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Gesundheitswesen

Ein großer Schritt

von Sanda Oumarou, Roger Peltzer
Pharmaceutical production at Cinpharm

Pharmaceutical production at Cinpharm

Cinpharm produziert generische Medikamente für den Bedarf in Kamerun. Im Oktober sind die ersten Pharmazeutika auf den Markt gekommen. Mittelfristig wird die Firma auch Arzneimittel in die Nachbarländer der Wirtschaftsgemeinschaft UDEAC exportieren. [ Von Sanda Oumarou und Roger Peltzer ]

Während in Brasilien heute nur noch einer von hunderttausend Einwohnern an Malaria stirbt, sind es in Kamerun 116. Zu den Gründen gehört die strukturelle Unterversorgung des kamerunischen Gesundheitssektors. Fast 50 Prozent der Kinder unter fünf Jahren, die an Malaria erkranken, bekommen nicht die nötigen Medikamente.

Die Unterversorgung spiegelt sich auch in den geringen Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit von umgerechnet nur 104 Dollar im Jahr wider. Nur 25 Prozent davon kommen von der öffentlichen Hand. Dagegen beträgt der Vergleichswert in Brasilien 837 Dollar, wovon immerhin 45 Prozent öffentlich finanziert sind.

Teil des Problems ist die ungenügende Versorgung Kameruns mit Medikamenten. Staatliche wie kirch­liche Krankenhäuser bestreiten zwar einen Teil ihres Bedarfs günstig über internationale Ausschreibungen. Das deckt aber nicht die gesamte Nachfrage. Viele Arzneien minderer und dubioser Qualität kommen illegal ins Land. Sie stiften oft mehr Schaden als Nutzen.

Andererseits werden viele Pharmazeutika oder Hilfsmittel wie etwa Infusionsverpackungen zu überhöhten Preisen nach Kamerun geliefert. Deshalb ist der Aufbau einer eigenen Pharma­­indus­trie für Kamerun sowie die zentralafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft UDEAC (Union Douanière et Économique de l'Afrique Centrale) wichtig.

Kompetenter Gründer

Célestin Tawamba ist ein erfolgreicher kamerunischer Unternehmer. Mit der zweitgrößten Weizenmühle des Landes und der Pastaproduktion machte er 2009 einen Umsatz von 45 Millionen Euro und beschäftigte 800 Menschen. Er beschloss vor einigen Jahren, in die Pharmabranche einzusteigen, um mit der Verbesserung der Arzneimittelversorgung seines Landes und der Region Geld zu verdienen.

Das Vorhaben war ehrgeizig. Tawamba musste viele Hindernisse überwinden. Zunächst kaufte er eine alte Rhône-Poulenc-Produktionsanlage namens Cinpharm, die seit Jahren stillstand. Bald war klar, dass nur noch die Gebäude zu nutzen waren. Eine weitere Herausforderung war der Fachkräftemangel. Es war also ein kompletter Neubeginn erforderlich.

Tawamba rekrutierte indische Experten und sicherte sich die Beratung von Ekkehard Michahelles, einem Senior Experten, der vor dem Ruhestand viele Jahre lang für den deutschen Pharmakonzern Merck Produktionslinien in aller Welt aufgebaut hatte. Den Kontakt zu Michahelles vermittelte die DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft), ein Unternehmen der KfW Bankengruppe, das den Privatsektor in armen Ländern fördert.

Mit seiner und der Hilfe eines indischen Planungsbüros wurde die neue Anlage entsprechend dem ­neuesten Stand der Technik geplant. Der deutsche Pharmaprofi half Tawamba auch, einen Lizenz- und Assistenzvertrag mit Cipla, einem der weltweit größten Generikahersteller mit Sitz in Indien, auszuhandeln.

Auch die Finanzierung war eine Herausforderung. Nötig war ein Investitionskapital von 16 Millionen Euro. Tawamba konnte höchstens ein Drittel dieser Summe selbst stellen. Den Rest wollte er durch lang­fristige Bankkredite zusammenbekommen.

Allerdings zögern die Manager der Geldhäuser oft, solche Neugründungen zu finanzieren. Die Erfahrung lehrt nämlich, dass die Schwierigkeiten oft größer sind, als die Unternehmer erwarten. Regelmäßig unterschätzen Gründer Investitionskosten, Bauzeiten und bürokratische Hürden – wie beispielsweise die Medikamentenzulassung. Oft verzögert sich die Markteinführung. Tawamba erklärte sich bereit, mit der Finanzkraft seiner bestehenden Firmen für die Risiken geradezustehen. In intensiven Verhandlungen schnürte er mit einem Pool lokaler Banken und der DEG ein Kreditpaket, das den Interessen aller Beteiligten gerecht wird:
– Der Kredit wird in der Lokalwährung CFA-Franc gewährt, so dass für die Cinpharm kein Währungs­risiko besteht.
– Kreditnehmer ist nicht Cinpharm, sondern die gesamte Unternehmensgruppe Tawambas, was für die beteiligten Banken das Risiko mindert.
– Die DEG erklärte sich bereit, 50 Prozent des Kredit­risikos der lokalen Banken zu garantieren. Damit wurde sie ihrem Auftrag gerecht, den Privatsektor in Afrika zu stärken.
Insgesamt kam auf diese Weise ein Kreditvolumen von umgerechnet rund zwölf Millionen Euro zustande. Ein kleinerer Teil des Kredits wird für die Modernisierung der Weizenmühle und Pastaherstellung verwendet. Die neue Cinpharm-Anlage hat mittlerweile die Produktion aufgenommen. Die ersten 10 Medikamente sind im Oktober auf den Markt gekommen. Bis Ende 2011 wird Cinpharm eine breite Palette von Antibiotika, Schmerztabletten, Anti-Malaria- und Anti-Tuberkulose-Mitteln und antiretroviralen Medikamenten auf der Basis von insgesamt 60 verschiedenen Wirkstoffen produzieren.

Die Produktionskapazität pro Jahr umfasst 1,5 Milliarden Tabletten, 150 Millionen Kapseln und 25 Millionen Flaschen. Dabei hält sich Cinpharm streng an die WHO-Normen. Unterstützt wird die Firma dabei von der UNIDO (die Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung). Die Anlage verfügt zudem über eine hochmoderne Abfallbeseitigung und Wasseraufbereitung.

Dank Cinpharm wird Kamerun deutliche Fortschritte bei der Erfüllung der Millenniumsziele (MDGs) machen. Arzneimittel spielen bei MDG 4 (Senkung der Kindersterblichkeit), MDG 5 (Verbesserung der Gesundheit von Müttern) und MDG 6 (Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose) eine Rolle.

Cinpharm beschäftigt 300 Mitarbeiter, darunter 20 Pharmazeuten. Das Personal bildet Cipla aus – zum Teil in Indien. In der Anfangsphase besetzen südasiatische Experten noch einige Schlüsselfunktionen im Management, aber sie werden schrittweise durch kame­ru­nisches Personal ersetzt. Mittel­fris­tig wird Cinpharm 15 bis 20 Prozent des Arzneibedarfs in Kamerun abdecken und zudem Pharmazeutika in die Nachbarländer exportieren.

Kamerun ist bereits ein wichtiger Industriestandort. Es gibt eine findige Unternehmerschicht. Solche Arbeitgeber betreiben beispielsweise eine Raffinerie, Zementwerke oder Metallbau. Cinpharm ergänzt die Industrielandschaft nun um technologisch anspruchsvolle Pharmaproduktion. Das wird Signalwirkung haben – und das gilt auch für die innovative Finanzierung, die den Start möglich gemacht hat. Célestin Tawamba hat ein deutliches Beispiel gegeben, dass kompetente Gründer Hindernisse überwinden können.