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Olympia in Rio

Zwischen Hoffnung und Zweifel

von Julia Jaroschewski

Hintergrund

Die neue Straßenbahn entlastet den Verkehr.

Die neue Straßenbahn entlastet den Verkehr.

Erst die Fußball-WM 2014 und dieses Jahr die Olympischen Spiele: Brasilien und Rio de Janeiro stehen mit Sport-Großereignissen im internationalen Fokus. Während das Land politisch und wirtschaftlich zerrissen ist, ringt Rio um positive Entwicklungen.

In Deodoro, einem Armenviertel im Westen von Rio, gab es früher nicht viel, was Menschen und Medien interessierte. Meist drangen Meldungen über Schießereien und Überfälle oder über Bangu, einem der größten Gefängnisse Rios, an die Öffentlichkeit. Im August 2016 wird dort ganz offiziell übers Schießen berichtet. Denn in Deodoro steht eine der vier Austragungsstätten der Olympischen Spiele 2016. Hier werden neben den Sportschützen zehn weitere Sportgruppen zu ihren Turnieren antreten. Bei der Fertigstellung liegt Deodoro im Vergleich zum Olympischen Dorf im Stadtteil Barra recht gut in der Zeit, auch weil 60 Prozent der Bauten schon vorher existierten.


Rio de Janeiro braucht Erfolgsgeschichten, denn das Land steckt in einer tiefen Krise. Brasiliens Strandmetropole ist der erste Ort in Südamerika, der die Olympischen Spiele austragen wird. Um die hohen Erwartungen zu erfüllen, plante die Stadt bis 2016 vieles:

  • ein Olympisches Dorf, das sich später in ein Wohnviertel verwandeln soll,
  • eine Komplettsanierung des Hafengebietes,
  • die Aufwertung der Armenviertel und
  • die Säuberung der Guanabara-Bucht, an der Rio liegt – quasi eine Rundumerneuerung der Stadt.

Dass es Rio nicht allein um die sportlichen Ereignisse, sondern vor allem um wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung geht, machte Bürgermeister Eduardo Paes schon 2014 deutlich: „Für Rio ist Olympia viel mehr eine Möglichkeit, Projekte innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens umsetzen zu können, als nur ein internationales Sportereignis.“

Denn auch wenn die Stadt am Zuckerhut bei Touristen beliebt ist, das wirtschaftliche Herz des Landes schlägt 450 Kilometer weiter westlich in São Paulo. Rio braucht dringend Investitionen. Jedoch liegen den Brasilianern die Kosten der Fußball-WM noch schwer im Magen. Die mit 8,5 Milliarden Euro teuerste WM aller Zeiten trieb die Menschen aus Unmut auf die Straßen. Und auch die Olympischen Spiele 2016 brechen mit Kosten von bisher 8,7 Milliarden Euro ebenfalls alle Rekorde.


Pulverfass

Politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich ist Rio gespalten. Die mehr als 1000 Favelas wachsen inmitten der Stadt gleich neben wohlhabenden „Gated Communities“. Die Stadt war schon immer ein Pulverfass einer sozial ungleichen Bevölkerung, das im Jahr 2016 zu explodieren scheint. Brasilien steckt in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, die Inflation ist so hoch wie nie, Firmen gehen pleite, die neue Mittelschicht fragt sich, was von ihrem erhofften Aufstieg geblieben ist.

Politisch versinkt das fünftgrößte Land der Erde im Chaos. Die einstige Führungsmacht Südamerikas steht vor einem Kollaps, weil sich Brasilien in einer schweren Rezession befindet. Die Inflation befindet sich auf einem Rekordniveau, ein Unternehmen nach dem anderen geht Pleite und die neue Mittelschicht fragt sich, wo der erhoffte Fortschritt bleibt. Politisch stürzt das Land ins Chaos (siehe Kasten).

Dabei sollte in den Armenvierteln vor den Großereignissen WM 2014 und Olympia 2016 alles besser werden. Polizei wurde in Favelas stationiert, was den Bewohnern der peripheren Gebiete eine Aufwertung des Lebensstandards bringen sollte. Doch gerade das Projekt der Befriedungspolizei UPP betrachten heute, acht Jahre nach Stationierung der ersten Einheit, viele als gescheitert. Schon früh wurde deutlich, dass die sogenannte Pazifizierung eine Strategie verfolgte, die vor allem der Sicherheit der ausländischen Gäste diente. Knapp 260 der mehr als 1000 Favelas sind heute von der Polizei besetzt – und zwar in Gebieten, die potentiell von Touristen und ausländischen Gästen genutzt werden: entlang von Zufahrtsstraßen, Stadien und Stränden.

„Der Stadt ging es um die Sicherheit der Touristen, unsere Forderungen wurde lange ignoriert. Die UPP schafft neue Probleme, immer mehr Unschuldige sterben in Schießereien“, sagt Raull Santiago, Bewohner und Aktivist aus dem Favelagebiet Complexo do Alemao. Anstatt die Sicherheit der Bevölkerung in den Favelas zu garantieren, seien die Polizisten zur Bedrohung geworden. In den zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Drogenbanden sterben jeden Monat Bewohner. Die oftmals jungen Polizisten sind schlecht ausgebildet und mit der Situation überfordert.

Den Sicherheitskräften fehlen Personal und Ausrüstung, was auch an der Pleite des einstigen brasilianischen Wirtschaftswunderkindes Eike Batista liegt. Der Absturz des reichsten Unternehmers Brasiliens im Jahr 2013 hatte schwere Konsequenzen für die UPP, denn Batista wollte 20 Millionen Reais (etwa 5 Millionen Euro) jährlich in die Polizei investieren. Nach seinem Konkurs wurde die Finanzierung des Sicherheitskonzeptes für die Megaevents zur Herausforderung. Auch die aktuelle Wirtschaftskrise macht sich wenige Monate vor den Olympischen Spielen drastisch bemerkbar.

José Beltrame, Rios Senator für innere Sicherheit, kündigte Mitte März 2016 eine Reduzierung der Sicherheitskräfte für das Sportereignis an. Die seit zwei Jahren geplante UPP im Favelakomplex Maré wird im Jahr 2016 nicht installiert. Zusätzliche Polizeikräfte und Überstunden können nicht bezahlt werden. Zwei von geplanten 11,6 Milliarden Reais für die Sicherheit Rios zur Olympiade würden gestrichen, so Beltrame — dabei seien die Überfälle im Vergleich zum Vorjahr um 26 Prozent gestiegen, die Mordrate um 23 Prozent. Auch die Erweiterung der Metrolinie, die den ärmeren Norden mit der urbanen Südzone Rios verbinden soll, wird eventuell nicht bis zum Sommer fertig.

Auch die beiden großen Ziele, Rio bis zum Olympiajahr flächendeckend mit einem Kanalisationssystem auszustatten sowie die Guanabara-Bucht zu säubern, bleiben eine Utopie. In die Bucht fließen massenweise Industrieabfall, Müll und ungefilterte Abwasser von Rio und angrenzenden Nachbarstädten. „Es ist bedauerlich, die Reinigung von 80 Prozent nicht erreicht zu haben“, sagte Rios Gouverneur Luiz Fernando Pezão Anfang 2016 und versuchte die Lage zu relativieren. „Die Konditionen für die Wassersportler werden aber ausreichen.“ Die Segler kämpfen sich durch Müll und Dreck. Auch auf der innerstädtischen Lagune Rodrigo de Freitas, wo die Ruderer antreten, sind die Wasserwerte katastrophal schlecht.

Die verschmutzten Gewässer verstärken ein weiteres Problem: Das Zikavirus grassiert in Rio, übertragen von Mücken, die sich in der Nähe stehenden Wassers aufhalten. Gerade die marode Sanitärstruktur und die zum Teil fehlenden Abwassersysteme in den Favelas sind Probleme, die die Stadtregierung trotz der Proteste in den Favelas nicht angegangen ist.


Echte Verbesserungen

Dabei waren die Erwartungen der Brasilianer hoch, dass die Megaevents auch den Lebensstandard der Bewohner Rios verbessern würden. Tatsächlich werden einige Projekte rechtzeitig fertig und brachten Fortschritt für die Bevölkerung. Das neue Museum der Zukunft am ehemals heruntergewirtschafteten Hafen zieht Bewohner aller Stadtteile an, eine Straßenbahn wird durch die Innenstadt führen – und damit den permanenten Stau umgehen, in dem die Busse täglich stecken bleiben. Eine bessere Anbindung schaffen auch die neuen BRT-Trassen, schnelle Busverbindungen für längere Strecken.

In den Favelas sind Bibliotheken, Sportzentren und Kitas entstanden, die die Armenviertel dringend brauchten. Zahlreiche Projekte ermöglichten gerade den jungen Bewohnern einen besseren Zugang zu Bildung, zu Angeboten, die auch Kindern aus armen Familien den Eintritt in die Universität ermöglichten. Nie zuvor waren die Chancen für junge Favelabewohner so groß wie heute: Kostenlose Englischkurse oder Sportangebote stehen auch an den Rändern der Stadt zur Verfügung. Neue Förderfonds investierten in lokale Projekte und Nichtregierungsorganisationen. Raull Santiago hat den „Papo Reto“ (Klartext reden) mitgegründet, bei dem sich Anwohner mit lokalen Meinungsführern zusammensetzen und Probleme wie die zunehmende Polizeigewalt kritisieren. Im Complexo da Maré gibt es eine Longboard-Gruppe und Foto-Ausstellungen. In der Cidade de Deus treffen sich Theatergruppen und Musiker.

Die Favelabewohner haben entdeckt, dass sie eine Stimme haben. Sie nehmen die Vorurteile ihnen gegenüber nicht mehr hin und lassen sich nicht mehr diskriminieren, nur weil sie aus den Armenvierteln kommen. Im Gegenteil, sie zelebrieren die Kultur der Favela mit Stolz. „Was wir hier jeden Tag durchleben, das hätte einen Bewohner der Südzone schon längst zu Fall gebracht“, schreibt Mariluce aus dem Complexo do Alemao auf Facebook. Mit Facebook, Twitter und WhatsApp mobilisieren sich die Jugendlichen und haben entdeckt, dass sie nicht mehr die etablierten Medien brauchen, um gehört zu werden.

„Durch die neuen Medien können wir zeigen, dass es in den Favelas spannende Dinge zu sehen gibt, dass hier kreative Menschen, Arbeiter und Studenten leben und nicht nur Kriminelle“, sagt Daiene Mendes, die sich in kulturellen Projekten engagiert sowie für das Bürgermedium Voz der Comunidade berichtet. Mit Smartphones und Internet dokumentieren Favelareporter und Bewohner aber auch Menschenrechtsverletzungen, etwa die exzessive Polizeigewalt. Auch wenn sich die Hoffnungen auf Frieden in den Favelas und fundamentalen Wandel durch die Megaevents nicht erfüllt haben, haben die Großereignisse immerhin den Blick der Stadt auf sich selbst verändert.


Julia Jaroschewski ist freie Journalistin und Gründerin des BuzzingCities Labs, das den Einfluss digitaler Medien auf urbane Entwicklungen erforscht.
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