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Bürgerkrieg

Übersehenes Leiden

von Lydia de Leeuw

Meinung

Fürs Leben gezeichnet: syrischer  Jugendlicher in einem Ärzte-ohne-Grenzen-Krankenhaus in Jordanien.

Fürs Leben gezeichnet: syrischer Jugendlicher in einem Ärzte-ohne-Grenzen-Krankenhaus in Jordanien.

Im April 2014 haben die Internationalen zivilgesellschaftlichen Organisationen Handicap International und HelpAge gemeinsam eine Studie zur Situation syrischer Flüchtlinge mit Behinderungen, chronischen Krankheiten und Verletzungen ver­öffentlicht („Hidden Victims“). Ein wichtiges Ergebnis ist, dass Behinderung und Alter für die Flüchtlinge aus Syrien eine wesentlich größere Rolle spielen als bisher angenommen. Die Pilotstudie basiert auf rund 3200 Interviews mit Flücht­lingen in Libanon und Jordanien. Lydia de Leeuw hat an der Studie mitgewirkt und Martina Sabra ein Interview gegeben.

Was war der Anlass für die Studie?
Wir wissen aus Erfahrung, dass ältere Flüchtlinge sowie Flüchtlinge mit Behinderungen und Verletzungen in humanitären Krisensituationen oft übersehen oder nicht richtig wahrgenommen werden. Die Vertreibung konfrontiert sie mit besonderen Herausforderungen, aber sie bekommen nicht die spezielle Hilfe, die sie benötigen. Um kohärente, bedarfsorientierte Angebote machen zu können, braucht man eine Datengrundlage. Unsere Studie hat gezeigt, dass in Bezug auf die verletzlichsten syrischen Flüchtlingsgruppen eine große Informations- und Datenlücke existiert. Ein Faktor, der den Zugang  bedürftiger Flüchtlinge zu Dienstleistungen entscheidend beeinflusst, ist der Registrierungsstatus. Deshalb haben wir sowohl registrierte als auch nicht registrierte Flüchtlinge befragt. Was die registrierten Flüchtlinge betrifft, so hat uns der UNHCR mit Stichproben unterstützt. Die unregistrierten Flüchtlinge bleiben aber normalerweise unsichtbar, und wir wollten das ändern.

Was waren die wichtigsten Ergebnisse der Studie?
Eines ist das schiere Ausmaß der Problematik. Als wir uns die drei Grundfaktoren anschauten – dauerhafte Behinderungen, chronische Erkrankungen und Verletzungen – mussten wir feststellen, dass über 30 Prozent der syrischen Flüchtlinge von einem oder mehreren dieser Faktoren betroffen waren. Fast die Hälfte dieser Betroffenen war bei einfachsten, alltäglichen Dingen auf Hilfe angewiesen. Sie müssen sich vor Augen führen, dass diese Menschen Vertriebene sind. Sie müssen um Einkommen, angemessene Ernährung und Unterkunft kämpfen, Nichts ist für sie selbstverständlich. Unsere Studie hat auch ergeben, dass einer von fünf Flüchtlingen von körperlicher, sensorischer oder geistiger Behinderung betroffen ist. Jeder siebte Flüchtling leidet unter einer chronischen Krankheit. Mindestens fünf Prozent der befragten Flüchtlinge waren verletzt, wobei über 80 Prozent dieser Verletzungen direkt vom bewaffneten Konflikt verursacht wurden. Rückenmarksverletzungen und Amputationen sind sehr häufig. 80 Prozent der  schwer verletzten syrischen Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon werden auf Dauer behindert sein und spezielle Hilfsmaßnahmen brauchen. Also muss Physiotherapie ganz oben auf der Tagesordnung stehen, aber auch gezielte Unterstützung für die Familien, die die behinderten oder kranken Angehörigen mit versorgen müssen, wobei klar ist, dass der Konflikt sich noch lange hinziehen kann.

Wie ergeht es älteren Flüchtlingen, also der Altersgruppe über 60?
Die Situation ist alarmierend. Von den über Sechzigjährigen, die wir befragt haben, litten über 77 % an chronischen Krankheiten, Behinderungen oder Verletzungen. Zwei Drittel der Befragten in dieser Altersgruppe wiesen Anzeichen von psychologischem Stress auf. Wir müssen uns klar machen, dass alte Menschen und Flüchtlinge mit chronischen Krankheiten, Verletzungen und Behinderungen mit Krisen nicht so leicht fertig werden können wie andere. Wenn ihre besonderen Bedürfnisse nicht befriedigt werden, verschlimmert sich ihre Lage – zu Lasten ihrer Familien und Gemeinschaften.

Ist die Häufigkeit von chronischen Krankheiten, Behinderungen und Verletzungen im syrischen Konflikt höher ist als in anderen Bürgerkriegen?
Darüber lässt sich keine verlässliche Aussage machen. Ich weiß von keiner vergleichbaren Studie, die anderswo gemacht worden wäre. Klar ist: Anders als bei vergleichbaren Krisen in der Zentralafrikanischen Republik oder in der DR Kongo hatten die syrischen Flüchtlinge vor ihrer Vertreibung in der Heimat Zugang zu medizinischer Versorgung. Das ist sicher ein Spezifikum dieses Konfliktes. Klar ist, auch, dass viele syrische Flüchtlinge schwerer verletzt sind. Auch die Häufigkeit chronischer Erkrankungen ist mit 16 Prozent relativ hoch. Wegen mangelnden Zugangs zu medizinischer Versorgung besteht bei vielen chronisch Kranken das Risiko, dass ihre Behandlung unterbrochen wird. Grundsätzlich behandelbare Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck können dann zu Komplikationen, Behinderungen oder schlimmstenfalls zum Tod führen.

Gibt es verlässliche Informationen über die Zahl der Menschen, die wegen mangelnder medizinischer Versorgung innerhalb und ­außerhalb Syriens gestorben sind?
Nein, es wäre auch sehr schwierig, genaue Zahlen zu ermitteln. Wir haben zu wenig verlässliche Daten. Außerdem weisen die Statistiken diese Todesfälle nicht als Kriegsopfer aus. Sie sollten aber als solche erfasst werden, denn die mangelnde medizinische Versorgung war ja eine Konsequenz des Krieges, und ohne ihn wären diese Menschen sehr wahrscheinlich noch am Leben.

Die Daten, die Sie erhoben haben, unterscheiden sich deutlich von den Daten, die der UNHCR präsentiert. Wie kommt es, dass HelpAge und Handicap International eine viel höhere Häufigkeit chronischer Krankheiten, Behinderungen  und Verletzungen dokumentiert haben?
Das können wir uns auch noch nicht völlig erklären. Aber es gibt einige Ansätze. Manchmal war die Krankheit zum Zeitpunkt der Flucht noch nicht diagnostiziert. Außerdem haben wir beobachtet, dass über sechzigjährige Flüchtlinge im Libanon seltener offiziell registriert werden als andere Altersgruppen und deshalb auch in Statistiken seltener auftauchen. Auch kranke oder behinderte Flüchtlinge werden seltener oder später registriert als andere Flüchtlinge. Wenn die Flüchtlinge doch registriert werden, dann kommt es vor, dass die zuständigen Mitarbeiter die Symptome nicht erkennen oder unter Zeitdruck stehen.

Was steckt dahinter?
Ich bin sicher, dass der UNHCR prinzipiell alle Flüchtlinge registrieren will. Wir müssen das aus der Perspektive der Flüchtlinge selbst sehen. Betroffene haben uns mehrere Gründe genannt, warum sie sich nicht registrieren ließen. Einige hatten Probleme, zu den Registrierungspunkten zu gelangen. Andere sahen keinen Vorteil in der Registrierung. Sie hatten von andern Flüchtlingen gehört, die das durchlaufen hatten, aber trotzdem keinerlei Hilfe erhielten. Das spricht sich herum, und Neuankömmlinge gewinnen den Eindruck, dass sich die Registrierung nicht lohnt. Wir gehen davon aus, dass das UNHCR Personal in bester Absicht handelt, aber dass die Angestellten möglicherweise Fortbildungen brauchen.

Was empfehlen Sie aufgrund der Studie?
Die Akteure haben unterschiedliche Zuständigkeiten, und dementsprechend haben wir die Empfehlungen aufgefächert. Wir empfehlen radikale Veränderungen auf mehreren Ebenen, vor allem in Bezug auf folgende Punkte:

  • Das Registrierungsverfahren muss verbessert werden.
  • Das Personal, das damit zu tun hat, muss fortgebildet werden.
  • Flüchtlinge müssen einen besseren Zugang zu den Registrierungspunkten bekommen.

Sehr wichtig ist außerdem, dass die Hilfe für Menschen mit Behinderungen nicht an spezielle Organisationen delegiert wird, sondern dass wir diese Hilfe als eine Querschnittsaufgabe betrachten, die alle angeht.  

 

Lydia de Leeuw
arbeitet in Amman für die zivilgesellschaftlichen Organisationen Handicap International und HelpAge.
[email protected]