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Kultur

Nationale Katastrophe

von Carlos Albuquerque

Meinung

Unwiederbringliche Verluste: Das Nationalmuseum in Rio de Janeiro ging in Flammen auf.

Unwiederbringliche Verluste: Das Nationalmuseum in Rio de Janeiro ging in Flammen auf.

Für Brasilien kommt es einer nationalen Katastrophe gleich: In der Nacht vom 2. auf den 3. September zerstörte ein Feuer das Hauptgebäude des Museu Nacional, des Nationalmuseums in Rio de Janeiro. Dabei sind unwiederbringliche Exponate verloren gegangen, die zum nationalen Gedächtnis des Landes gehörten. Der Brand ist symptomatisch für den Zustand des Landes.

Am Morgen des 3. September schrieb eine Professorin für Literaturwissenschaft der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ) auf ihrer Facebook-Seite: „Leute, aus der Linguistik wurde nichts gerettet. Wir haben die gesamte Sammlung der indigenen Sprachen verloren: die Lieder in vielen ausgestorbenen Sprachen; (…) das Original der ethnisch-historisch-linguistischen Karte mit dem Aufenthaltsort aller ethnischen Gruppen in Brasilien, die einzige Aufzeichnung, die wir aus dem Jahr 1945 hatten; die ethnologischen und archäologischen Hinweise der brasilianischen Volksgruppen seit dem 16. Jahrhundert ... kurz gesagt, ein irreparabler Verlust für unser historisches Gedächtnis. Es schmerzt so sehr, alles in Asche zu sehen.“ Das Museum und seine Bestände wurden von der UFRJ verwaltet.

Schätzungen zufolge vernichtete der Brand 90 Prozent der Sammlung von 20 Millionen Objekten. Das Feuer war eine angekündigte Tragödie. Schon im April dieses Jahres machte der Museumsdirektor Alexander Kellner die Öffentlichkeit auf den miserablen Zustand der Institution aufmerksam. Obwohl das Museum eine der wichtigsten Sammlungen für Naturgeschichte in Lateinamerika besaß, tropfte es von den Decken. Noch dazu gab es viel zu wenig Besucher pro Jahr – weit unter seiner Kapazität.

Kellner wollte all dies ändern. Besonders bitter ist die Tatsache, dass eine Finanzspritze der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES über 21,7 Millionen Reais (rund 4 Millionen Euro) im Juni vereinbart wurde. Ein Teil der Gelder (3 Millionen ­Reais) sollte schon in Oktober bezahlt werden. Damit wollte Kellner auch den Brandschutz verbessern. Das Nationalmuseum hatte keinen Brandschutznachweis und sollte eigentlich nicht mehr für Publikum zugänglich sein. Ohne Sprinkleranlage, Feuermelder und ohne genügend Wasserdruck in den Hydranten war das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert dem Feuer schutzlos ausgeliefert.

Während Präsident Michel Temer von einem „unkalkulierbaren Verlust“ sprach, beschuldigte sein Kultusminister Sérgio Sá Leitão frühere Regierungen und die Bundesuniversität von Rio de Janeiro für den Zustand des Museums und die mangelnden Investitionen verantwortlich zu sein. Sich selbst sah Sá Leitão nicht in der Verantwortung.

Der Brand des Nationalmuseums wurde zum Politikum und hat Behörden und Öffentlichkeit auf den Zustand anderer kultureller Einrichtungen in Brasilien aufmerksam gemacht. Die Bundesanwaltschaft hat das Bundesgericht aufgefordert, sechs staatliche Museen in Rio de Janeiro, die auch keinen Brandschutznachweis haben, unverzüglich zu schließen. Der Brand hat auch auf den desolaten Zustand der brasilianischen Kulturpolitik aufmerksam gemacht: Von den 13 Kandidaten für die Präsidentschaftswahl dieses Jahr haben nur zwei in ihren offiziellen Regierungsprogrammen spezifische Projekte in Zusammenhang mit Museumsarbeit.

Das Feuer hat bewirkt, dass die brasilianische Öffentlichkeit wacher geworden ist. Nicht nur gegenüber der Kultur, auch gegenüber der Politik. Der rechtsextreme Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro wird nun genauer beobachtet und scheint zumindest bei bestimmten Wählergruppen wie Frauen Zustimmung einzubüßen. Bolsonaro reagierte mit Spott auf das Feuer im Nationalmuseum. Kultur taucht in seinem Programm nicht einmal auf. Einen Tag nach dem Brand wurde Bolsonaro niedergestochen und schwer verletzt. Das Motiv des Täters ist unklar. Dass er sich jetzt in der Opferrolle sieht, heizt die von ihm betriebene Polarisierung in Brasilien weiter an.

Ein kleiner Trost bezüglich des Nationalmuseums ist, dass zumindest Teile der Dokumente der ethnologischen Sammlung digitalisiert wurden und so nicht komplett verloren sind. Und man hofft noch, das Skelett von „Luzia“, dem ältesten in Amerika gefundenen Homo sapiens, in Stahlschränken unter den Trümmern zu finden.


Carlos Albuquerque arbeitet für das brasilianische Programm der Deutschen Welle.
[email protected]

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