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Straßenkinder

Am Rande der Gesellschaft

von Mireille Kanyange

Hintergrund

Kinder gehören in die Schule, anstatt zu arbeiten: Klasse in Burundi.

Kinder gehören in die Schule, anstatt zu arbeiten: Klasse in Burundi.

In Burundi gibt es eine Reihe von gesetzlichen Schutzbestimmungen für Kinder, doch in der Praxis werden diese Rechte häufig verletzt. Ursache vieler Verstöße gegen Kinderrechte sind Armut und mangelnde Kenntnis des Rechtsschutzes. Die größten Probleme für Kinder sind Menschenhandel und Zwangsarbeit.

Der neunjährige Jérémie und seine Freunde verbringen den ganzen Tag und den Großteil der Nacht auf den Straßen von Bujumbura, der größten Stadt Burundis. Sie leben seit mehr als zwei Jahren so und werden dies wohl auch in Zukunft tun.

„Als meine Mutter starb, heiratete mein Vater erneut, und meine Stiefmutter war nicht gut zu mir“, erklärt Jérémie. „Sie gab mir nichts mehr zu essen. Also habe ich die Schule abgebrochen und bin nach Bujumbura gekommen. Meine Freunde und ich hatten keine Fahrkarten, also hängten wir uns an die Rückseite eines Erdöltankwagens, um in die Stadt zu fahren.“

Leider geht es vielen Kindern wie Jérémie. Tausende von Kindern in Burundi sind von Armut, Gewalt und Rechtsverletzungen betroffen, darunter ihr Recht auf Bildung, Zugang zu Gesundheitsversorgung und Freiheit von Ausbeutung.

Nach Angaben der Nationalen Vereinigung der Verteidiger der Kinderrechte in Burundi (FENADEB, für Fédération Nationale des Associations engagées dans le Domaine de l‘Enfance au Burundi) sind die registrierten Kinderrechtsverletzungen von 1140 im Jahr 2019 auf 1310 im Jahr 2020 gestiegen.

Die registrierten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Die meisten Fälle von Kindesvernachlässigung und -misshandlung tauchen nie in offiziellen Statistiken auf. Unter den erfassten Fällen sind Rechtsverletzungen wie die Verweigerung wichtiger Ausweispapiere für Kinder, Nahrungs- und Wassermangel sowie Arbeit unter ausbeuterischen Bedingungen (siehe Kasten). Weitere Kinderrechtsverstöße sind die Verheiratung von Minderjährigen, Zwangsumsiedlungen aufgrund von Kriegen und Naturkatastrophen, sexuelle Ausbeutung und Gewalt.

Laut Rechtslage sollte das alles nicht passieren. Nach einem Gesetz aus dem Jahr 2005 haben Kinder zwischen sieben und 13 Jahren ein Recht auf kostenlose Bildung. Einem anderen Gesetz zufolge haben Kinder unter fünf Jahren und werdende Mütter ein Recht auf kostenlose Gesundheitsversorgung.

Zudem hat das burundische Parlament Gesetze verabschiedet, die das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Zwangsheirat fördern. Die Regierung hat einschlägige internationale Abkommen ratifiziert, darunter die UN-Konvention über die Rechte des Kindes von 1989.

Viele Hürden

Dennoch halten praktische Hürden viele Kinder davon ab, ihre Rechte wahrzunehmen. Zum Beispiel ist die Grundschulbildung wegen informeller Gebühren, etwa für Bücher und Materialien, nicht völlig kostenlos. Auch in der Sekundarstufe sind Gebühren zu entrichten, weshalb viele Jugendliche die Schule in diesem Stadium abbrechen.

Zudem lebt fast die Hälfte aller burundischen Kinder mehr als 30 Minuten von der nächsten medizinischen Einrichtung entfernt, sodass eine medizinische Versorgung für sie unerreichbar ist, so Humanium, eine Nichtregierungsorganisation (NGO) für Kinderrechte. Gesundheitsprobleme sind weit verbreitet: Laut der NGO leidet die Hälfte der Kinder aufgrund von Unterernährung an Wachstumsstörungen. Malaria, Unterernährung und Atemwegserkrankungen betreffen viele Kinder.

Fehlende Papiere sind ein weiteres Hindernis. Viele Kinder können nicht zur Schule gehen oder gesundheitlich versorgt werden, weil sie keine Geburtsurkunde haben – ein Verstoß gegen ihr Recht auf eine Identität. Laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef wurde etwa ein Viertel der Geburten in Burundi zwischen 2008 und 2014 nicht registriert.

Die aktuelle Zahl der nicht registrierten Geburten ist zwar nicht bekannt, aber das Fehlen einer Geburtsurkunde betrifft am ehesten Kinder von geflohenen Burundiern und Kinder von Paaren, die nicht legal verheiratet sind. Wenn ein oder beide Elternteile selbst keine Geburtsurkunde haben, wird dieser Mangel an offizieller Identität häufig an ihre Kinder weitergegeben.

Zivile Unruhen haben die Lage noch verschlimmert. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge, die während der Kriege in Burundi 2015 geflohen sind, waren Kinder. Viele wurden anschließend repatriiert. Doch 2019 waren laut Humanium immer noch über 78 000 Kinder in den 18 Provinzen Burundis als Binnenvertriebene registriert.

Das größte Hindernis für die Durchsetzung der Kinderrechte ist die Armut. Unicef berichtete 2016, dass 78 Prozent der burundischen Kinder in monetärer und/oder nichtmonetärer Armut leben. Viele Kinder müssen für sich selbst sorgen, da ihre Eltern sie entweder nicht unterstützen können oder an einer Krankheit gestorben sind.

Meist landen solche Kinder auf der Straße. In Bujumbura, Gitega, der politischen Hauptstadt, und in anderen Städten wie Rumonge, Ngozi und Kayanza findet man sie in Scharen. Die meisten von ihnen stammen aus armen Familien aus dem Landesinneren. In der Regel leben sie vom Betteln oder von diversen Gelegenheitsarbeiten. Einige werden zu Kleinkriminellen. Laut einem Bericht der Unabhängigen Nationalen Kommission für Menschenrechte in Burundi (CNIDH, Commission Nationle Indépendante des Droits de l’Homme du Burundi) von 2019 wurden sieben Kinder wegen Raubüberfällen angeklagt.

Rückkehr in die Familien

Die Scharen von Kindern auf Burundis Straßen sind offiziellen Stellen nicht entgangen. In den vergangenen drei Jahren hat das Ministerium für Solidarität und Menschenrechte zusammen mit den Provinzgouverneuren und der Polizei Programme zur „Rückkehr in die Familien“ durchgeführt, um die Mädchen und Jungen von der Straße zu holen. Im Rahmen dieser Programme werden Straßenkinder aufgegriffen, zunächst in Zentren gebracht, wo sie über die Gefahren des Lebens auf der Straße aufgeklärt werden, und dann in ihre Dörfer geschickt.

Bislang war das Programm nicht erfolgreich. Aus denselben Gründen, aus denen sie ursprünglich weggegangen sind, verlassen die Kinder bald wieder ihre Dörfer und finden ihren Weg zurück auf die Straßen einer Großstadt.

Die CNIDH-Kommission verfolgt einen anderen Ansatz. Sie hat eine Hotline eingerichtet, über die Fälle von Kindesmissbrauch gemeldet werden können. Außerdem überprüft sie Vormünder, die angeben, sich um Kinder zu kümmern, um sicherzustellen, dass sie im besten Interesse der ihnen anvertrauten Kinder handeln. Gleichzeitig plant die CNIDH die Einrichtung eines Fonds, der gefährdeten Familien helfen soll, für ihre Kinder zu sorgen. Und die Kommission schlägt ein Gesetz vor, das jeden bestraft, der Kinder zum Betteln auf die Straße schickt.

Unicef Burundi unterstützt Kinder darin, ihr Recht auf ein sicheres und förderliches Umfeld zu verwirklichen. In seinem Länderprogramm 2019–2023 schlägt Unicef vor, die Menge an Daten und anderen Belegen zu Kinderschutzfragen zu erhöhen und die Entwicklung einer neuen nationalen Kinderschutzpolitik zu fördern.

All diese Maßnahmen können helfen. Letztendlich muss die burundische Regierung dafür sorgen, Kinderrechte durchzusetzen, wie sie bereits in bestehenden Gesetzen verankert sind.


Mireille Kanyange arbeitet als Journalistin für Radio Isanganiro in Burundi.
[email protected]

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