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Nothilfe

Hunger am Horn von Afrika

von Jedida Oneko
A child at the Dadaab refugee camp in northern Kenya

A child at the Dadaab refugee camp in northern Kenya

Die heutige Welt ist mit Hightech-Medien vernetzt und verfügt über anspruchs­volle, langfristige Wettervorhersagen. Hungersnöte wegen Dürren sollte es eigentlich nicht mehr geben. Die jüngste, andauernde Katastrophe in Ostafrika beweist das Gegenteil. Trotz früher Warnungen schlug sie im vergangenen Sommer mit voller Wucht zu. Die Weltgemeinschaft reagierte zu spät. Von Jedida Oneko

2011 herrschte am Horn von Afrika die größte Trockenheit seit 60 Jahren. In einigen Gegenden Kenias hatte es zwei Jahre lang nicht geregnet – mit düsteren Konsequenzen für Nomaden im Norden und Nordosten des Landes. Betroffene Menschen suchten zum Höhepunkt der Dürre fünf bis zehn Stunden täglich nach Wasser. Die natürlichen Quellen waren vertrocknet und viele Brunnen leer.

Überraschend kam die Not nicht. Bereits im Juni 2011 warnten die UN, 13 Millionen Menschen in Kenia, Somalia und Äthiopien drohe der Hungertod. Sie benötigten dringend Nahrungsmittelhilfe. Trotzdem waren die Menschen der Katastrophe schutzlos ausgesetzt.

Der ehemalige Nothilfekoordinator der UN, Jan Egeland, sagt: „Dass ein derartiges Massensterben wie im vergangenen Jahr trotz unseres Wissens und unserer Erfahrung wieder geschah, ist empörend.“ Er kennt solche Geschehnisse aus seiner Dienstzeit, und daraufhin leiteten die UN Korrekturmaßnahmen ein.

Aus verschiedenen Gründen handeln Entscheidungsträger in Krisensituationen nur sehr zögerlich. Sie wollen konkrete Daten sehen, bevor sie auf Appelle reagieren. Zudem ist Medienaufmerksamkeit wichtig – und Journalisten berichten meist erst, wenn sich eine Krise bereits dramatisch zuspitzt.

In Ostafrika ist Nothilfe besonders schwierig. Nomadische Gemeinschaften hängen von ihrem Viehbestand ab. Die Tiere liefern Milch, Fleisch und indirekt auch Einkommen. Lange Wege auf der
Suche nach Wasser und Futter schwächen das Vieh. Die Dürre traf auch städtische Familien hart, von denen 40 % in Slums leben. Umfragen zeigen, dass Einwohner von Elendsvierteln die Hälfte ihres Einkommens für Nahrung ausgeben. Steigende Arbeitslosigkeit und schwankende Lebensmittelpreise erschweren ihre Lage. Um zu überleben, griffen Betroffene zu schädlichen Methoden, wie Mahlzeiten auszulassen oder Kinder zur Arbeit statt in die Schule zu schicken.

2011 erreichte die Nahrungsmittelhilfe des World Food Programmes 2,4 Millionen Kenianer und 300 000 äthiopische, somalische und sudanesische Flüchtlinge in Lagern in Nordkenia. Ingesamt stellten Geberinstitutionen – von der US-Regierung über Organisationen wie Care bis hin zum UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) – 95 Millionen Dollar für Nothilfe zur Verfügung.

Das ungeheure Ausmaß der Katastrophe verdeutlicht die Notwendigkeit langfristiger Entwicklungsprogramme. Menschen brauchen Schutz vor derartigen Risiken. Internationalen Entwicklungsorganisationen und Regierungen wird immer klarer, dass sie Betroffene in die Konzeption und Implementierung von Entwicklungsprogrammen mit einbeziehen müssen. Das Rote Kreuz arbeitet beispielsweise an Gewächshausprojekten und der Wiederinbetriebnahme von Brunnen in Kenia. In Somalia will es ­die Nahrungsmittelproduktion durch Verteilung von Saatgut, Düngemitteln und Bewässerungspumpen fördern.

Nach der Hungersnot in Äthiopien 1984–1985 entstanden Frühwarnsysteme. Das Famine Early Warning Systems Network (FEWSNET) wird von USAID, der EU und anderen Geberinstitutionen
unterstützt und soll ähnliche Tragödien künftig verhindern. Dank moderner Technik hätte sich auch das Ausmaß der aktuellen Katastrophe lindern lassen, meinen Kritiker. Die Verantwortlichen in der internationalen Gemeinschaft hätten recht­zeitig Nahrungsmittel von afrikanischen Regierungen und internationalen Organisationen beschaffen müssen.

Frühwarnsysteme sind nutzlos, wenn sie keine Aktionen auslösen. Die Hungersnot war bereits 2010 ab­sehbar – und dass der Regen auch danach noch ausblieb, verschärfte die Krise. Das FEWSNET meldete am 15. März 2011, dass die Lage bedenklich sei. Selbst bei durchschnittlichem Regenfall, so warnten die Experten, drohe „an verschiedenen Orten Hungersnot“ und die Kindersterblichkeit werde „signifikant“ steigen. Im Sommer wurde dann der Notfall ausgerufen, und erste Hilfslieferungen kamen bei den Betroffenen an.

Dürre und dürftige Regierungsführung

Im September 2011 hielten Regierungschefs einen Gipfel in Nairobi, bei dem sie sich einigten, einen „Horn of Africa Regional Disaster Resilience and Sustainability Strategy Framework“ auszuarbeiten. Das Ausmaß der Trockenheit war in den Ländern Ostafrikas unterschiedlich, aber keine Regierung hatte die Lage im Griff.

Nach den ersten Meldungen über Hungertote in Kenia geriet der Regierungssprecher in Nairobi in die Kritik, denn er hatte verlautbart, das Kabinett wisse nichts davon. Aus mangelndem Vertrauen nahmen Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand. Die Initiative „Kenianer für Kenia“ übertraf bald ihr ursprüngliches Spendenziel von 500 Millionen kenianischen Schillingen (rund 4,5 Millionen Euro). Im Februar hatte sie fast 700 Millionen Schillinge beisammen.

Afrikanischen Regierungen wird oft nachgesagt, ihre Bürger schlecht zu behandeln. So wurde der äthio­pische Staat kürzlich beschuldigt, Dorfbewohner der Region Gambelle zu Umsiedlungen gezwungen zu haben, um Platz für ausländische Investoren zu schaffen. Einem Bericht von Human Rights Watch zufolge mussten 70 000 Menschen in neue Dörfer umziehen, die weder ausreichende Gesundheits- oder Ausbildungseinrichtungen noch adäquaten Ackerboden bieten. Ihre Ernährungssicherheit ist mithin nicht gewährleistet.

Die kenianische Regierung betreibt ihrerseits unzureichende Katastrophenvorsorge und implementiert neue Strategien nur langsam. Obwohl die Nutztierhaltung zwölf Prozent zum kenianischen BIP beiträgt und 15 Prozent der Kenianer von ihr leben, wendet der Staat für diesen Bereich lediglich ein Prozent seiner Ausgaben auf.

Selbstverständlich leiden auch Flüchtlinge unter Dürreperioden. Die Situation der Menschen in Da­daab zum Beispiel ist sehr schwierig. Laut UNHCR leben in diesem Lager in Kenia derzeit 463 000 Flüchtlinge, obwohl es nur für 90 000 angelegt wurde. Die meisten dieser Menschen kommen aus dem Nachbarland Somalia, das keine funktionierende Regierung hat. Die ­islamistischen Al-Shabaab-Milizen behindern dort Hilfsorganisationen. Im Januar sah das Rote Kreuz sich sogar gezwungen, Güter für 1,1 Millionen Somalier zurückzuziehen.

Mittlerweile hat es in Somalia geregnet. Das FEWSNET meldet, die Hungersnot sei vorüber, aber fast ein Drittel der Bevölkerung leide noch immer Mangel. Das gelte besonders im Süden, wo es kaum Zugang zu humanitärer Hilfe gebe. Die Situation habe sich dank einer überdurchschnittlich guten Winter­ernte und der „massiven Aufstockung der Nothilfe seit September/Oktober“ gebessert. Die Experten warnen aber, Preisschwankungen oder zu geringer Regen könnten die Bevölkerung in naher Zukunft wieder hart treffen.

Der Klimawandel ist eine große Gefahr. Als Trockenperioden nur alle zehn Jahre auftraten, war es ländlichen Gemeinschaften möglich, sich davon zu erholen. Doch Intervalle von zwei Jahren machen es notwendig, am Kern des Problems anzusetzen: Kollektive globale Anstrengungen müssen initiiert und implementiert werden, um dem Klimawandel gegenzusteuern.