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Gesundheitswesen

Afrikaner nutzen Covid-19-Lektionen aus anderen Weltregionen

von Benjamin M. Kagina, Hans Dembowski

Hintergrund

Der emeritierte Erzbischof Desmond Tutu nach seiner Impfung in Kapstadt im Mai.

Der emeritierte Erzbischof Desmond Tutu nach seiner Impfung in Kapstadt im Mai.

In vielen Ländern südlich der Sahara werden Menschen gegen Covid-19 geimpft, aber das Tempo ist arg langsam. Benjamin M. Kagina arbeitet als Wissenschaftler für die Vaccines for Africa Initiative (VACFA) der Universität Kapstadt. Im E+Z/D+C-Interview beurteilt er die Lage.

Wie schätzen Sie den Stand afrikanischer Impfkampagnen gegen Covid-19 ein?
Das mag Sie überraschen, aber ich denke, wir kommen gut voran. Es lässt sich immer darüber streiten, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist. Auf der Habenseite steht derzeit eine ganze Menge. Am allerbesten ist, dass in vielen afrikanischen Ländern überhaupt schon geimpft wird. Früher musste unser Kontinent ein Jahrzehnt oder so warten, bis innovative Arzneimittel hier ankamen. Diesmal waren es ein paar Monate und ich bin zuversichtlich, dass wir auf diesem guten Start weiter aufbauen können.

Also funktioniert die internationale Initiative COVAX, die weltweit für 20 Prozent der Bevölkerung Impfstoff bereit stellen soll?
Ja, aber sie erfüllt nicht alle Erwartungen. Vakzine sind weltweit nicht im selben Maß verfügbar. In reichen Ländern ist die Situation viel besser als hier. Dennoch ist es eine großartige Leistung, dass COVAX Entwicklungsländern Impfstoffe zur Verfügung stellt, und ich hoffe, dass die Versorgung schnell besser wird, zumal Arzneimittelbehörden immer mehr Impfstoffe zulassen. Die Afrikanische Union leistet bei der Beschaffung von Impfstoffen auch gute Arbeit, und einige Regierungen haben eigene Verträge mit Herstellern geschlossen. Ich glaube, dass das Tempo der Kampagnen schnell zunehmen wird.

Sollte die Welthandelsorganisation (WTO – World Trade Organization) den Patentschutz aussetzen, um die Produktion zu beflügeln?
Nein, das hat meines Erachtens nach keinen Vorrang. In der aktuellen Krise brauchen wir enge Zusammenarbeit. Alle Parteien müssen ihr Bestes tun, um die Impfstoff-Herstellung hochzuschrauben und weltweit faire Versorgung sicherzustellen. Lange juristische Auseinandersetzungen helfen dabei nicht, und Lizenzabteilung und Technologietransfer erfordern ohnehin Zeit. Jetzt kommt es darauf an, so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich zu schützen. Ich räume gerne ein, dass es auch negative Signale gibt. Es ist absurd und inakzeptabel, dass kleine, geringstentwickelte Länder in Afrika höhere Preise für Impfstoffe zahlen als hochentwickelte Nationen. Die Universität Oxford und AstraZeneca haben indessen mit großzügiger Lizenzerteilung und lediglich kostendeckenden Preisen das richtige Exempel statuiert. Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass Patente im Moment die Impfkampagnen nicht bremsen.

Was sind denn in Afrika die wichtigsten Hindernisse?
Das größte Problem ist sicherlich die unzureichende Impfstoffversorgung. Großenteils hängen afrikanische Länder von Importen aus Indien ab, wo das Serum Institute of India das AstraZeneca-Präparat herstellt. Dort verursacht die aktuelle Coronavirus-Welle aber massenhaftes Leid, sodass die Ausfuhren gestoppt wurden. Afrika braucht jedenfalls schnell mehr Impfstoffe. Wir müssen uns aber auch anderen großen Herausforderungen stellen. Wir wollen ja die Vakzine nicht einfach nur lagern, sondern müssen sie in die Arme der Menschen bekommen. Wir brauchen Kühlketten, die es aber nicht überall gibt. Daraus folgt wiederum, dass die technologisch interessantesten neuen mRNA-Vakzine für abgelegene Gegenden Afrikas kaum infrage kommen, denn sie müssen besonders kühl gehalten werden. Da ist es sicherlich besser, jetzt bestehende Kühlketten für Vektorvakzine zu erweitern, als großen Aufwand für eine völlig neue Vertriebsinfrastruktur für mRNA-Präparate zu betreiben.

Dort, wo Strom nicht oder nur unzuverlässig zur Fügung steht und wo Straßen bloße Staubpisten sind, ist es aber vermutlich schwierig, die existierenden Kühlketten zu erweitern.
Das stimmt, aber wir haben Erfahrung damit, solche Probleme zu meistern. Im vergangenen Jahrzehnt waren Impfkampagnen in Afrika recht erfolgreich. Auf dieser Grundlage können wir aufbauen. Allerdings geht es jetzt um eine andere Größenordnung. Bislang waren Kinder die Zielgruppe, aber um Covid-19 einzudämmen, müssen wir Erwachsene impfen.

Welche Art von „weicher Infrastruktur“ brauchen Sie? Vermutlich ist beispielsweise Unterstützung durch die Medien wichtig.
Die Leute haben viele Fragen, was Impfungen angeht. Wir brauchen Personal, das kompetent antworten kann. Die medizinischen Fachkräfte müssen also mehr können, als nur Spritzen zu verabreichen. Sie müssen sich um die Sorgen der Menschen kümmern und Vertrauen gewinnen. Wir kämpfen nicht nur mit einer Pandemie, sondern auch mit einer Infodemie, denn es zirkulieren viele Informationen, die nicht sonderlich gut oder sogar komplett falsch sind. Es lässt sich noch nicht sagen, wie verbreitet die Impfskepsis ist, wir wissen nur, dass es sie gibt. Solange wir nicht Menschen in großer Zahl impfen können, werden wir nicht erfahren, wie groß der Anteil derer ist, die evidenzbasierter Medizin nicht vertrauen. Wenn Journalisten kompetent darüber berichten, was Covid-19 ist, wie sich die Krankheit verbreitet, und was davor schützt, ist das sicherlich nützlich. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen können helfen, aufzuklären und so die Nachfrage zu stärken.

Wer ist für den Erfolg von im Kampagnen verantwortlich?
Die Regierungen von Nationalstaaten. Nur sie können die nötige Regulierungsarbeit einschließlich der Zulassung von Pharmazeutika leisten. Außerdem entspricht es ihrer Rolle, alle wichtigen Interessengruppen mit ins Boot zu holen. Wenn Sie das Gesundheitswesen den Marktkräften überlassen, bleiben arme und marginalisierte Gruppen ausgeschlossen. Eine Kampagne bringt aber nicht viel, wenn sie nur die oberen 20 Prozent oder so erreicht. Selbst diese sind dann nicht ausreichend geschützt, wenn eine Epidemie eskaliert und ständig neue Mutanten auftreten. Nur Regierungen können dafür sorgen, dass alle erreicht werden – was in der Praxis mindestens 80, Prozent aber möglichst 95 Prozent der Bevölkerung bedeutet. Kompetente Regierungen schaffen zudem die nötigen Anreize, damit Privatunternehmen mitziehen.

In welchem Umfang hat Covid-19 andere Impfkampagnen und das Gesundheitswesen insgesamt durcheinandergebracht?
Es gibt erhebliche Störungen. Vielfach wurden nichtessenzielle Dienste ausgesetzt. Das schließt Impfungen ein. Das Personal ist erschöpft und noch stärker überlastet, als es im Normalfall ohnehin schon ist. Selbst in guten Zeiten sind unsere Ressourcen so knapp, dass wir wissen, dass die meisten Afrikaner keine professionelle ärztliche Hilfe bekommen, wenn sie diese brauchen. Wir leben jetzt nicht in guten Zeiten. Prävention und Behandlung anderer Krankheiten werden zurzeit wegen des Coronavirus leider vernachlässigt. Geringere Prävention bedeutet aber mehr Leid in der Zukunft. Programme zur Bekämpfung von Tuberkulose und HIV/Aids werden zurzeit zurückgestellt, und selbst die Patientenversorgung ist vielfach schlechter geworden.

Dabei hat Covid-19 Afrika bislang nicht sonderlich hart getroffen. Erklärt wird das unter anderem mit dem hohen Anteil junger Menschen oder der Tatsache, dass ein Großteil des öffentlichen Lebens unter freiem Himmel stattfindet. All das wurde über Indien aber auch gesagt – und dort blühte die Pandemie nun fürchterlich. Das könnte auch Afrika bevorstehen.
Das Risiko besteht, und wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten. Mein Spezialgebiet sind Impfungen, deshalb kann ich Ihnen nicht im Detail sagen, was in Krankenhausstationen und Gesundheitszentren los ist. Positiv ist aber, dass Afrikaner beobachten, was anderswo passiert. Wir lernen Lektionen aus anderen Weltregionen. Deshalb handelten unsere Regierungen schnell, als sie im ersten Quartal 2020 sahen, wie die Pandemie Europa ergriff. Das hat die Wucht des Coronavirus-Wahns abgeschwächt. Unsere Behörden wissen, dass Afrika das nächste Indien werden kann. In Südafrika gibt es erste Anzeichen, dass die dritte Welle im Anrollen ist. Das bedeutet: wir müssen wachsam bleiben. Die Impfkampagnen sind wichtig; ganz generell sind Hygienemaßnahmen wichtig. Unsere Regierungen und unsere Öffentlichkeit wissen, dass die Lage ernst ist.

Was müssen Geberregierungen Ihrer Meinung nach leisten?
Ich denke, sie tragen auf drei Ebenen Verantwortung:

  • Auf der obersten Ebene müssen Sie dafür sorgen, dass wir mit neuen Mitteln die neuen Mutanten in den Griff bekommen. Länder mit niedrigen Einkommen hängen derzeit vom medizinischen Fortschritt der Länder mit hohen Einkommen ab.
  • Auf der mittleren Ebene müssen sie uns mit Daten versorgen – darüber, wie sich die Krankheit ausbreitet, wie wirksam ein Arzneimittel ist, oder was Impfkampagnen behindern kann. Wir können und werden daraus Lehren ziehen.
  • Auf der lokalen Ebene müssen sie uns helfen, unsere Kapazitäten auszubauen. Kooperation ist sehr wichtig, unter anderem um Wissen und Kenntnisse auszutauschen. Geldtransfers reichen nicht, denn Humankapital ist ebenso wichtig.


Benjamin M. Kagina arbeitet als Senior Research Officer für die Vaccines for Africa Initiative (VACFA) der medizinischen Fakultät der Universität Kapstadt.
[email protected]

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