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Kultur-Spezial

Rahman Abbas zieht südasiatische Lehren aus Nazi-Holocaust

von Almuth Degener

In Kürze

Aufmarsch von Hindu-Chauvinisten in Assam Anfang 2022.

Aufmarsch von Hindu-Chauvinisten in Assam Anfang 2022.

Der neue Roman des auf Urdu schreibenden Schriftstellers Rahman Abbas spielt gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Die Idee zu dem Buch entsprang der tiefen Sorge des indischen Schriftstellers, die jüngste Entwicklungen in seinem Heimatland weckten und wachhalten. Dieser Beitrag ist der fünfte unseres diesjährigen Kultur-Spezialprogramms mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.

Zur Identitätspolitik der hinduchauvinistischen BJP, der Partei von Premierminister Narendra Modi, gehört die kontinuierliche Agitation gegen die muslimische Minderheit. Staatliche Stellen dulden – oder unterstützen sogar – wiederkehrende pogrom­artige Gewalt, die als „Religionskonflikte“ verharmlost wird. Abbas sieht Parallelen zur brutalen Identitätspolitik der deutschen Nazis in 1930er-Jahren.

Die in Indien seit Jahrzehnten beobachtbare Tendenz, nicht nur Muslime, sondern auch andere Minderheiten als Randgruppen zu brandmarken, die der als hinduistisch definierten Nation schaden wollen, hat stark zugenommen. Die BJP und verbündete Organisationen schüren diese Stimmung (siehe Arfa Khanum Sherwani auf www.dandc.eu). Aus Abbas’ Sicht droht eine Katastrophe, die dem Holocaust der Nazi­diktatur ähneln würde. Das sehen internationale Experten wie Gregory Stanton von der internationalen zivilgesellschaftlichen Organisation Genocide Watch ähnlich.

Ketzer

Der neue Roman heißt „Zindeeq“, was „Ketzer“ bedeutet. Der Protagonist stammt aus einem gebildeten und liberalen muslimischen Elternhaus. Auf schulische Erfolge folgt eine steile Karriere in der Armee. Aber dann rücken andere Eindrücke in den Vordergrund. Das Leben des jungen Mannes wird geprägt von Unruhen in Kaschmir, nationalistisch-rassistischen Attitüden und wachsenden Spannungen mit Pakistan. Zunehmende Gewaltbereitschaft und immer unverhohlenere Ausgrenzung von Minderheiten prägen beide Länder, aber der Protagonist hält auch Abstand zu islamistischem Extremismus.

2019 bereiste Rahman Abbas mit einem Stipendium des Grenzgänger-Programms der Robert-Bosch-Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) einen Monat lang Deutschland. Er besuchte ehemalige Konzentrationslager und Dokumentationszentren, sprach aber auch mit Zeitzeugen und deren Nachkommen. Streckenweise bezieht sich der Roman unmittelbar auf diese Reise.

Ob sich der furchtbare Verdacht des Autors während seiner Recherchen bestätigt oder zerstreut hat? Nur so viel: Zindeeq ist ein dystopischer Roman, dessen Ausgang schon am Anfang des Buches vorweggenommen wird: „Ließ man von dem dunklen Himmel über der Garnison, in der er zuletzt stationiert gewesen war, den Blick über die trostlose Landschaft schweifen, war auf der einen Seite das traurige Meer, dessen Rauschen wie Weinen klang und die melancholische Stimmung noch vertiefte, auf der anderen Seite lag etwa 600 Kilometer weiter die bedeutende Stadt, die jetzt zum größten Teil aus Ruinen bestand. Im Norden und Süden waren zahlreiche Städte dem Erdboden gleichgemacht worden. Im Westen waren in der Küstenregion und in den dichten Wäldern einige Dörfer verschont geblieben, aber die Menschen litten unter bitterer Armut, Verzweiflung und dem Gefühl der Unsicherheit.“

Mehr als Politik

Zindeeq ist ein packender Roman – und eine Warnung an die Gesellschaft, nicht zuzulassen, dass bornierte Identitätspolitik eine freiheitliche und pluralistische Grundordnung erdrückt. Der Roman enthält derweil auch allerlei nicht unmittelbar – aber im Zusammenhang eben doch – Politisches: Sex, Philosophie, Drogen, einen Schuss Sufismus und nicht zuletzt Poesie. Alle, die Abbas’ preisgekröntes Werk Rohzin – der deutsche Titel ist „Die Stadt, die Liebe, das Meer“ – kennen, werden davon nicht überrascht sein (siehe Hans Dembowski auf www.dandc.eu).

In der Originalsprache Urdu ist seit seinem Erscheinen 2021 bereits die dritte Auflage von Zindeeq erschienen. Urdu ist mit Hindi eng verwandt, wird aber mit einem anderen Alphabet geschrieben, das aus der arabischen Schrift abgeleitet wurde. Urdu ist sowohl in Teilen von Indien als auch Pakistan Amtssprache.


Bücher von Rahman Abbas

Zindeeq
– Delhi, Arshia, 2021 (Urdu) und
– Lahore, Aks Publications, 2022 (Urdu)

Rohzin
– Heidelberg, Draupadi, 2018 (Deutsche Übersetzung mit dem Titel „Die Stadt, das Meer, die Liebe“)
– Delhi, Vintage Books, 2022 (Englische Übersetzung)


Almuth Degener ist außerordentliche Professorin für Indologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie arbeitet derzeit an der deutschen Übersetzung von „Zindeeq“ und war auch für die deutsche Fassung von „Rohzin“ verantwortlich.
degener@uni-mainz.de