: „Obwohl ihre Führung auf Papst Franziskus ausgerichtet ist, vermeidet sie jede Konfrontation mit den mächtigen Fundamentalisten.“ Der aus Argentinien stammende Papst setzt sich für die Armen und soziale Gerechtigkeit ein und hat den globalen Klimanotstand ausgerufen.

Lopes weist auch darauf hin, dass Ex-Präsident Lula da Silva katholisch ist. „Bis heute aber hat ihn kein Bischof oder keine CNBB-Delegation im Gefängnis von Curitiba besucht.“ Dort verbüßt er eine Haftstrafe wegen Korruption. Dabei schickte Papst Franziskus Ende Mai dieses Jahres einen Brief an Lula, der als Unterstützung für ihn zu interpretieren ist. Er schrieb darin unter anderem, dass die Menschen dank des „Triumphs Jesu über den Tod“ glauben sollen, dass „am Ende das Gute das Böse überwinden wird, die Wahrheit die Lügen besiegen wird und die Erlösung die Verurteilung besiegen wird“.

Anfang Mai wurde der Erzbischof von Belo Horizonte, Walmor Oliveira de Azevedo, zum neuen Präsidenten der Brasilianischen Bischofskonferenz gewählt. Seine Wahl wird als Abkehr vom weithin erwarteten Rechtsruck der CNBB gewertet: Der 65-jährige Kardinal gilt als moderat und stimmt in vielen Punkten mit Papst Franziskus überein.

Dieser machte sich jüngst bei Bolsonaros Leuten unbeliebt, indem er ein Seminar einberief, um die Probleme der Amazonas-Region zu erörtern. Es soll vom 6. bis zum 27. Oktober in Rom stattfinden. Einem Bericht der Tageszeitung O Estado de S. Paulo zufolge bezeichnete der Chef des brasilianischen Geheimdienstes Abin (Agência Brasileira de Inteligência), General Augusto Heleno, die Amazonas-Synode als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten Brasiliens“ und sagte, dass „einige Themen dieser Agenda ein Problem der nationalen Sicherheit“ seien. Die Regierung sieht offenbar die nationale Souveränität in der Region bedroht.

Dem gleichen Zeitungsbericht zufolge bezeichnete Heleno die CNBB als „potenziellen Gegner“. Regierungsmitglieder glauben, dass die brasilianischen Bischöfe, die an den Treffen im Vatikan teilnehmen, linksgerichtet seien. Bereits 2018 hatte Bolsonaro gesagt, die CNBB gehöre zum „faulen Teil der katholischen Kirche“.


Carlos Albuquerque arbeitet für das Brasilien-Programm der Deutschen Welle in Bonn.
[email protected]

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