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Clean Development Mechanism

Auch Kleinvieh macht Klimawandel

von Nicola Ursina Blum, Christina Gradl, Anna Santa Cruz

Hintergrund

Energy saving lamps last longer than conventional light bulbs

Energy saving lamps last longer than conventional light bulbs

Alte Kühlschränke oder Glühbirnen gegen neue eintauschen, CO2-arme Kocher verbreiten oder Haushaltsabfall kompostieren – all das dient in Entwicklungsländern sowohl dem Klimaschutz als auch der Armutsbekämpfung. Der Clean Development Mechanism (CDM) der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) vergibt für Projekte dieser Art seit 2007 Zertifikate für den internationalen Emissionshandel. Das eröffnet unternehmerischem Handeln neue Gelegenheiten. Leider ist das Verfahren noch nicht ausgereift und noch zu bürokratisch. Von Nicola Ursina Blum, Christina Gradl und Anna Santa Cruz

Der Lebensmittelhersteller Sadia hat in Brasilien in Zusammenarbeit mit mehr als 3500 Kleinunternehmern Methanemissionen aus der Schweinezucht reduziert. Neue Biogasanlagen verarbeiten nun die Abfälle der Schweinezucht zu Bio-Dünger, Fischnahrung und zu in der Energiegewinnung nutzbarem Gas. Diese Erfolge zertifiziert der CDM. Die Erlöse aus dem Verkauf der Zertifikate decken Sadias organisatorischen Aufwand und schaffen zusätzliche Einkommen für die Bauern.

Der CDM dient als Teil des Kyoto-Protokolls dazu, dass Unternehmen aus reichen Nationen ihre CO2-Reduktionsverpflich­tungen auch erfüllen können, indem sie in Emissionsreduktion in Entwicklungsländern investieren. Ziel dabei ist, moderne Technik in Entwicklungsländer zu transferieren und die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung zu verbessern.

Der CDM geriet aber in die Kritik, da er zunächst hauptsächlich Großprojekte umfasste, die zwar Emissionen reduzieren, aber nur sehr indirekt die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort verbessern. Zudem wird der Großteil der CDM-Projekte bisher in Schwellenländern umgesetzt und nicht in Least Developed Countries (LDCs). Von den 3245 registrierten CDM-Projekten im Juni 2011 entfallen 73,4 Prozent auf China, Indien und Brasilien. Kaum mehr als ein Prozent aller klassischen CDM-Projekte befinden sich in LDCs.

Damit auch kleinere Emissionseinsparungen im Zertifikatehandel honoriert werden können, wurde im CDM-Kontext das Programme of Activities (PoA) eingeführt. Es erlaubt die Bündelung kleiner Projekte zur Emissionsminderung, wie das Sadia in Brasilien tut. Immerhin elf Prozent der 92 registrierten PoA-Projekte laufen in LDCs.

Dank PoA können nun im Prinzip auch kleine Maßnahmen sinnvoll zertifiziert werden. Ein gutes Beispiel ist das erste registrierte PoA CUIDEMOS, welches 30 Millionen Energiesparbirnen an Haushalte in Mexiko verteilte. Dadurch werden 7,5 Millionen Tonnen CO2 eingespart – und gleichzeitig profitieren die Haushalte von der langlebigen Alternative zur veralteten Technik und bekommen niedrigere Stromrechnungen.

Chancen für Least Developed Countries

Das PoA bietet also armen Menschen in Entwicklungsländern – und ganz besonders in LDCs – vielfältige Möglichkeiten, am Emissionshandel teilzunehmen. So können etwa Kleinunternehmer emis­sionsarme Produkte zu günstigen Preisen anbieten, weil die Erlöse aus den PoA-Zertifikaten den Preis senken. Konsumenten profitieren von deren Nutzung, etwa bei Solarlampen oder verbesserten Kochern. Landwirte können zusätzliches Einkommen durch neue emissionssparende Verfahren generieren und gleichzeitig eigene Energie- und Düngemittel produzieren.

Das PoA trägt der wirtschaftlichen ­Situation von LDCs Rechnung. Dort sind Finanzen für große Projekte oft knapp, aber viele kleine Einzelmaßahmen können dezentral viele Menschen erfassen. Daniel Farchy von C-Quest Capital, einer US-­Firma, die sich auf Klimaprojekte spezialisiert hat, sagt: „Diese Länder haben keine großen Industrieanlagen, die in der Vergangenheit das Hauptziel des CDM waren. Dafür verfügen sie über eine große Zahl von Haushalten, die von PoA profitieren könnten.“

Grundsätzlich lässt das PoA es auch zu, Projekte grenzüberschreitend zu bündeln. Ein PoA-Projekt könnte gleichzeitig in einem Land wie Indien oder Brasilien mit solider CDM-Erfahrung und einem Nachbarland ohne solche Erfahrung laufen. Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch könnten als Motor für Entwicklung in LDCs wirken.

Manche Kritiker beanstanden, dass die Erlöse aus dem Zertifikatehandel an die Organisation fließen, welche das PoA leitet. Ob und in welchem Umfang die Akteure an der Basis davon profitieren, kann meist nicht genau überprüft werden. Allerdings beschreiben die Projekte wie CUIDEMOS oder das von Sadia ihr Verfahren und dessen Vorteile für lokale Akteure. Derzeit wäre es jedenfalls noch zu aufwendig, die Erlöse aus Zertifikaten den einzelnen Nutzern direkt zukommen zu lassen.

Das PoA hat auch mit weit größeren Herausforderungen zu kämpfen. Grund­voraussetzung, um ein PoA anzumelden, ist eine anerkannte Methode zur Berechnung der Emissionseinsparungen. Bislang existieren jedoch gerade für Sektoren, die – wie zum Beispiel Landwirtschaft, Transport und Bauwesen – für LDCs wichtig sind, solche Methoden nicht. Die Entwicklung neuer Verfahren zur Emissions­berechnung ist aber aufwändig und ihre Anerkennung unsicher. Hier ist die Unterstützung durch entwicklungspolitische Institutionen gefragt, die schon lange auf diesem Feld gute Arbeit leisten.

Eine weitere Herausforderung ist die hochkomplexe und aufwändige Bürokratie, die PoA riskant und teuer macht. Aus Sicht von Ole Meier-Hahn, Mitgründer der PoA-Beratung Bridge Builders, laufen die hohen Investitionskosten zu Beginn eines Projekts der Absicht zuwider, finanziell schwächere Akteure einzubinden. Bis viele kleine Einzelprojekte zusammen eine große Emissionsreduktion, die ordentliche Zertifikatserlöse ermöglicht, ergeben, vergeht viel Zeit, in der noch kein Geld fließt. In der Praxis bedeutet das, dass finanziell schwächere Akteure effektiv ausgeschlossen werden. Die Entbürokratisierung des PoA-Verfahrens würde helfen. Auch intelligente Finanzierungen, wie sie manche Entwicklungsbanken schon anbieten, können Zugangsbarrieren senken.

Der bürokratische Aufwand überfordert bisher oft die Kapazitäten der Akteure vor Ort – besonders in LDCs. Auch die ­nationalen Verwaltungen verfügen dort meist nicht über geeignete Strukturen und Kompetenzen, zudem herrscht Mangel an kompetenten Partnern und Dienstleistern im Privatsektor, die technische Geräte warten und Kontrollen durchführen könnten. Das muss aber nicht so sein, wie Felicity Creighton Spors, CDM Consultant für die Weltbank, betont: „Uganda hat eine tolle Koordinations- und Managementeinheit, die lokal geführt ist und auf lokale Ideen baut.“ Süd-Süd-Austausch kann dazu beitragen, solche Erfolgsbeispiele auf andere Länder zu übertragen, vor allem, wenn sich China, Indien und Brasilien mit ihrer großen CDM-Erfahrung daran beteiligen.

Eine besondere Herausforderung ist die Überwachung der PoA-Projekte. Wo beim klassischen CDM eine Fabrik kontrolliert werden muss, geht es beim PoA manchmal um bis zu eine Million Kocher in privaten Haushalten. Obendrein lässt sich der Gebrauch von energieeffizienten Haushaltsgeräten kaum überprüfen. Gerade im ländlichen Raum ist allein der zeitliche Aufwand für die Durchführung von Stichproben enorm. Automatische Messverfahren und mobile Datenübermittlung können Abhilfe schaffen, haben jedoch ihren Preis. Mittelfristig sollten Kapazitäten bei lokalen Dienstleistungsunternehmen für Kontrolle und Messung aufgebaut werden. Wieder ist die Unterstützung durch Entwicklungsagenturen notwendig.

Sinnvolle Schritte

Stimmige Anreizsysteme und Standardisierungsprozesse würden sicherlich dazu beitragen, dass Entwicklungsakteure sich den hier aufgelisteten Herausforderungen stellen. Die N-Klimarahmenkonvention sollte Programme, die eine besonders positive Wirkung für Menschen in Armut versprechen, belohnen. Nur dann kann das PoA seine armutsreduzierenden Potenziale entfalten. Als solches Belohnungssystem bietet sich der bereits existierende „Gold Standard“ an. Er zeichnet ökologisch und sozial besonders wertvolle CDM-Projekte aus und ermöglicht somit Mehreinahmen. Jedoch sollten solche Programme bereits in der Entwicklung und Registrierung bevorzugt werden, nicht erst beim Verkauf der Zertifikate.

Einfache Standards würden zudem das Problem unverhältnismäßig hoher Kon­trollkosten schmälern. Zurzeit muss für jede Sparlampe und jeden Kühlschrank getrennt berichtet werden, wie viele Emissionen eingespart werden. Standardisierte Werte etwa für durchschnittliche Einsparungen pro verkauftem Gerät würden den Prozess stark vereinfachen. Dann könnten Zertifikate auch schon beim Verkauf der Geräte vergeben werden, was die Vorfinanzierung erheblich erleichtern würden.

Jedenfalls bietet das PoA Chancen für Klimaschutz und Entwicklung zugleich. Die Weichen sind gestellt, damit auch Menschen in Armut ihren Anteil an den Gewinnen aus dem Emissionshandel erhalten. Der Mechanismus dazu ist aber noch jung und unausgereift.