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Ernährungssicherheit

Programmierter Hunger

von Peter Hauff

In Kürze

"Bread our right"–- a slogan seen on chapatis in Pakistan in September 2007. The Opposition was protesting against exports

Die Lebensmittelpreise sind zur Jahreswende 2010/2011 erneut drastisch gestiegen. Experten rechnen damit, dass es bereits im Sommer eine Krise wie 2008 geben wird. Das Kernproblem ist erkannt: Ein zunehmend volatiler Weltmarkt verschärft Hungersnöte.

Bereits im Januar meldete das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) ein Jahreshoch der Rohstoffpreise – im Dezember schnellten sie um 9,4 Prozent nach oben. Gleichzeitig wuchsen auch die Preise von Nahrungsmitteln. „Inzwischen liegen die weltweiten Getreidepreise auf einem Höchststand, der sogar die Rekorde aus dem Krisenjahr 2008 schlägt“, sagt Rafael Schneider. Der Experte der Welthungerhilfe rechnet mit politischen Auseinandersetzungen wie vor drei Jahren, sobald in Asien und Afrika im Sommer die Regenzeit anbricht.

Da vielerorts gerade Ernten stattfanden, herrsche zwar Frieden. „Sobald die eigenen Vorräte aber aufgebraucht sind, müssen Weltmarktpreise gezahlt werden“, sieht Schneider voraus, „das ist nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Regionen vieler Entwicklungsländer unmöglich.“ Die dortige Kaufkraft sei zu gering. Nach wie vor leisteten Kleinbauern den höchsten Anteil (85 Prozent) der weltweiten Landwirtschaft. Eigentlich stünden laut der Welthungerhilfe genügend Lebensmittel zur Verfügung, um alle Menschen zu ernähren. „Das Problem ist, dass der Weltmarkt zurzeit über mehr Agrarrohstoffe verhandelt, als vorhanden sind.“

Schluckauf der Märkte

In Zeiten niedriger Zinsen stecken Rendite suchende Investoren ihr Geld vermehrt in Agrarrohstoffe wie Weizen, Kakao und Soja. Das löst immer raschere Preissprünge aus, zusätzlich angeheizt durch den Ölpreis, der immer enger mit Biokraftstoffen verbunden ist: „Der Handel und die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln müssen deshalb transparenter werden“, so Rafael Schneider. Mehr Klarheit im Terminhandel und eine neue Aufsichtsinstanz neben oder innerhalb der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA hatte auch die Europäische Union im September im Visier. Über genaue Zusammenhänge wird noch diskutiert. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier prüfte auf Frankreichs Vorschlag hin Obergrenzen für Rohstoffverträge, die Großhändler nicht überschreiten dürfen. Sie allein schützen arme Menschen aber noch nicht vor einer Lebensmittelkrise. Ebenfalls zu verbessern sind laut Welthungerhilfe Anbaumethoden sowie Lagerhaltung und Transport in der „Dritten Welt“. Durch schlechte Lagerung zum Beispiel gingen bis zu 50 Prozent der Ernte verloren, heißt es. Das vertieft letztlich auch Abhängigkeiten von Weltmarkt-Importen. Im Februar will die Welthungerhilfe diese Zusammenhänge in einer Studie sichtbar machen.

Tunesien zeigte, dass Brotpreise eine Revolution auslösen können (siehe S. 82). „Merkmal einer Nahrungsmittelkrise sind weniger die Preise selbst, sondern in welchem Tempo sie sich verändern und in welchem Grad sie Verbraucher, Produzenten und Regierungen überraschen.“ Zu diesem Schluss kommt das Internationale Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik (IFPRI) in seiner jüngsten Analyse vergangener Lebensmittelkrisen. Leider seien die meisten Ernährungsexperten und Agrarforscher bis heute gefangen zwischen zwei Extremen: Einerseits müssten sie zeitnah Preise analysieren, andererseits langfristig den Markt beurteilen. „Was wir bräuchten, ist ein dazwischenliegender Ansatz“, heißt es in der Studie aus Washington.

Die „Reflections on the Global Food Crisis“ richten sich weniger an die Politik als an Wissenschaftler: Formale Grundlagen der Forschung müssten besser verknüpft werden mit Ölpreisen, Wechselkursen, Börsenwerten, Erntedaten und sprunghafter Rohstoffnachfrage, schreiben die Autoren. Eindeutig wichtigstes – und politisches – Problem sei aber die Herstellung von Biokraftstoffen aus Lebensmittel- oder Futterpflanzen, betonen die Wissenschaftler. Sie sagen voraus, dass die Verfügbarkeit von Reis und Getreide immer stärker von großen Agrarindustrien in China oder Brasilien abhängt. Zwischen der Importabhängigkeit mancher Entwicklungsländer und der Bevölkerungsexplosion in Afrika sehen sie einen unheilvollen Zusammenhang.

Laut IFPRI bedroht dabei ein Cocktail von Ursachen das Menschenrecht auf Nahrung: Ganz oben stünden wachsende Energiepreise und die Nachfrage nach Biosprit; hinzu träten Exporthemmnisse sowie schlechte Klimafaktoren. Um die nächste Katastrophe zu verhindern, seien globale Reformen nötig, die einen „sicheren und freien“ Handel mit Agrarrohstoffen erlauben. Trotzdem müssten Politiker gemeinsam auch gegen Klimawandel und Rohstoffknappheit kämpfen – sowie dazu beitragen, Sozialsysteme in Ländern zu verbessern, die besonders importgebunden sind.

Peter Hauff