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Weltbank

Auf dem Weg zum Beijing-Konsens

von Ellen Thalman

In Kürze

Justin Lin / Lin Yifu

Justin Lin / Lin Yifu

Justin Lin ist neuer Chefökonom der Weltbank. Der chinesische Wissenschaftler ist der erste nicht-westliche Leiter der wirtschaftsanalytischen Abteilung.

Die Ernennung eines chinesischen Reformers mit westlichem akademischem Hintergrund zum Chefökonom der Weltbank ist mehr als nur ein Symbol des wachsenden Einflusses der Volksrepublik, auch wenn der Inhaber dieses Postens nicht den Kurs des Instituts bestimmt. Jus­tin Lin (sein chinesischer Name ist Lin Yifu, aber er hat ihn anglisiert) war als junger Mann von Taiwan nach China geflüchtet. Der 55-Jährige dürfte die Tendenz der Bank weg von der streng marktideologischen Doktrin bestärken.

Bislang leitete Lin das China Centre for Economic Research (CCER) an der Universität Beijing. Er forschte zu Steuerdezentralisierung, Unternehmensreform, urbaner und ländlicher Modernisierung. Er setzt eher auf qualitativ gute Regierungsführung als auf Märkte, um Wandel herbeizuführen. Vermutlich wird er also dazu beitragen, dass die Weltbank weiter von früher vertretenen Strategien wie Privatisierung, Liberalisierung und unterschiedsloser Welt­marktintegration abrückt.

Zu Lins Spezialgebieten gehören Agrarreformen. Dieses Thema trat in den vergangenen Jahren bei der Weltbank hinter anderen zurück – etwa Privatisierung, Aufbau von Institutionen und Entwicklung von Humankapital. Doch Landwirtschaft gewinnt in der Weltbank wieder Aufmerksamkeit – nicht zuletzt wegen des Klimawandels und steigender Lebensmittelpreise.

Als Berater der chinesischen Regierung begann Lins Karriere unter Deng Xiaoping. Dieser hatte die Marktöffnung gestartet, die Chinas rasantes ökonomisches Wachstum auslöste. Lin wuchs in Taiwan auf und machte sein Diplom in Betriebswirtschaft an der National Chengchi University. Dann leis­tete er Militärdienst – und Berichten zufolge schwamm er 1979 von der Insel Jinmin die zwei Kilometer zum chinesischen Festland.

Es folgten ein Abschluss in marxistischer politischer Ökonomie an der Universität Beijing und eine Promotion an der University of Chicago 1986. Er unterrichtete in Yale, bevor er 1987 nach China zurückkehrte, „um einen Beitrag zur ökonomischen Entwicklung und zum ökonomischen Wandel Chinas zu leisten”, wie er einmal sagte.
Lins Ernennung in Washington kam just nachdem China – lange selbst Empfänger von Weltbankhilfe – nach Verhandlungen mit dem neuen Weltbankpräsidenten Robert Zoellick auf die Geberseite der Bank wechselte. „Ich freue mich auf die enge Zusammenarbeit mit ihm bei Themen wie Wachstum und Investitionen in Afrika, Chancen für Süd-Süd-Lernen und Instrumente der Bank zur besseren Unterstützung von Ländern, die von hohen Energie- und Landwirtschaftspreisen betroffen sind”, sagte Zoellick. Er ist ein konservativer, aber pragmatischer Amerikaner, der mit China kooperieren will. Angesichts der oft angeführten Demokratiedefizite und Menschenrechtsverletzungen Chinas zeigt die Entscheidung für Lin, dass die Weltbankspitze China durch Kooperation einbinden und für das Wohl der Weltwirtschaft als Partner mitverantwortlich machen will, statt auf Konfrontation zu setzen.

Die Weltbank hat besonderes Interesse daran, in Afrika mit China zusammenzuarbeiten. China hat in den vergangenen Jahren seinen finanziellen und politischen Einfluss eingesetzt, um dort Handels- und Investitionsmöglichkeiten aufzutun. Damit hat es die Weltbank in ihrem traditionellen Einflussgebiet zurückgedrängt. Afrikaner be­geis­­tern sich für die Erfolge der Ostasiaten, während sie von den Initiativen der Weltbank ernüchtert sind. Lins Argument, die Qualität öffentlicher Institutionen sei ausschlaggebend für den Erfolg von Entwicklungsprogrammen, ist für Afrika relevant.

(Ellen Thalman)