D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Sicherheit

Polizisten leben gefährlich

von Hartmut Staudt

Hintergrund

 “We practised evidence gathering and fingerprinting  at simulated crime scenes”

 “We practised evidence gathering and fingerprinting at simulated crime scenes”

Das Deutsche Polizeiprojektteam (GPPT) berät seit 2002 afghanische Behörden. Kriminaldirektor Hartmut Staudt berichtet von seinem Einsatz als Ausbilder in Faizabad und Kabul im vergangenen Jahr. [ Interview mit Hartmut Staudt ]

Mit welchem Auftrag sind Sie nach ­Afghanistan gereist?
Von März bis Juni 2009 bildete ich im Auftrag des Deutschen Polizeiprojektteams afghanische Polizisten aus. Zusammen mit zwei deutschen Kollegen war ich erst fünf Wochen in Faizabad und dann acht Wochen in Kabul. Wir hielten jeweils einwöchige Kurse für circa 20 bis 25 Kollegen zur Spuren- und Tatortsicherung. Wir hatten Spurensicherungskoffer mitgebracht, mit denen wir zum Beispiel an nachgestellten Tatorten übten, Beweise zu sichern und Fingerabdrücke zu nehmen. Das haben wir auf Video oder mit Digitalkameras aufgenommen und besprochen.

Was für eine polizeiliche Infrastruktur haben Sie in Afghanistan vorgefunden?
Das war ein regelrechter Schock. Davon auszugehen, dass die Polizei in Afgha­nistan so organisiert ist wie bei uns, ist ein großer Irrtum. In größeren Städten gibt es vielleicht ähnliche Strukturen, aber auf dem Land ist die Situation in keiner Weise mehr mit europäischen Standards vergleichbar. Da sind die Polizeidienststellen von außen oft nicht mal erkennbar: ein einfaches Gebäude, das meist nur aus einem Zimmer besteht. Die Ausrüstung ist eher spärlich: Es fehlt an Fahrzeugen, Uniformen, Büromaterialien. Es gibt nur wenige Computer, was aber auch mit daran liegt, dass viele afghanische Polizisten sie nicht bedienen können. Einige sind Analphabeten. Das haben wir auch im Unterricht bemerkt. Die Kollegen hörten in den Kursen interessiert zu, aber kaum einer machte sich Notizen.

Was für Qualifikationen sind in Afghanistan für den Polizeiberuf nötig?
Die neuen Rekruten müssen schon lesen und schreiben können und es gibt auch Aufnahmetests. Das ist aber nicht mit deutschen Anforderungen vergleichbar. Physische Fitness zum Beispiel trainieren die Rekruten erst in der Grundausbildung. Die ist in der Nationalen Polizeischule in Kabul übrigens vorbildlich: vom „Trimm-dich-Pfad“, nachgebauten Schützengräben bis hin zu modernen Schulungsräumen. Da hat sich Deutschland finanziell und materiell stark engagiert. Ein großes Fragezeichen steht eher hinter der Ausbildung und Qualifikation der älteren Kollegen, die schon länger bei der Polizei sind.

Ist der Polizeiberuf angesehen in Afghanistan und gibt es einen großen Zulauf?
Für viele Afghanen ist die Polizeiausbildung die einzige Chance, Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren. Häufig kommen die jungen Männer vom Land, für die ein Gehalt von 200 Euro im Monat viel ist. Dabei gibt es aber zwei Probleme.
– Erstens, korrupte Vorgesetzte händigen das Geld oft nur zum Teil oder gar nicht aus. Korruption ist eines der größten Probleme im Land und damit auch der afghanischen Polizei, selbst wenn es keiner laut ausspricht.
– Zweitens, die Zahl der getöteten Kollegen ist hoch. Wer sich in Afghanistan für den Polizeiberuf entscheidet, lebt von dem ­
Tag an gefährlich. Gerade auf dem Land kommt es immer wieder zu Konflikten mit den Milizen lokaler Warlords, die nicht gerne sehen, wenn sich in ihrem Gebiet die Polizei etabliert. Täglich gibt es gezielte Tötungen.

Nehmen die Afghanen die Polizei als Freund und Helfer wahr?
Das Verhältnis zur Bevölkerung entspricht nicht dem deutschen Bild vom Freund und Helfer. Aufgrund von Korruption fürchtet die Bevölkerung zum Teil die Polizei. Zudem stellt sich die Frage, ob die einem überhaupt helfen kann. Das hängt oft vom Clanchef ab. Wenn der nicht will, ist für die Kollegen die Tür zu. Eine Notrufstruktur wie in Deutschland, wo die Polizei direkt kommt, wenn etwas passiert, sehe ich in den nächsten Jahren für Afghanistan als utopisch an.

Welchen Herausforderungen müssen sich afghanische Polizisten im Alltag stellen – im Unterschied zu Deutschland?
Afghanische Polizisten müssen definitiv mehr um ihr Leben fürchten, gerade eben wegen der gezielten Angriffe. Gefährlicher ist auch das Verhältnis zur Bevölkerung: Eine Waffe ist wie ein Essbesteck Bestandteil eines jeden Haushalts. Morde sind häufig, weshalb gerade unser Kurs zur Spurensicherung sinnvoll erschien – allerdings werden Morde oft juristisch gar nicht aufgearbeitet. Die Alltagsaufgaben der Polizisten unterscheiden sich zudem zwischen Stadt und Land. In Kabul ist die Polizei sehr präsent – bei Straßenkontrollen oder der Verkehrsregelung. Ich konnte aber trotzdem nicht den Eindruck gewinnen, dass sie die Ordnung garantiert. In ländlichen Regionen wie in Faizabad ist die Polizei weniger sichtbar. Erkennbare und effektive Maßnahmen sind schwer festzustellen.

Wie wurden Sie als Ausbilder aufgenommen?
Die afghanischen Kollegen haben uns sehr gut aufgenommen. Vieles zum Thema Spurensicherung war neu für sie, aber sie waren wissbegierig und haben mit dem Material gut gearbeitet.

Was ließ sich in der Ausbildung leicht und schwer vermitteln?
Die Arbeitsweisen zur Spurensicherung haben die Kollegen sehr offen angenommen. Sie stellten aber viele Fragen zur deutschen Polizeiarbeit, zum Beispiel wie wir Geständnisse erreichen, ob wir foltern oder die Todesstrafe anwenden. Da prallen dann zwei Welten mit verschiedenen Werten aufeinander. Dass in Deutschland Verdächtige einfach die Aussage verweigern können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, war für die afghanischen Kollegen schwer zu begreifen. Auch dass wir gleichberechtigt mit Polizistinnen zusammenarbeiten, war für viele kaum nachzuvollziehen.

Gibt es denn Frauen in der afghanischen Polizei?
Ja, offiziell gibt es sie. Ich selbst habe aber nur eine gesehen, eine Polizeigeneralin in Kabul. Ich kenne aber eine Mainzer Kollegin, die mehrere Wochen in Afghanistan war, um auch Polizeibeamtinnen auszu­bilden.

Was ist erforderlich, um einen loyalen und effektiven Polizeiapparat in Afghanistan zu schaffen?
Aus der Distanz stellt sich die Frage, ob das nach unserem Standard überhaupt erreichbar ist oder ob wir da einer Utopie nachhängen. Wir müssen hinterfragen, welchen Maßstab wir in unserer Bewertung anlegen. Wir können nicht sagen, alles was wir machen, ist gut, und alles was ihr macht, ist schlecht. Ein direkter Vergleich zwischen deutscher und afghanischer Polizei ist nicht angemessen.

Sie waren 2000 auch als Polizist im Auftrag der UN-Interimsverwaltungsmission im Kosovo (UNMIK). Wie unterschied sich Ihre Arbeit dort von der in Afghanistan?
Im Kosovo gab es nach dem Krieg keine Polizei mehr. Die UN hatte die komplette Polizeiarbeit inklusive der Exekutivgewalt übernommen. Erst nach und nach wurde diese wieder an kosovarische Sicherheitsbehörden übergeben. Dort waren also vor allem ausländische Polizisten im Einsatz, die nach UN-Maßstäben arbeiteten. Der europäische Gedanke war dadurch präsenter. In Afghanistan beraten wir im Rahmen von GPPT nur. Aber ob eine komplette Übernahme der Polizei wie im Kosovo auch eine Alternative für Afghanistan ist? Ich denke eher nicht. Wir müssen hier einen langen Atem haben und die afghanischen und ausländischen Beiträge zur Polizeireform noch besser koordinieren.

Die Fragen stellte Cathrine Schweikardt.