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Weltpolitik

Guterres brennt

von Friederike Bauer

Meinung

António Guterres mit dem Vertreter des türkischen Teils Zyperns, Mustafa Akinci (links), und dem Vertreter des griechischen Teils, Nikos Anastasiadis (rechts).

António Guterres mit dem Vertreter des türkischen Teils Zyperns, Mustafa Akinci (links), und dem Vertreter des griechischen Teils, Nikos Anastasiadis (rechts).

Der neue UN-Generalsekretär António Guterres ist erfreulich offen und direkt. Aber er darf nicht zu forsch auftreten.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat Guterres einen Appell des Friedens an die Weltöffentlichkeit gerichtet. Es war keine wachsweiche Botschaft in üblicher UN-Diktion, sondern eine motivierend fordernde. Eine, die sofort erahnen ließ, dass hier ein Macher am Werk ist.

Das größte Defizit der internationalen Gemeinschaft, sagte der Portugiese kämpferisch, sei ihr Unvermögen, Konflikte zu vermeiden und globale Sicherheit herzustellen. Er werde das Thema Frieden deshalb zu einem zentralen Thema seiner fünfjährigen Amtszeit machen. Natürlich sei er nicht so naiv zu glauben, dass es ein Jahr des Friedens werde, aber wenigstens solle es ein Jahr für den Frieden werden. Die clevere Rhetorik sicherte ihm Berichterstattung rund um den Globus auf allen Kanälen.

In den Tagen danach folgten erste Personalentscheidungen – eine Frau als Stellvertreterin, eine Frau als Kabinetts­chefin –, eine viel beachtete Rede im Sicherheitsrat, Reformankündigungen für das UN-Sekretariat und die Friedenstruppen sowie seine Anwesenheit bei der neuen Runde von Friedensgesprächen für das geteilte Zypern.

Noch bevor er seinen Posten in New York antrat, hatte er Russlands Präsidenten Wladimir Putin in Moskau besucht. Guterres ist nicht nur erfrischend offen, sondern auch verdammt schnell. In der Geschwindigkeit, mit der er die kraftlos gewordene Weltorganisation wieder reanimieren möchte, unterscheidet er sich grundlegend von seinem Vorgänger.

Ban Ki-moon, der nette, aber farblose Südkoreaner, war zehn Jahre im Amt. Insider schilderten ihn zwar stets als intelligenten, integren, freundlichen und arbeitsamen UN-Chef. Aber er hat es nicht vermocht, Akzente zu setzen und ein eigenes Profil zu entwickeln. Ja, er hat die Agenda 2030 auf den Weg gebracht. Und ja, er hat die Klimaverhandlungen von Paris begleitet. Aber nichts davon verbindet man mit ihm. Wahrscheinlich, weil er von Anfang an als kleinster gemeinsamer Nenner der UN-Mächte galt. Nicht einen charismatischen Generalsekretär suchte man damals, sondern einen willfährigen Verwalter.

Einen matten Generalsekretär kann sich die Welt in ihrer derzeitigen Verfassung aber nicht leisten. Wo sich Krise an Krise reiht und Konflikt auf Konflikt folgt, werden die UN gebraucht. Dabei lebt die Weltorganisation ganz stark von der Persönlichkeit an ihrer Spitze. Deren Glaubwürdigkeit ist wichtig, weil die tatsächlichen Befugnisse überschaubar sind: Der Generalsekretär kontrolliert weder Land noch Truppen, kann keine Gesetze erlassen, darf keine Steuern erheben und hat im Sicherheitsrat und der Generalversammlung nicht einmal Stimmrecht. Die UN-Charta beschränkt seine politischen Kompetenzen auf einen einzigen Artikel, der ihm eine Alarm- und Aufmerksamkeitsfunktion zuschreibt. Umso wichtiger ist die Überzeugungskraft eines UN-Chefs.

Guterres ist so ein mitreißender Typ. Das hat er bereits als Chef des UN-Flüchtlingshochkommissariats bewiesen. Der frühere deutsche UN-Botschafter in Genf, Hanns Schumacher, sagte einst über ihn: „Der Mann brennt einfach.“ Weil er Energie hat, mutig ist und sich bei Konflikten nicht wegduckt. Und weil er die Erfahrung eines bewegten Lebens mitbringt, das ihn von der Innenpolitik Portugals über die Sozialistische Internationale bis hin zum UNHCR geführt hat. Abgesehen davon, dass sich viele UN-Beobachter endlich mal eine Frau auf dem Posten gewünscht hätten, ist Guterres die beste Wahl.

Doch die Geschichte zeigt auch: Zu forsches Auftreten führt genauso wenig zum Erfolg wie Leisetreterei. So gab der erste Generalsekretär, der offenherzige Norweger Trygve Lie, entnervt auf und trat vorzeitig zurück. Von ihm ist die Aussage überliefert, dies sei der „unmöglichste Job der Welt“. Dem sechsten UN-Chef, dem Ägypter Boutros Boutros-Ghali, wurde die übliche zweite Amtszeit gar verweigert, weil er seine Meinung zu direkt kundgetan hatte. Als die fähigsten UN-Generalsekretäre gelten bis heute der Schwede Dag Hammarskjöld und der Ghanaer Kofi Annan, wahrscheinlich weil sie den schmalen Grat zwischen Diplomatie und Charisma am ehesten trafen. So wohltuend sich Guterres von seinem Vorgänger Ban unterscheiden mag: Er muss bei aller Tatkraft aufpassen, dass er nicht vor der Zeit verglüht.


Friederike Bauer ist Journalistin.
[email protected]

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