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Zentralasien

Im Windschatten Afghanistans

von Hannelore Börgel

Hintergrund

Central Asian construction workers in Russia: The men often feed more than 12 family members from their monthly wage of approximately $ 800

Central Asian construction workers in Russia: The men often feed more than 12 family members from their monthly wage of approximately $ 800

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bilden Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisistan und Tadschikistan mit einer Bevölkerung von insgesamt 60 Millionen Menschen heute den geostrategischen Raum Zentralasien. Kirgisistan und Tadschikistan sind auf Überweisungen von Arbeitsemigranten angewiesen, während die anderen Länder über Rohstoffe wie Gas, Öl und Gold verfügen. Die internationale Gemeinschaft hat ihren Blick bisher meist auf das angrenzende Afghanistan gelenkt – dabei bedroht die prekäre sozio-ökonomische Situation der Bevölkerung in Zentralasien die politische Stabilität der ganzen Region. Die Not bereitet einen Nährboden für islamistischen Radikalismus und ethnisch motivierte Gewalt. Von Hannelore Börgel

Der Kfz-Meister aus Tadschikistan hat in St. Petersburg pro Monat 800 Dollar verdient, 600 Dollar davon schickte er jeden Monat zu seiner zwölfköpfigen Familie. Diese gab das Geld für Konsum und Familienfeste aus, gespart wurde nichts. Zur Beerdigung seines Vaters kehrte der Mann heim, für seine Rückkehr nach St. Petersburg fehlte der Familie jedoch das Geld. Deshalb verdingt der Mann sich jetzt in seinem Heimatland an einer Dorfhauptstraße als Tagelöhner. 60 bis 80 Somonis, zehn bis 13 Euro, kann man mit Kfz-Repara­turen pro Tag verdienen. Er ist nicht der Einzige, der hier seine Arbeitskraft anbietet.

2009 sind viele tadschikische Arbeitsmigranten zurückgekehrt, nachdem die Finanzkrise auch Russland und Kasachstan erreichte. Nun arbeiten sie vor allem auf dem Feld, manche auch nur in ihren Hausgärten. Höchstens 20 Prozent der Rückkehrer gelingt es nach Aussage des Vorsitzenden einer Mahalla – einer traditionellen Nachbarschaftshilfe aus der sowjetischen Zeit – auch in der Heimat wieder ökonomisch erfolgreich zu sein, indem sie kleine Geschäfte eröffnen oder Häuser bauen. Aber fast alle träumen davon, so schnell wie möglich nach Russland zurückzukehren.

Jedoch nicht alle finden dort Arbeit. Zweimal ist ein ehemaliger sowjetischer Soldat tadschikischer Herkunft schon in Moskau gewesen, einmal vergeblich, er fand keine Arbeit. Ein zweites Mal arbeitete er sechs Monate lang – und bekam schließlich seinen Lohn nicht ausgezahlt.

Der Mann, der zu Sowjetzeiten als Soldat in Lettland stationiert war, hat eine kranke Frau und fünf Kinder zu ernähren. Um die Fahrt nach Moskau zu bezahlen, verkaufte die Familie ihr Vieh und glaubte, von dem in Russland Verdienten neues Vieh anschaffen zu können. Stattdessen häufte sie nur Schulden an. Nun ernährt sie sich mühsam von dem, was ihr Hausgarten hergibt. Doch der Familienvater will es noch ein drittes Mal versuchen. Nur Moskau kann ihm aus seiner Misere helfen, sagt er.

Bürokratie und Korruption in Tadschikistan erschweren Rückkehrern den Weg in die Selbständigkeit. Als Taxifahrer kann nur arbeiten, wer eine Lizenz hat. Im Jahr 2010 kostete eine Jahreslizenz 280 Somoni (48 Euro), die Jahrespacht beträgt umgerechnet 31 Euro und weitere 14 Euro müssen monatlich an den Eigentümer des ­Unternehmens abgeführt werden. Ein tadschikischer Taxifahrer hatte in Russland zuletzt als Bauleiter 400 Dollar im Monat verdient. Nun plant er, dorthin zurück­zukehren, um seine 30-köpfige Familie durchzubringen.

Kampf ums Überleben

Schlecht ausgebildete Jugendliche stehen in der Mitte eines Dorfes in der tadschikischen Provinz Khatlon untätig herum. Sie träumen davon, auszuwandern. Was es heißt, sich als Ungelernter in Moskau oder Leningrad – hier spricht niemand von St. Petersburg – durchschlagen zu müssen, ist ihnen nicht bewusst.

Verwitwete Frauen gehören zu den ­Allerärmsten: Sie erben selten etwas, die ­wenigsten haben eine Ausbildung. Somit sind sie meist auf Almosen von Verwandtschaft und Nachbarn angewiesen. Ihre Kinder können die weiterführende Schule oft nicht mehr besuchen.

Mit zwanzig Jahren gelten junge Frauen als alt, sie werden so früh wie möglich (zwangs-)verheiratet, worauf manche mit Selbstmord reagieren. Die Wirtschaftskrise hat dieses kulturelle Problem verschärft. Auch häusliche Gewalt nimmt zu. In den Dörfern kämpft jeder um sein eigenes Überleben.

Blühende Kolchosebetriebe gab es einst in Khatlon, sagen die Dorfbewohner, nun herrscht Armut. Die ehemaligen Traktorfahrer gehören zu den Ärmsten und schlagen sich nun als Ungelernte auf den Märkten durch und schleppen für einen Euro am Tag Lasten auf dem Rücken umher.

Zwanzig Jahre hatte der Staat Zeit, die Strukturen der Arbeitsteilung unter den sowjetischen Staaten – ein ausgeklügeltes Tauschsystem – zu ändern. Stattdessen wurden in den neunziger Jahren fünf Jahre mit Bürgerkrieg vertan. Danach exportierte man die Arbeitslosen in die reicheren Nachbarstaaten, das Bildungssystem degenerierte.

Rund eine Million, fast die Hälfte der arbeitsfähigen tadschikischen Bevölkerung, arbeitet im Ausland. Während der Finanzkrise 2009 gingen die Überweisungen um 35 Prozent zurück. Bis zu 30 Verwandte leben manchmal vom Verdienst eines einzelnen Migranten. Davon werden Familienfeste ausgerichtet, Brautpreise bezahlt, davon wird gegessen und getrunken.

Wie man spart, haben die meisten nicht gelernt. Nur die ehemaligen Kolchoseleiter, Führungspersonal, die Gebildeten kamen mit den Umbrüchen klar. Wer keinen Zugang zu Land hat, wer nicht aufgepasst hat, als das Land „verteilt“ wurde, gehört heute zu den sogenannten „vulnerablen“ Haushalten. In manchen Landkreisen sind bis zu 40 Prozent der Haushalte auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Wer Kontakt zur Präsidentenfamilie hat, leidet keine Not. Es ist bekannt, wie staatliche Betriebe von herrschenden Klans „abgegriffen“ werden. Internationale Organisationen haben diese Mechanismen zum Gegenstand vertraulicher Untersuchungen gemacht. Zu Wahlen werden internationale Wahlbeobachter geschickt. Mehr passiert nicht.

Ähnliche Lage in Kirgisistan

Im benachbarten Kirgisistan sieht es ähnlich aus. Hier hat die Bevölkerung bereits zweimal den jeweiligen Präsidenten aus dem Amt gejagt: Im April 2010 gab es Aufstände wegen steigender Preise und Korruption der Bakiyev-Regierung. Schon 2005 hatte man den damaligen Präsidenten Akayev, der das Land seit 1990 regiert hatte, in der sogenannten „Tulpenrevolution“ der Macht enthoben. Ihm wurden Nepotismus, Korruption und autoritärer Regierungsstil vorgeworfen. Dabei galt Akayev zunächst als Hoffnungsträger der zentralasiatischen Region. Er hatte sich auf wohltuende Weise vom autoritären Führungsstil seiner Kollegen in den Nachbarländern abgehoben.

Selbst die stetig wachsende Zivilgesellschaft in den neunziger Jahren konnte nicht verhindern, dass auch dieser Staat in eine Autokratie abdriftete. Traditionelle Klanstrukturen, die die sowjetische Zeit überlebt haben, bestimmen auch heute die Politik. Während der Sowjetherrschaft konnte die kommunistische Partei die Klanstrukturen und die Nord-Süd-Differenzen in Kirgisistan in den Hintergrund drängen. Doch nach den radikalen politischen und ökonomischen Umbrüchen traten sie wieder hervor. Sie dominieren das Land bis heute und machen einen Teil der tief verwurzelten Probleme aus.

Im Juni 2010 wurden in den Städten Osch und Dschalalabad im Süden Kirgisistans systematisch die Häuser usbekischer Geschäftsleute angezündet. Insgesamt gingen 2900 Häuser in Flammen auf, darunter auch einige kirgisische. Zunächst ging die internationale Gemeinschaft von ethnischen Auseinandersetzungen zwischen kirgisischen und usbekischen Bewohnern aus. Die Hintergründe liegen jedoch vor allem im Zugang zu Land in lukrativer Lage sowie in der allgemeinen sozio-ökonomischen ­Situation. Die abgebrannten Häuserzeilen stimmen zum Teil mit geplanten Shopping-Centern und Hochhäusern überein.

Die Ethnien wurden instrumentalisiert. Es kam zu brutalen Morden. Jugendliche aus entfernten Dörfern sollen gegen Geld für die Gewalttaten angeheuert worden sein. Kirgisen und Usbeken waren im Nachhinein schockiert über das Ausmaß der Gewalt. Nicht alle ließen sich gegeneinander aufhetzen, sondern riegelten vielmehr gemeinsam ihre Straßen und Dörfer gegen die Gewalttätigen ab – schließlich lebe man seit Jahrhunderten friedlich miteinander. Der internationale Untersuchungsbericht zu den Ursachen der Gewalt liegt seit Ende Mai vor, wurde aber von der Regierung bislang nicht veröffentlicht.

Kirgisistan hat mittlerweile eine neue Verfassung. In Zentralasien ist es die erste parlamentarische Demokratie, in der die Macht des Präsidenten beschnitten wurde. Es gibt jedoch Stimmen, die bezweifeln, dass es gelingen wird, das Land zu vereinen und der multiethnischen Gesellschaft eine echte politische und ökonomische Teilhabe einzuräumen.

Gefährlich vernachlässigte Region

In Zentralasien sind sowohl die Außenpolitik als auch die entwicklungspolitische Zusammenarbeit gefordert, bilateral wie regional. Zu lange galt die Aufmerk­samkeit fast ausschließlich Afghanistan, selbst Pakistan geriet aus dem Blick (siehe Kasten). Die sozio-ökonomischen Entwicklungen der gesamten Region wurden sträflich vernachlässigt.

Außenpolitische und entwicklungspolitische Strategien müssen die gesamte Region zugleich berücksichtigen, ansonsten überträgt man die Probleme des einen Landes nur in das Nachbarland. Die Region darf auch nicht angesichts der Entwicklungen im arabischen Raum aus dem Blickfeld geraten. Außer in den ­rohstoffreichen Ländern Kasachstan und Turkmenistan wird bereits in allen ­zentralasiatischen Ländern gezündelt, in manchen brennt es schon. Die prekäre ­soziale Situation der Bevölkerung ist die größte Bedrohung der politischen Stabilität. Schul- und Weiterbildung sowie Arbeitsplatzbeschaffung sind die Grundpfeiler für eine ökonomische Stabilität in den einzelnen Ländern.

Dort, wo die wirtschaftliche Lage desolat ist, haben Warlords und islamistische Gruppierungen leichtes Spiel, junge Männer zu rekrutieren. In Gegenden, wo es einen ökonomischen Aufschwung gegeben hat, sind Jugendliche weniger anfällig dafür, als Söldner zu den Waffen zu greifen.

Auch in Pakistan gibt es – vor allem auf kommunaler Ebene – Kräfte, die sich gegen die islamistische Radikalisierung stemmen. Dort sind die großen Projekte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit bis heute in bester Erinnerung. Seit in den neunziger Jahren die Entwicklungshilfe aus politischen Gründen zurückgefahren wurde, fragen die Menschen: „Wo seid ihr? Wir haben mit den Taliban nichts zu tun, kommt zurück!“

Entwicklungspolitische Maßnahmen können die staatliche Verantwortung nicht ersetzen. In Zentralasien, einschließlich Afghanistan und Pakistan, reicht es nicht, Gesetze zu verabschieden und Programme zur Armutsbekämpfung anzukündigen. Sie müssen auch konsequent umgesetzt und durch internationales Monitoring begleitet werden.

Wenn die kriminellen Strukturen von Drogen-, Waffen- und Menschenhandel durch Straflosigkeit gedeckt werden, ist auf kommunaler Ebene wenig zu erreichen. Ein politischer Dialog muss die Programme begleiten. Unkritische Beziehungen zu Ländern, die sich nicht für die sozio-ökonomische Entwicklung ihrer Bevölkerung einsetzen, sind kontraproduktiv und gefährden die politische Stabilität der gesamten Region. Die Entwicklung im arabischen Raum sollte eine Warnung sein. Auch dort hat der Westen zu lange weg­gesehen.