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Welthandelsordnung

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von Dagmar Milerova Praskova

Hintergrund

Die Hälfte der Hungerleidenden weltweit sind Kleinbauern: Besitzer eines Bohnenfeldes in Paraguay.

Die Hälfte der Hungerleidenden weltweit sind Kleinbauern: Besitzer eines Bohnenfeldes in Paraguay.

Armut, nicht Nahrungsmittelknappheit, ist die Ursache von Hunger. Die derzeitige Welthandelsordnung schadet den Armen. Es bedarf Veränderungen auf allen Ebenen – vor allem solche, die Kleinbauern stärken.

Seit den 1990er Jahren wurden Fortschritte im Kampf gegen den Hunger gemacht (FAO, WFP, IFAD 2012). Ein Grund zum Feiern ist dies allerdings noch nicht. Fast 870 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Es ist nicht tragbar, dass eine von acht Personen weltweit hungern muss. In Afrika weist der Trend zudem in die falsche Richtung: Es ist der einzige Kontinent, der einen steigenden Anteil an Hunger leidenden Menschen verzeichnet.


Es bestehen gemeinhin drei Irrtümer über Hunger:

  • Erstens, dass die Ursache von Hunger ein Mangel an Nahrungsmitteln sei. In Wahrheit stehen derzeit ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung, um alle Menschen zu ernähren. Nahrung ist aber nicht fair verteilt: Die wohlhabenden Länder produzieren große Überschüsse, während die Menschen in Entwicklungsländern zu arm sind, um sich die lebenswichtigen Güter zu kaufen.
  • Zweitens, dass Naturkatastrophen Hunger verursachten. Diese Ansicht ist zwar nicht gänzlich falsch, sie ist jedoch irreführend, denn die zugrundeliegenden Probleme sind fehlende Infrastruktur und kein stabiles politisches Umfeld. Wo diese Bedingungen gegeben sind, führen Katastrophen nicht zu Hunger.
  • Drittens, dass biotechnologisch und genetisch modifizierte Organismen die Lösung zur Beseitigung von Hunger seien. In der Praxis wirken sich diese High-Tech-Ansätze tendenziell stark negativ auf Gesellschaft und Umwelt aus, und arme Menschen profitieren am wenigsten von ihnen.


Um die Ursachen von Hunger zu verstehen, lohnt ein Blick darauf, wer die Hungerleidenden sind. Laut der UN-Ernährungsorganisation (FAO) sind rund die Hälfte Kleinbauern mit weniger als zwei Hektar Ackerland. Weitere 20 % der Hungernden sind landlose Arbeiter, 10 % Fischer, Viehhirten und Waldbewohner. Die verbleibenden 20 % sind städtische Arme, die vorwiegend in Slums leben.

Darin liegt das große Paradoxon des Hungers: Die weltweit am stärksten von Nahrungsunsicherheit betroffenen Menschen sind genau diejenigen, die direkt oder indirekt in der Lebensmittelproduktion tätig sind. Die Hauptursache von Hunger ist also nicht Essensmangel, sondern Armut. Dies wird auch dadurch deutlich, dass Armutsgrenzen für gewöhnlich daran gemessen werden, wie hoch die Kosten des für ein gesundes Leben erforderlichen Kalorienverbrauchs sind.

Relative Armut unterscheidet sich deutlich von Land zu Land. In Entwicklungsländern leben üblicherweise rund drei Viertel der armen Menschen in ländlichen Gegenden. Dort mangelt es nicht nur an adäquatem Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen wie Land und Wasser, sondern auch zu Märkten, In­frastruktur, Krediten, Informationen, Bildung und Gesundheitsversorgung. Verschärft wird die Machtlosigkeit der Armen durch soziale Ausgrenzung etwa aufgrund von Geschlecht, Alter, Ethnie oder Glaubenszugehörigkeit.

Die Betroffenen sind gefangen in einem Teufelskreis der Armut. Deprimierend ist, dass ihnen das globale Ernährungssystem in keiner Weise hilft. Der internationale Agrarhandel ist bestimmt vom Liberalisierungsparadigma und einem „Der Markt zuerst“-Ansatz, der die besonders gefährdeten Menschen benachteiligt. Ungelernte Arbeiter ohne Zugang zu Ressourcen, Märkten, Betriebsmitteln oder Bildung können vom Wettbewerb nicht profitieren. Sie werden verdrängt und verlieren ihre Existenzgrundlage.


Schädliche Politik

Die Regierungen vieler Entwicklungsländer wurden gezwungen, öffentliche Ausgaben in die Landwirtschaft zu kürzen und den Handel nach multi- und bilateralen Abkommen zu regulieren. Dadurch sollten sich Entwicklungsländer auf ihre komparativen Vorteile konzentrieren. Ironischerweise jedoch sind so gerade die Länder, die in der Vergangenheit Nahrungsmittelüberschüsse produzierten, zu Nettoimporteuren von Lebensmitteln geworden. Sie exportieren gegenwärtig Produkte wie Kaffee, Tee, Zuckerrohr oder Baumwolle, aber sie importieren Grundnahrungsmittel. Offensichtlich begünstigt unsere derzeitige Welthandelsordnung Großplantagen, hilft aber kaum der armen Landbevölkerung, die am stärksten Hunger leidet.

Die Agrarpolitiken der wohlhabenden Nationen schaden den ärmeren Ländern. Dies gilt vor allem für die Handelsgiganten EU mit ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik und die USA mit ihrem Agrargesetz „Farm Bill“. Diese Agrarsubventionen helfen der jeweils eigenen Landwirtschaft, ihre Überschüsse in armen Ländern zu Preisen abzusetzen, die unter den Produktionskosten liegen, und verdrängen so lokale Wettbewerber. Es ist absurd, dass solche marktzerstörenden Praktiken unter der Aufsicht der Welthandelsorganisation und im Namen des Freihandels erlaubt sind. Die reichen Länder sorgen zudem dafür, dass auch bilaterale Handelsabkommen ihren eigenen Interessen dienen.

Der Weltmarkt ist auch in anderen Bereichen verzerrt. Oft dominieren wenige große Unternehmen eine gesamte Branche. So kontrollieren zum Beispiel drei Konzerne über 80 % des globalen Teemarktes, und nur vier Unternehmen beherrschen den Getreidemarkt (Oxfam 2011). Sie können ihre Preise auf niedrigstes Niveau herunterschrauben, wodurch kleine Nahrungsmittelproduzenten keine faire Entlohnung erhalten.

Die extreme Volatilität der Weltmarktpreise verschärft das Hungerproblem. Zwischen 2005 und 2008 hat sich der Preis für Mais fast verdreifacht, die Weizenpreise erhöhten sich um 127 Prozent und die Reispreise stiegen um 170 Prozent (Mittal 2009). Im Fe­bruar 2011 erreichte der Nahrungsmittel-Preisindex der FAO („Food Price Index“) einen Höchststand – mit verheerenden Auswirkungen auf arme Menschen. Diese wenden bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel auf, im globalen Norden hingegen sind es lediglich bis zu 20 Prozent.

Nahrungsmittelproduktion hängt vom Wetter ab, und die zerstörerischen Auswirkungen des Klimawandels werden immer offensichtlicher. Unvorhersehbare und oftmals beispiellose Wetterereignisse wie extreme Stürme, Regenfälle und Dürre verursachen Missernten überall auf der Welt. Und es werden mehr. Laut dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) könnten die Erträge in Afrika bis 2020 um bis zu 50 Prozent sinken, da weniger Regen fallen wird. Die Experten warnen davor, dass die Weizenproduk­tion in Afrika bis zum Jahr 2080 gänzlich zum Erliegen kommen könnte.

Die genannten Probleme werden von Missmanagement und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen verschärft. Die Folgen sind Landdegradation, Kontaminierung der Böden, Verschmutzung und Erschöpfung der Wasserressourcen, Entwaldung und Verlust der Biodiversität. In Afrika etwa erodierten in den vergangenen Jahren 25 Prozent der empfindlichen und trockenen Böden zu Wüstengebieten (CGIAR 2009). Die Tragödie besteht darin, dass all diese Ressourcen entscheidend sind für Nahrungsmittelproduktion und deshalb die Lebensgrundlage vieler Menschen bilden.


Umdenken

Die internationale Gemeinschaft hat das Konzept der Ernährungssicherheit entwickelt, um die Hungerproblematik besser einschätzen zu können. Das Konzept betont vier Dimensionen:

  • Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln,
  • Zugang zu Nahrungsmitteln,
  • Nahrungsmittelnutzung und
  • nachhaltiger Zugang zu Nahrungsmitteln.

Darüber hinaus hat die internationale Gemeinschaft das Grundrecht auf Nahrung explizit in die internationale Gesetzgebung aufgenommen. Doch es besteht eine große Kluft zwischen dem geschriebenen Wort und der Realität.


Um die Situation zu verbessern, müssen kleine Nahrungsmittelproduzenten in den Mittelpunkt gestellt werden. Zudem muss nachhaltige Landwirtschaft weltweit gefördert werden. Dies ist der einzige Weg, Armut zu bekämpfen und Umweltschäden vorzubeugen. Beide Ziele sind von grundlegender Bedeutung.

Um Hunger zu beseitigen, muss die Rolle der Landwirtschaft ernst genommen werden. Kleinbauern müssen lokale Märkte beliefern und davon profitieren können. Arme Menschen müssen die Kontrolle über Lebensmittelproduktion, -verteilung und -konsum erhalten, ohne von internationalen Märkten abhängig zu sein. Sie müssen sich selbst ernähren können. Länder, die Grundnahrungsmittel importieren, sollten sich darauf konzentrieren, Nahrungssicherheit zu garantieren, anstatt landwirtschaftliche Produkte für den Export herzustellen.

Dringend nötig sind verantwortungsvolle Investitionen in Infrastruktur, Lebensmittelreserven, Bewässerungssysteme, Lagermöglichkeiten und Forschung zu nachhaltiger Landwirtschaft. Gleichzeitig muss sogenanntes „Lang-Grabbing“ (Landraub) verhindert werden. Dass Großinvestoren Millionen von Hektar Ackerland in armen Ländern für die exportorientierte Produktion aufkaufen, muss unterbunden werden. Sie schaden meist mehr als sie nutzen, denn allzu oft werden hierbei die Menschenrechte verletzt (siehe Essay von Sandra Abild auf S. 159 ff.).

Auch die Nutzung von Nahrungsmitteln muss überdacht werden. Nur rund die Hälfte des weltweit angebauten Getreides wird derzeit von Menschen konsumiert. Immer größere Teile der Produktion werden entweder vernichtet (siehe Essay von Uwe Hoering auf S. 156 ff.), an Tiere verfüttert, um die steigende Nachfrage nach Fleisch zu befriedigen, oder für die Herstellung von Biosprit genutzt. In den USA dient heute mindestens ein Viertel der Getreideproduktion der Herstellung von Agrotreibstoffen. Dies ist angesichts so vieler hungernder Menschen inakzeptabel.


Fokus auf die Ursachen, nicht die Symptome

Die wohlhabenden Nationen müssen aufhören, international schädliche Handels- und Agarpolitiken zu verfolgen. Der globale Agrarhandel ist unfair und re­spektiert die Bedürfnisse benachteiligter Menschen nicht. Das muss sich ändern. Entwicklungsländern muss ermöglicht werden, ihre Kleinbauern zu unterstützen und zu schützen. Gleichzeitig ist es notwendig, die Rohstoffmärkte strenger zu regulieren. Investoren, die nur zu spekulativen Zwecken und ohne unmittelbares Interesse an der Landwirtschaft aktiv sind, spielen mit dem Leben armer Menschen (siehe Paasch und Luig, E+Z/D+C 2012/03, S. 114 ff.). Das muss unterbunden werden.

Nicht zuletzt muss auch der Umgang mit natürlichen Ressourcen verbessert werden. Intensive Landwirtschaft, Monokulturen, hoher Einsatz von Chemikalien, intensive Tierhaltung, Überweidung, Entwaldung und Wasserverschwendung sind zerstörerisch und irreversibel. Wir müssen nachhaltiger handeln. Gleichzeitig müssen wir der globalen Erwärmung entgegenwirken und uns an das anpassen, was längst unumkehrbar ist. Der Klimawandel stellt eine ernste Bedrohung für die Nahrungsmittelproduktion dar.

Hunger wird fälschlicherweise oft als die Lebensnormalität armer Länder angesehen. In Wahrheit jedoch ist Hunger eine Herausforderung, der sich die Regierenden stellen müssen. Wie Olivier de Schutter, der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, häufig betont hat, müssen wir uns auf die Ursachen des Hungers und nicht nur auf dessen Konsequenzen konzentrieren. Letztlich sollte sein Appell Konsumenten und Wähler auf der ganzen Welt nachdenklich stimmen.
 

Dagmar Milerova Praskova ist Wissenschaftlerin bei Glopolis, einem unabhängigen Think-Tank mit Sitz in Prag.
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