Gender Studies
Sich wandelnde Männlichkeiten
Männlichkeit hat in Kenia einen subtilen Wandel durchlaufen. Traditionelle Vorstellungen, die mit Dominanz, Eroberung und Gewalt verbunden sind, werden allmählich durch neue Identitäten ersetzt, die Männlichkeit als zart, flexibel und anpassungsfähig betrachten. Diese Veränderungen werden durch sich wandelnde gesellschaftliche Normen, wirtschaftlichen Druck und den Wunsch der jüngeren Generation nach Selbstverwirklichung beeinflusst.
Dieser allmähliche Wandel der Männlichkeit lässt sich auf die Fördermaßnahmen zurückführen, die in Kenia in den 1990er- und 2000er-Jahren umgesetzt wurden. Diese stellten die traditionelle männliche Dominanz und die damit verbundenen Erwartungen an Männer infrage, indem sie den Zugang von Frauen zu Chancen, Bildung und Leitungspositionen verbesserten. Sie spielten eine wichtige Rolle dabei, die gewalttätigen und unterdrückenden Aspekte des Patriarchats aufzudecken und aufzuzeigen, wie Frauenfeindlichkeit oft starre traditionelle männliche Normen unterstützt und aufrechterhält. Gerade diese Offenlegung der Unterdrückung durch das Patriarchat hat dazu geführt, dass feministische Aktivitäten und das Engagement von Männern für die Gleichstellung der Geschlechter in Kenia zugenommen haben.
Sozioökonomische Veränderungen und globale Einflüsse
Die jüngsten sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen sowie globale Einflüsse haben jedoch die sich wandelnden Vorstellungen von Männlichkeit in Kenia sowohl herausgefordert als auch verstärkt. Die Landwirtschaft ist das Rückgrat der kenianischen Wirtschaft, und Männer haben traditionell Rollen wie die des Ernährers der Familie inne. Die Versorgung mit Essen war in Kenia eine Machtquelle, die Männern half, Autorität zu erlangen und zu bewahren. Dies ändert sich jedoch gerade. Ein schwächelnder Agrarsektor und wirtschaftliche Unsicherheit, gekennzeichnet durch hohe Arbeitslosigkeit, haben die Fähigkeit kenianischer Männer, die Hauptversorger ihrer Familien zu sein, erheblich beeinträchtigt. Dies führt oft zu Gefühlen der Unzulänglichkeit und trägt zu einer Krise der Männlichkeit bei, in der Männer sich selbst als „echte Männer“ im traditionellen Sinne des Wortes disqualifizieren.
Diese scheinbare wirtschaftliche Entmachtung der kenianischen Männer führt zu einem zweiten Punkt: Die Urbanisierung erschwert es ihnen, für ihre Familien zu sorgen. Familien sind in Städte gezogen, in denen es keine großen landwirtschaftlichen Betriebe gibt. Dies zwingt sowohl Männer als auch Frauen zur Arbeitsaufnahme, um den Haushalt zu unterstützen. Dadurch verschwimmen die Grenzen bezüglich der Frage, wer für den Unterhalt zuständig ist.
Drittens haben sich die Bildung und die wirtschaftliche Stellung von Frauen verbessert, wodurch sie mit dem nötigen Wissen ausgestattet wurden, um sich gegen bestehende patriarchalische Systeme zu wehren. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass traditionelle männliche Ideale nach wie vor existieren und oft durch starke patriarchalische Strukturen, kulturelle Praktiken wie Mitgiftzahlungen und politische Diskussionen, in denen die Entmannung von Männern beklagt wird, aufrechterhalten werden. Solche Narrative betreffen insbesondere die „Notlage“ männlicher Kinder. Das spiegelt sich oft im politischen und sozialen Diskurs wider, in dem das vermeintliche Verdrängen von Jungen angeprangert wird. Die Behauptung lautet, dass positive Diskriminierung Jungen in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, ihre zukünftige Rolle als Versorger gefährdet und die traditionelle patriarchalische Familienstruktur untergräbt.
Viertens setzen globale Einflüsse, insbesondere durch digitale Medien, Männer verschiedenen Formen von Männlichkeit aus und fördern flexiblere Identitäten. Allerdings können diese Einflüsse auch schädliche, hypermaskuline Ideale verstärken.
Tatsächlich sind die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer, die Hauptverdiener zu sein, nach wie vor stark ausgeprägt. Das führt zu Ängsten, wenn sie dieser Rolle nicht gerecht werden können. Als Reaktion auf die Bedrohung ihres Status nehmen einige Männer hypermaskulines Verhalten – wie Aggression oder Drogenmissbrauch – an, um ihre Dominanz zurückzugewinnen. Darüber hinaus verbinden bestehende Vorstellungen von sexueller Identität Männlichkeit weiterhin mit sexuellen Eroberungen. Diese Kombination aus Herausforderungen und traditionellen Normen schafft ein dynamisches und manchmal konfliktreiches Umfeld für kenianische Männer. Sie unterstreicht die Spannung zwischen sich wandelnden sozialen Realitäten und anhaltenden traditionellen Erwartungen.
Die Veränderungen in kenianischen Vorstellungen von Männlichkeit haben erhebliche Auswirkungen auf die laufenden Bemühungen zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und zur Stärkung der Rolle der Frau. Diese Auswirkungen können sowohl hilfreich als auch einschränkend sein und schaffen ein komplexes Umfeld für sozialen Wandel.
Neue Verbündete
Ein wichtiger fördernder Faktor ist der Anstieg männlicher Verbündeter im Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter in Kenia. Einige kenianische Männer haben die Grenzen traditioneller männlicher Ideale erkannt – insbesondere den Druck, alleiniger Versorger zu sein – und sind bereit, Verantwortung im Haushalt und in Beziehungen zu teilen. Dies führt zu einer stärkeren Beteiligung der Männer an Kinderbetreuung und Haushaltsaufgaben und fördert gleichberechtigtere Partnerschaften.
Diese sich wandelnden kenianischen Männlichkeitsbilder haben die starren Geschlechterstereotypen infrage gestellt, die Frauen historisch auf bestimmte Rollen beschränkten. Wenn Männer traditionelle Dominanznormen hinterfragen, haben Frauen die Möglichkeit, Führungsrollen zu übernehmen, ihre Handlungsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen und sich stärker am öffentlichen Leben zu beteiligen – ohne dabei auf großen Widerstand von Männern zu stoßen. Wenn Männer darüber hinaus erkennen, dass traditionelle Männlichkeit ihrem eigenen Wohlbefinden schaden und zu Stress, Isolation und psychischen Problemen beitragen kann, können sie Empathie entwickeln und besser verstehen, welchen Herausforderungen Frauen gegenüberstehen. Diese gemeinsame Erkenntnis systemischer Zwänge hat bereits zu Maßnahmen geführt, um unterdrückende Geschlechternormen für alle abzubauen.
Widerstand und Aggression
Andererseits hat die Entwicklung der Männlichkeit in Kenia auch erhebliche Hindernisse für die Geschlechtergleichstellung und die Stärkung von Frauen mit sich gebracht. Einige Männer sehen die Infragestellung traditioneller Rollen als Verlust von Macht und Status, was zu Widerstand und Gegenreaktionen gegen den Fortschritt der Frauen in Kenia führt. Leider hat dies auch eine Zunahme geschlechtsspezifischer Gewalt mit sich gebracht, da einige Männer zu Aggressionen übergehen, um ihre vermeintliche Autorität zurückzugewinnen. Darüber hinaus verstärkt die „Krise der Männlichkeit“, mit der diejenigen konfrontiert sind, die ihre traditionelle Rolle als Versorger nicht erfüllen können, ironischerweise frauenfeindliche Überzeugungen, da Männer Frauen für ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten oder gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich machen. Dies verstärkt erneut patriarchalische Ansichten, wobei die wahrgenommene Bedrohung der männlichen Identität dazu führt, dass Männer darauf bestehen, traditionelle Hierarchien aufrechtzuerhalten. Während einige globale Einflüsse flexiblere Vorstellungen von Männlichkeit fördern, propagieren andere Formen „toxische Männlichkeit“ als Gegentrend, der sexuelle Dominanz, Aggression und die Objektivierung von Frauen betont.
Letztendlich sind die Auswirkungen des Wandels der Männlichkeitsbilder auf die Geschlechtergleichstellung und die Stärkung der Rolle der Frau in Kenia unterschiedlich. Wir befinden uns an einem kritischen Punkt, an dem Chancen für positive Veränderungen mit dem Risiko tief verwurzelter Widerstände einhergehen. Das zeigt, wie wichtig es ist, diese Dynamiken zu verstehen, um wirksame Maßnahmen entwickeln zu können. Die Förderung positiver und gerechter Männlichkeitsbilder in Kenia bedarf nicht nur einer Neudefinition männlicher Rollen, sondern auch einer grundlegenden Veränderung des gesamten Geschlechterkonzepts im Interesse aller.
Die beobachteten Herausforderungen und Veränderungen weisen auf mehrere wirksame und wichtige Wege hin.
- Bildungs- und Sensibilisierungsprogramme zur Geschlechtergleichstellung sind von entscheidender Bedeutung und müssen bereits in der frühen Kindheit beginnen. Diese Initiativen müssen schädliche Geschlechternormen und Stereotypen aktiv infrage stellen, indem sie sowohl Jungen als auch Mädchen in tiefgründige Diskussionen über traditionelle Geschlechterrollen einbeziehen. Solche Programme sollten Teil der formalen Bildung sein und auf den Dialog in der Gemeinschaft ausgedehnt werden. Sie können Plattformen wie religiöse Organisationen und Jugendnetzwerke nutzen, um sichere Räume für Männer zu schaffen, in denen diese über Verletzlichkeit, psychische Gesundheit und den gesellschaftlichen Druck veralteter männlicher Ideale sprechen können. Dazu gehört auch die Förderung von Empathie, Verantwortungsbewusstsein und respektvollen Partnerschaften.
- Es ist wichtig, die sozioökonomischen Ursachen der Ohnmacht von Männern anzugehen. Strategien sollten sich darauf konzentrieren, Männer wirtschaftlich zu stärken, indem sie ihnen Fähigkeiten und Möglichkeiten eröffnen, auf vielfältige Weise zu ihren Haushalten und Gemeinschaften beizutragen und über die Rolle des „Versorgers“ hinauszuwachsen. Wenn Männer sich wirtschaftlich abgesichert und wertgeschätzt fühlen, greifen sie weniger wahrscheinlich auf schädliche Bewältigungsmechanismen zurück oder widersetzen sich dem Fortschritt von Frauen. Darüber hinaus kann die Förderung gemeinsamer Haushalts- und Betreuungsaufgaben innerhalb der Familie durch die aktive Beteiligung von Männern neu definieren, was es bedeutet, zu Hause ein „Mann“ zu sein. Das fördert gerechtere Beziehungen und verringert die Belastung für Frauen.
- Wirksame Strategien sollten einen akteursübergreifenden und intersektionalen Ansatz verfolgen. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit Männergruppen, Frauenrechtsorganisationen, Gemeindevorsteher*innen und politischen Entscheidungsträger*innen, um Maßnahmen zu entwickeln, die die verschiedenen Erfahrungen von Männern und Jungen unterschiedlicher Altersgruppen, ethnischer Herkunft und sozioökonomischer Hintergründe berücksichtigen. Politische Reformen, einschließlich Fördermaßnahmen, müssen sorgfältig geprüft werden, um sicherzustellen, dass sie die Gleichstellung der Geschlechter wirklich voranbringen, ohne unbeabsichtigte Gegenreaktionen hervorzurufen. Durch die Förderung positiver Vorbilder, die Ermutigung zu respektvollem (Online-)Verhalten und das beständige Aufzeigen der Vorteile der Geschlechtergleichstellung für Männer und Frauen kann Kenia eine gerechtere Gesellschaft aufbauen, in der Männlichkeit durch Gleichberechtigung, Respekt und geteilte Verantwortung definiert wird.
Stephen Mutie arbeitet als Forscher für Cultural and Gender Studies an der Fakultät für Literatur, Linguistik und Fremdsprachen der Kenyatta Universität in Nairobi.
mutie.stephen@ku.ac.ke