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Wachstumsgrenzen

Systemkollaps verhindern

von Katja Dombrowski

In Kürze

Nicht nur Plastikmüll bedroht die Ozeane, sondern auch – weniger sichtbar – Stickstoff und Phosphor. Strand in Sri Lanka.

Nicht nur Plastikmüll bedroht die Ozeane, sondern auch – weniger sichtbar – Stickstoff und Phosphor. Strand in Sri Lanka.

Wenn sich die vorherrschende Lebens- und Wirtschaftsweise der Menschen nicht grundlegend ändert, sind die planetaren Grenzen bald erreicht. Der „Erdüberlastungstag“, an dem die Weltbevölkerung die gesamten nachhaltig nutzbaren Ressourcen eines Jahres verbraucht hat, rutscht immer weiter nach vorne. 2017 war er am 2. August – es wären also 1,7 Erden nötig, um den Bedarf zu decken. Der Club of Rome zeigt auf, „was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“.

Die Grundlagen des weltweit dominierenden Wirtschaftssystems wurden im 19. und 20. Jahrhundert zu Zeiten einer „leeren Welt“ geschaffen. Als beispielsweise John Maynard Keynes seine ökonomische Theorie entwickelte, lebten weniger als 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Sie produzierten im Vergleich zu heutig wenig, natürliche Ressourcen waren reichlich vorhanden, und die Erde konnte die Auswirkungen der Lebens- und Wirtschaftsweise ihrer menschlichen Bewohner gut verkraften.

In der Welt von heute, mit 7,6 Milliarden Menschen, einem hohen Grad der Industrialisierung und zerstörerischem Ressourcenverbrauch, funktioniert das System nicht mehr. Auf dieser These basiert der Bericht „Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“ zum 50-jährigen Bestehen des Club of Rome 2018.

45 Jahre nachdem der internationale Umwelt- und Klima-Thinktank mit „Die Grenzen des Wachstums“ weltweit Aufmerksamkeit für das Thema nicht-nachhaltiges Wachstum hervorgerufen hatte, nehmen dessen heutige Ko-Präsidenten Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman sowie 33 weitere Mitglieder wieder eine umfassende Analyse des Umgangs der Menschheit mit der Erde vor.

Teil 1 des 400-Seiten-Buches bietet einen Überblick über die aktuellen Krisen und Bedrohungen von Klimawandel über Bevölkerungswachstum und Urbanisierung bis zu Plastikschwemme und Atomwaffen. Um den Zustand der Erde zu messen, bedienen die Autoren sich des Konzepts der planetaren Grenzen, das auf eine Gruppe internationaler Wissenschaftler unter der Leitung von Johan Rockström und Will Steffen (2009) zurückgeht. Sie hat neun solcher Grenzen identifiziert, die auch als Schwellenwerte oder Kipppunkte bezeichnet werden:

  • Stratosphärischer Ozonabbau,
  • Verlust der Biodiversität und Artensterben,
  • Chemische Verschmutzung und Freisetzung neuartiger Verbindungen,
  • Klimawandel,
  • Ozeanversauerung,
  • Landnutzung,
  • Süßwasserverbrauch und der globale hydrologische Kreislauf,
  • Stickstoff und Phosphor fließen in die Biosphäre und Ozeane,
  • Atmosphärische Aerosolbelastung.

Einzelne Grenzen wie der Verlust genetischer Vielfalt oder die Stickstoff- und Phosphorkreisläufe haben bereits den Hochrisikobereich erreicht, andere werden als „zunehmendes Risiko“ eingestuft, darunter Klimawandel und Landnutzungsveränderungen, wieder andere – unter anderem Süßwasserverbrauch und Abbau der Ozonschicht – sind noch im grünen Bereich, also unterhalb der Belastungsgrenze. Für chemische Verschmutzung und Luftverschmutzung sind noch gar keine Belas­tungsgrenzen definiert.

Die meisten der in „Jetzt sind wir dran“ zusammengefassten Erkenntnisse sind nicht neu, aber nichtsdestotrotz erschreckend. In Frage stehen weniger die Ursachen für die akute Bedrohungslage des Planeten als vielmehr mögliche Lösungen. Darauf gehen die Autoren im dritten und letzten Teil ein, widmen sich aber vorher noch der „philosophischen Krise“ unserer Zivilisation.

In Teil 2, der eine neue Aufklärung fordert und den Verfassern zufolge den revolutionärsten Part des Berichts darstellt, geht es um Umweltethik und die Religionen der Welt. Die Grundthese lautet, dass die heutigen Religionen und Denkmuster ebenfalls aus der Zeit der „leeren Welt“ stammen und sich nicht für die „volle Welt“ eignen. Als Ausgangspunkt für die Überlegungen dient die Enzyklika „Laudato Sí“ von 2015, in der Papst Franziskus die Menschheit zu einem grundsätzlich anderen Umgang mit der Natur auffordert. Texte über die Verantwortung der Menschen gegenüber der Natur fänden sich jedoch in allen Weltreligionen.

Dass einige Religionen, darunter die abrahamischen, Aussagen der Herrschaft des Menschen über die Natur enthalten, erklären die Autoren so: „Die Ursprünge der großen Religionen liegen natürlich alle in der leeren Welt, als die Natur endlos schien und die Menschen von Hunger, wilden Tieren, unbekannten Krankheiten und benachbarten Stämmen bedroht wurden.“ Das Mandat „Seid fruchtbar und mehret euch; füllet die Erde und macht sie euch untertan“ könne für die „volle Welt“ nicht mehr gelten.

Als weiteres Grundübel identifizieren die Autoren die radikale Marktphilosophie, die nach 1989 zum neuen Zeitgeist der ganzen Welt geworden sei. Ihre Methoden seien Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung, ihre Folge die Globalisierung, die zu einem scharfen Wettbewerb zwischen den Staaten geführt und viele Verlierer hervorgebracht habe. Der Club of Rome spricht sich nicht grundsätzlich gegen die Marktwirtschaft aus, kritisiert aber Phänomene wie die wachsende Ungleichheit, das „Diktat der Finanzmärkte“ oder einen „frech gewordenen“ Kapitalismus.

Eins der Hauptmerkmale der neuen Aufklärung soll Gleichgewicht sein, unter anderem zwischen:

  • Mensch und Natur,
  • kurz- und langfristig,
  • Geschwindigkeit und Stabilität,
  • privat und öffentlich,
  • Frauen und Männern,
  • Gleichheit und Leistungsanreiz und
  • Staat und Religion.

Bis sich solche neuen Leitlinien weltweit durchgesetzt haben, können wir jedoch nicht warten, denn, das ist auch den Autoren klar: „Ein Systemkollaps ist eine reale Gefahr.“ Die Menschheit muss jetzt handeln, und darum geht es in Teil 3 (siehe auch Hintergrundkasten). Er erzählt allerlei Erfolgsgeschichten, etwa darüber, wie Grünland in Mexiko oder Simbabwe durch ganzheitliches Management regeneriert wurde, wie alternative Entwicklungsstrategien Millio­nen Jobs im ländlichen Indien schaffen oder wie China den Umbau zu einer grünen Wirtschaft vollzieht. Teil 3 will explizit Optimismus verbreiten, denn die Autoren sind sicher, dass immer noch eine prosperierende Zukunft für alle Menschen möglich sei – aber nur, wenn Wachstum und Ressourcenverbrauch entkoppelt werden.

Einige der Forderungen sind radikal, zum Beispiel diese: „Volle nationale Souveränität auch über Handlungen, die die ganze Erde beeinflussen, ist nicht mehr legitim.“ Dass demnächst die UN darüber bestimmen, ob ein Land Kohlekraftwerke bauen oder weitere Fahrzeuge mit fossilen Antrieben auf die Straße lassen darf, scheint unwahrscheinlich. Der Appell, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zusammenzudenken, zielt hingegen auf die Grundlage von Nachhaltigkeit ab, wie sie sich die Weltgemeinschaft mit der Agenda 2030 auf die Fahnen geschrieben hat. Die Sustainable Development Goals sollen möglichst alle Nöte der Menschheit überwinden. Die Club-of-Rome-Autoren warnen jedoch, eine erfolgreiche Umsetzung der elf sozio-ökonomischen Ziele „könnte den raschen weiteren Ruin für Klima, Ozeane und Artenvielfalt bedeuten, also die ökologischen Ziele zertrampeln“.

Quellen
Von Weizsäcker, E. U., Wiijkman, A., et al., 2017: Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus.
Rockström, J., Steffen, W., et al., 2009: Planetary boundaries. Exploring the safe operating space for humanity. Nature 461: 472-475.

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