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Flüchtlinge

Hartes Wüstenleben

von Frank Odenthal

Hintergrund

Buyema Fateh, ­genannt Castro, gründete die Schule für geistig behinderte Sahrauis im Camp Smara in Algerien.

Buyema Fateh, ­genannt Castro, gründete die Schule für geistig behinderte Sahrauis im Camp Smara in Algerien.

Seit fast vier Jahrzehnten warten die Sahrauis, die Bewohner der Westsahara, in Flüchtlingslagern in der algerischen Wüste auf die Rückkehr in ihre Heimat. Besonders schwierig ist die Lage für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen.

Er habe drei Farbtöne im Angebot: Oliv, Braun und Grau. Da sei für jeden Hauttyp etwas dabei. Menhem Arab preist weder Make-up noch die neueste Kollektion eines Kleiderlabels an. Er stellt Beinprothesen her. Der grauhaarige Mann mit den bernsteinfarben getönten Brillengläsern ist gelernter Orthopädietechniker und leitet das „Martyr Sharif Orthopedic Center“ in einem algerischen Flüchtlingslager, in dem die Sahrauis Zuflucht gefunden haben.

Wie kaum ein anderes Volk weltweit haben die Sahrauis mit den Folgen der Verminung ihres Landes durch die marokkanische Armee zu kämpfen. Bislang wurden 352 000 Quadratmeter von Landminen, Streubomben und anderem explosivem Kriegsgerät geräumt. Dennoch kommt es auch heute noch regelmäßig zu Explosionen, bei denen Kampfmittel unkontrolliert detonieren.

Die Westsahara gilt heute als die letzte verbliebene Kolonie Afrikas. Als sich die Kolonialmacht Spa­nien 1976 aus „Spanisch-Sahara“ zurückzog, beriefen sich die Nachbarn Marokko und Mauretanien auf alte Stammeszugehörigkeiten und marschierten in die Westsahara ein. Schon unter spanischer Herrschaft hatte sich Widerstand formiert: die Frente Polisario. Man kann sie als sahrauische Befreiungsbewegung bezeichnen oder als Sprachrohr aller Sahrauis. Am 27. Februar 1976, einen Tag nach dem Rückzug der Spanier, rief die Polisario die „Demokratische Arabische Republik Sahara“ aus und nahm – mit Unterstützung Algeriens – den bewaffneten Kampf gegen die neuen Besatzer auf.

Es gab anfängliche Erfolge: Mauretanien, überrascht vom hartnäckigen Widerstand der Polisario-Kämpfer, zog sich 1979 aus der Westsahara zurück. Marokko hingegen hat immer noch weite Teile de facto annektiert. Erst 1991 konnten sich beide Seiten auf einen Waffenstillstand einigen, der bis heute andauert.

 

Volk ohne Heimat

Seitdem lebt das Volk der Sahraui über drei Gebiete verstreut: In der von Marokko besetzten Zone am Atlantik, die den Großteil der Fläche der Westsahara einnimmt und auch alle größeren Städte des Landes beinhaltet, leben heute noch etwa 120 000 Sahrauis unter 300 000 marokkanischen Siedlern. In den Flüchtlingslagern in Algerien nahe der Stadt Tinduf haben etwa 167 000 Sahrauis Asyl gefunden. Dazwischen ist die „befreite Zone“, ein schmaler Streifen, den die Polisario behaupten konnte. Dort leben nur wenige tausend Menschen. Das Polisario-Gebiet ist von der „besetzten Zone“ der Westsahara durch einen 2720 Kilometer langen Sandwall, den „Berm“, abgetrennt. Dieser Sandwall, in den 1980ern von den Marokkanern aufgeworfen und seitdem streng bewacht, gilt als eines der am dichtesten verminten Gebiete der Welt.

Seit 2008 leitet Menhem Arab das Orthopedic Center, das vom Internationalen Roten Kreuz betrieben wird. Die Komponenten der verwendeten Prothesen kommen aus der Schweiz. Sie werden vor Ort zusammengebaut und individuell angepasst. Arab hat Schwierigkeiten, geeignete Mitarbeiter zu finden. Es kämen nur Sahrauis in Frage, die sich eine Ausbildung im Ausland leisten konnten und zurückkehren, um ihren Landsleuten zu helfen.

Die britische Nichtregierungsorganisation AOAV (Action On Armed Violence) beziffert die Opferzahl von Landminen und Streubomben unter der Zivilbevölkerung seit Beginn des Konflikts mit Marokko auf fast 1400. Davon mussten über 450 Menschen Amputationen hinnehmen. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen, denn die sahrauischen Minenopfer in der von Marokko kontrollierten Zone werden bislang in keiner Statistik erfasst. Die AOAV arbeitet vor Ort eng mit der Frente Polisario und der sahrauischen Hilfsorganisation ASAVIM (Asociación Saharaui de Víctimas de Minas) zusammen. Seit 2005 hat die Polisario mit Unterstützung der AOAV weit über 10 000 Anti-Personen-Minen zerstört.


Prothesen für ein relativ normales Leben

Etwa ein Drittel der Opfer, die auf eine Streubombe oder eine Landmine treten und überleben, müssen Amputationen von Gliedmaßen hinnehmen. Es sind vor allem die halbnomadisch lebenden Beduinenfamilien östlich des verminten Grenzwalls, die zu den häufigsten Minenopfern zählen. Viele davon sind Kinder, die beim Spielen auf eine der geschätzten 7 Mil­lionen Minen treten und – wenn überhaupt – nur mit schwersten Verletzungen überleben. Abgerissene Gliedmaßen, die Beine vor allem, sagt Menhem Arab, seien die häufigsten Verwundungen, die im Krankenhaus in den Sahraui-Camps oder, bei komplizierteren Fällen, im algerischen Militärhospital in Tinduf behandelt werden.

Statistisch gesehen wird alle zwei Stunden irgendwo auf dem Globus jemand Opfer einer Mine oder einer Streubombe, ein Drittel davon sind Kinder. In den Sahraui-Camps auf algerischem Gebiet gehören Menschen mit Verstümmelungen und Amputationen zum alltäglichen Erscheinungsbild. Vielen von ihnen ermöglicht Menhem Arab mit seinen Prothesen, ein weitgehend normales Leben zu führen, soweit es die Umstände ermöglichen. Zwar sind die Wege zur Deckung des täglichen Bedarfs in den Lagern kurz und die Gebäude ebenerdig, doch von Barrierefreiheit kann im endlosen Wüstensand keine Rede sein. Dieser Teil der Sahara, die Hamada, gilt als der trockenste, unwirtlichste Teil, als „Wüste in der Wüste“. Wer keinen allradgetriebenen Geländewagen hat, kommt nicht voran. Das gilt in besonderem Maße für jene, die auf Krücken, Prothesen oder Rollstühle angewiesen sind.

Viele der Betroffenen schließen sich zu Selbsthilfegruppen zusammen, da die sahrauischen Behörden nicht über die Mittel verfügen, eine angemessene Versorgung sicherzustellen. 48 dieser Selbsthilfegruppen greift die AOAV finanziell unter die Arme, etwa 150 weitere Betroffenengruppen warten noch auf Unterstützung. Wie viele Menschen mit körperlichen Einschränkungen heute in den Sahraui-Camps in der algerischen Wüste leben, lässt sich nur grob schätzen, denn offizielle Statistiken gibt es nicht. Neben den ­zivilen Minenopfern dürfte vor allem die Zahl der kriegsversehrten Kämpfer der Frente Polisario im hohen vierstelligen Bereich liegen. Hinzu kommen die Fälle von Traumatisierungen, die die Menschen vom Krieg mit Marokko davongetragen haben.

Das sahrauische Gesundheitsministerium, dessen Bürogebäude in einem der fünf Sahraui-Camps in Algerien untergebracht ist, versucht die Hilfe für die betroffenen Familien zu koordinieren. Keine leichte Aufgabe, denn die Mittel der Behörde sind knapp. Eine systematische Erfassung der Betroffenen findet kaum statt und statistische Erhebungen entsprechen nicht immer wissenschaftlichen Standards. Präzise Angaben kann das Ministerium allein zur Gesamtzahl von Menschen mit geistigen Behinderungen in den Camps machen: Anfang 2014 registrierte die Behörde 292 Fälle.


Erste Lagerschule für geistig Behinderte

Dies ist nur möglich, weil die betroffenen Menschen einen prominenten Fürsprecher gefunden haben, einen Sahraui, der vor sieben Jahren die weltweit erste und bis heute einzige Schule für Menschen mit geis­tigen Behinderungen in einem Flüchtlingslager gründete. Sein Name: Buyema Fateh; doch in den Camps nennen ihn alle nur Castro. Der Spitzname stammt noch aus seiner Jugendzeit, als seine Freunde fanden, er sehe dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro ähnlich.

„Früher, als die Sahrauis noch ein Volk von Nomaden waren, wurden behinderte Menschen in den Zelten angebunden, den ganzen Tag, ein Leben lang. Und ging das Zelt einmal in Flammen auf, hat niemand versucht, sie zu retten“, erinnert sich Castro. „Selbst in der jüngeren Vergangenheit wurden geistig behinderte Kinder tagsüber in den Zelten angebunden und nur nachts angeleint herausgelassen, weil sich die Familie für sie schämte.“ Seine Stimme bebt vor Empörung, wenn er davon erzählt.

Als Castro als Jugendlicher erfuhr, wie die sah­rauische Gesellschaft mit ihren behinderten Kindern umging, war er zutiefst beschämt. Als erwachsener Mann quittierte er dann schließlich seinen Dienst bei der Frente Polisario, und gründete vor sieben Jahren eine Schule für geistig behinderte Kinder.

Die Schule liegt in Camp Smara, dem größten der fünf Sahraui-Lager, zwischen Felsen und Dünen unter gleißender Sonne. Es ist Frühstückszeit. Castro sagt, dass er heute an der Reihe sei. Er beginnt, den Schülern zu seiner Rechten mit einer bauchigen Messingkanne Trinkwasser in ihre Becher zu gießen. Das Prinzip der Gleichheit, sagt Castro, das seien die Fundamente dieser Schule: Heute schenke er aus, morgen und übermorgen ein anderer. Die Kinder sollen sehen, dass sie ein ebenso wichtiges Element der Gemeinschaft sind wie jedes andere Kind, wie die Betreuer der Schule, wie die Menschen draußen in den Camps.

„Außerdem unterscheiden wir nicht zwischen Jungen und Mädchen“, so Castro weiter. „Wir wollen den Kindern zeigen, dass wir vor Gott alle gleich sind.“ Alle Kinder lernen hier nach ihren persönlichen Fähigkeiten, wie Nähen, Kochen, Tischlern oder eine andere handwerkliche Tätigkeit. Meist dauere es nicht lange, bis ein Kind ein persönliches Steckenpferd entwickle. Viele lernen bei Castro auch Rechnen, Lesen und Schreiben und bedienen sich dann in der schuleigenen Bibliothek. Letztlich geht es um die Fähigkeit, eines Tages ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Buyema Fateh alias Castro erinnert sich, dass man ihn anfangs belächelt habe. „Sie behaupteten, ich sei durchgeknallt, betrunken oder auf Drogen. Sie sagten, ich gehöre als Patient in meine eigene Schule.“ Davon ist heute keine Rede mehr. Castro gehört inzwischen zu den prominentesten und meistgeschätzten Personen in den sahrauischen Lagern. „Wir bekommen regelmäßig Besuch aus dem Ausland: Mediziner und Pädagogen, Studenten wie Professoren, auch Politiker aus Europa und Asien – sie alle wollen unsere Schule hier im Flüchtlingslager sehen.“ Sogar der algerische Präsident Bouteflika sei schon da gewesen.


Mehr Schulen wären nötig

Einmal pro Woche setzt er sich mit seinem mittlerweile zehnköpfigen Team zusammen, um sich abzustimmen und auszutauschen. Lernerfolge werden ebenso besprochen wie die Probleme, die sich im Laufe der Woche ergeben haben. Momentan sind es 59 Kinder, die Castro und seine Helfer bei der allmorgendlichen Route mit dem Geländewagen durch Camp Smara noch vor dem Frühstück von zu Hause aufsammeln und nach dem Mittagessen zurück zu ihren Familien bringen.

„Mittlerweile platzt unsere Schule aus allen Nähten“, sagt Castro. „Selbst aus den anderen Camps wollen die Eltern ihre Kinder zu uns bringen. Doch dafür reichen unsere Kapazitäten nicht aus.“ In den anderen Camps müssten andere Sahrauis diese Aufgabe übernehmen, findet er. Castros Schule hängt, wie fast alle Institutionen der sahrauischen Flüchtlinge in den Camps, von der finanziellen Unterstützung Algeriens ab.

Bei allem, was darüber hinausgeht, vor allem den vielen Medikamenten, die seine Schüler benötigen und die in einem der Schulräume eingelagert werden, ist er auf Spenden aus Europa angewiesen. „Trotz aller Hilfe der algerischen Regierung müssten wir unsere Schule ohne regelmäßige Geld- und Sachspenden aus Europa wohl bald wieder schließen.“

Menhem Arab vom Orthopedic Center erklärt, dass die Menschen mit Behinderungen in den Camps noch vergleichsweise Glück im Unglück hätten: „Die Gemeinschaft der Sahrauis in den Flüchtlingslagern ist über die Jahrzehnte sehr homogen geblieben. Das stärkt den Zusammenhalt.“ Er lässt aber keinen Zweifel an einer Sache: „Dennoch ist ein Leben mit Behinderungen hier im Wüstensand und bei diesen Temperaturen ein besonders hartes Schicksal.“

 

Frank Odenthal ist freier Journalist und hat sich auf Themen der Entwicklungspolitik und des Umweltschutzes spezialisiert.
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