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Argentiniens jüngste Vergangenheit

Gestohlene Babys

von Estela de Carlotto

Meinung

Estela de Carlotto, the president of the Abuelas de Plaza de Mayo

Estela de Carlotto, the president of the Abuelas de Plaza de Mayo

Während der Militärherrschaft in Argentinien wurden 30 000 Menschen verschleppt und getötet, die sogenannten „Verschwundenen”. Schwangere politische Gefangene brachten in der Haft ihre Babys zur Welt, die ihnen weggenommen und illegal zur Adoption gegeben wurden. Oft war dies das Letzte, was ihre Verwandten von dem Kind erfuhren (ein kurzer historischer Abriss steht im Kasten auf S. 368). Die Abuelas de Plaza de Mayo (Großmütter von der Plaza de Mayo) suchen bis heute nach ihren gestohlenen Enkelkindern, wie Abuelas-Vorsitzende Estela de Carlotto im Interview mit Sheila Mysorekar ausführt. Interview mit Estela de Carlotto

Warum sind Sie 1978 den Abuelas beigetreten?
Mein Mann Guido wurde 1977 von den Militärs entführt. Abends war er zur Wohnung meiner Tochter Laura gegangen – die später verschwand – und merkte, dass jemand das Haus durchsucht hatte. Es war leer, aber er sah Blut auf dem Boden. Als er wieder auf die Straße trat, wurde er entführt und einen Monat festgehalten. Da suchte ich zum ersten Mal ein verschwundenes Familienmitglied. Guido wurde schwer gefoltert. Er hatte 15 Kilo verloren, als er freigelassen wurde. Im selben Jahr wurde Laura entführt. Ich suchte sie auf Polizeistationen, in Krankenhäusern, überall. Ich hatte vier Kinder und war Grundschuldirektorin. In einer Diktatur ist es gefährlich, nach Verschwundenen zu suchen. Eines Tages erzählte eine Frau, die inhaftiert gewesen war, meinem Mann, sie habe Laura in einem Folterlager gesehen. Sie sei am Leben und im sechsten Monat schwanger. Dann erfuhr ich, dass andere Mütter auch nach verschwundenen Kindern und Enkelkindern suchten, also schloss ich mich ihnen an.

Wen haben Sie in der Organisation vorgefunden?
Gefährtinnen, die verstanden, was ich durch­machte, die mir zuhörten, mit denen ich reden konnte. Wir sprachen bei Politikern vor, wir schrieben an die Presse, Richter, die Kirche und sogar den Papst. Wir erarbeiteten Strategien, um Informationen über die Verschwundenen zu bekommen. Wir gingen zu Waisenhäusern, in der Hoffnung, unsere neugeborenen Enkelkinder zu finden, wir gingen zu Krankenhäusern; wir gingen einfach überallhin. Zusammen lernten wir, mit der Situa­tion umzugehen.

Was erwarteten Sie, als die Diktatur 1983 endete?
Wir waren überglücklich, als die Demokratie wieder eingeführt wurde. Wir hatten sieben Jahre Mord und Folter durchlitten. Wir wussten, was geschehen war – Überlebende und Exilierte hatten davon berichtet. 1985 gab es einen großen Prozess gegen die Schuldigen der Diktatur. Viele aus unserer Organisation traten als Zeuginnen auf und sagten darüber aus, was uns geschehen war. Aber wir waren naiv insofern, dass wir dachten, unser Kampf wäre vorbei. Wir meinten, die neue Regierung werde unsere Enkel suchen und die Verbrecher bestrafen, aber wir lagen falsch. Unter dem Druck der Militärs gab es Amnestiegesetze und 1990 sogar eine Generalamnestie. Ob Mörder, Entführer oder Folterer – alle wurden freigelassen. Alle früheren Junta-Mitglieder liefen frei herum. Diese Jahre der Straflosigkeit waren schrecklich, und uns wurde klar, dass wir weiter kämpfen mussten.

Aber die Amnestie war doch rechtskräftig, was also konnten Sie tun?
Nun, die ersten Rechtsverfahren hatten sich nicht mit den geraubten Kindern beschäftigt, also fiel deren Entführung auch nicht unter die Amnestie. Als Néstor Kirchner Präsident wurde, annullierte er die Amnestiegesetze. Heute funktioniert die argentinische Justiz so, wie sie sollte. Die Verbrechen der Diktatur gelten nun als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und verjähren nicht. Auch in kommenden Jahrzehnten können alle, die während der Diktatur eine Straftat begangen haben, vor Gericht gestellt werden.

Was wurde aus den Entführungsfällen?
In zwölf Jahren Kampf konnten die Großmütter der Plaza de Mayo beweisen, dass die Kindesentführungen systematisch geplant waren und nicht zufällig geschahen. Dafür wurde Jorge Videla, ein ehemaliger Diktator, kürzlich zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt. Außerdem laufen Verfahren gegen zivile Helfer der Militärs.

Was ist nötig, damit eine Gesellschaft nach der traumatischen Erfahrung einer brutalen Diktatur wieder Frieden findet?
Damit eine Gesellschaft in Demokratie und Frieden leben kann, müssen die Verbrechen bestraft werden. Drei Dinge sind entscheidend und unabdingbar: Wahrheit, Erinnerung und Gerechtigkeit.
– Wahrheit bedeutet, herauszufinden, was genau passiert ist, und alles über die begangenen Ver­brechen in Erfahrung zu bringen.
– Erinnerung bedeutet, nicht zu vergessen und das Wissen den nächsten Generationen weiterzugeben.
– Gerechtigkeit bedeutet, die Verbrecher zu bestrafen.
Wir brauchen dafür keine Sondergerichte. Dieselben Gerichte, wo der Raub eines Hühnchens verhandelt wird, reichen aus. Es gibt genügend Gesetze, die gebieten, dass Mord geahndet wird. Wir wollen keine Rache; wir wollen schlicht und einfach, dass geltendes Recht angewendet wird.

Welche Folgen hat Straflosigkeit?
Straflosigkeit verurteilt uns alle dazu, Seite an Seite mit Mördern zu leben. Wenn sie frei herumlaufen, können wir ihnen auf der Straße begegnen, in der Bäckerei, egal wo. Dies ist ehemaligen Gefangenen tatsächlich passiert – sie sind im Restaurant ihren früheren Folterern begegnet. Das beleidigt die gesamte Gesellschaft. Es ist inakzeptabel, dass ich den Mörder meiner Tochter jederzeit auf der Straße treffen könnte. Ich bin sehr dankbar, dass die jetzige Regierung unter Cristina Fernández de Kirchner uns Gehör schenkt. Dies ist leider in anderen lateinamerikanischen Ländern, die ebenfalls eine brutale Militärregierung hatten, nicht der Fall – etwa in Chile oder Brasilien.

Glauben Sie, dass es irgendwann Amnestien geben muss?
Nein, es darf keine Amnestie geben. 30 000 Menschen verschwanden und wurden ermordet, viele weitere wurden gefoltert, Babys wurden entführt. Aber keiner der Schuldigen hat je gesagt, dass es ihm leidtut. Keiner. Kein Täter hat gestanden, niemand hat bei den Ermittlungen geholfen. Es gibt immer noch viele Massengräber, auf denen N.N. steht, weil niemand weiß, wessen Leichen dort liegen. Das nicht-staatliche Argentinisch Team der Forensichen Antropologie (EAAF) ist immer noch dabei, Leute zu identifizieren. Die gesamte Gesellschaft ist Opfer der Diktatur. Deswegen sage ich: Ja zur Gerechtigkeit, Nein zur Amnestie.

Was brauchen die Mütter und Großmütter der Verschwundenen persönlich, um Frieden zu finden?
Wir brauchen Gerechtigkeit. Die Kinder wollen die Mörder ihrer Eltern im Gefängnis sehen. Mir selbst wird der Schmerz durch den Verlust meiner Tochter immer präsent sein. Und ich suche seit 35 Jahren meinen Enkel. Ihn zu finden wird meine Entschädigung sein. Gerechtigkeit und Wahrheit sind die Entschädigung.

Wie haben Sie die Kraft gefunden, so lange durchzuhalten?
Es ist die Liebe zu meiner Tochter Laura. Sie wurde zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes getötet. Sie war nur 23 Jahre alt; sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. Ich bin stolz auf sie, weil sie gegen die Diktatur war. Wir bekamen ihren gefolterten Körper zurück, nachdem sie erschossen worden war. Das war ungewöhnlich; die meisten Eltern haben ihre Kinder nie wiedergesehen, nicht einmal tot. Als wir sie begruben, habe ich ihr versprochen, dass ich ihr Kind, meinen Enkelsohn, suchen würde, jeden einzelnen Tag, solang ich lebte. Und genau das habe ich gemacht. Ich bin sehr glücklich, dass unsere Organisation schon viele Enkelkinder gefunden hat, 106 bis jetzt. Die anderen Großmütter in der Organisation stärken mich. Unsere Energie nährt sich aus Liebe, nicht aus Rachsucht.

Was empfehlen Sie Frauen in ähnlicher ­Situa­tion in anderen Ländern?
Als Erstes möchte ich sagen, dass alle Diktaturen furchtbar sind, egal wo, weil der Staat seine eigenen Bürger umbringt. Jedes Land hat seine besondere Geschichte, deswegen sind die Situationen nicht immer vergleichbar. Aber ich habe oft beobachtet, dass Frauen, die leiden, eine ungeheure Stärke aus der Liebe schöpfen. Ich kann nur allen Frauen, deren Liebste vom Staat oder bewaffneten Gruppen entführt wurden, empfehlen: Organisiert euch! Sitzt nicht weinend allein zu Hause. Tut euch mit anderen zusammen und kämpft für Gerechtigkeit.