D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Interview

„Ein neuer Lebensinhalt“

von Yasser Alwan

Meinung

Cleaning up after the dictator fell

Cleaning up after the dictator fell

Nach 18 Tagen Dauerprotest gab Ägyptens autokratischer Präsident Hosni Mubarak am 11. Februar die Macht auf. Das Militär hat die Kontrolle übernommen und versprochen, die Demokratie einzuführen. Yasser Arwan, ein freier Reportage- und Kunstphotograph, der Zeuge des Aufstands auf Kairos Tahrir-Platz war, diskutierte am 17. Februar mit Hans Dembowski über die Ereignisse.

Braucht Ägypten überhaupt Polizisten? Die Menschen scheinen in der Lage, den Verkehr zu regeln, Stadtviertel zu patrouillieren und selbst das Ägyptische Museum zu schützen.
Ja, es war unglaublich. Nach den ersten Demonstrationstagen verschwand die Polizei am Freitag dem 28. Januar auf einen Schlag in ganz Kairo. Das muss auf Befehl geschehen sein, wohl um Chaos zu stiften und Menschen einzuschüchtern. Aber es kam anders. In den Stadtvierteln sorgten die Menschen selbst für Ordnung – und als sie erstmal begonnen hatten, taten sie es ziemlich effektiv und freundlich. An Straßenkontrollen wollten junge Männer Ausweise und Autopapiere sehen und durchsuchten Kofferräume nach Waffen und gefährlichen Gegenständen. Später lief es schlechter, unter anderem weil es Under-Cover-Polizisten gelang, sich unter die Wachgruppen zu mischen und diese teilweise zu übernehmen. Aber die Fähigkeit zur Selbstorganisation war erstaunlich. Ich selbst habe mich selten so sicher gefühlt: es waren junge Männer aus meiner eigenen Straße. Es ist auch bemerkenswert, dass die Polizei sich bislang in manche Stadtteile nicht wieder hineintraut. Die Beamten wissen, dass den Menschen klar ist, welche Rolle sie gespielt haben und dass ihre alten Methoden auch nicht eine Minute länger akzeptiert werden.

Es muss ein starkes Gespür für Zivilgesellschaft geben, damit etwas so laufen kann.
In Kairo ist das Gemeinschaftsgefühl wirklich sehr stark. In dieser Stadt mit rund 20 Millionen Einwohnern muss man normalerweise keine Angst um seine Sicherheit oder sein Eigentum haben. Als ich in den 1980er Jahren aus New York hierher kam, erstaunte mich, dass es hier praktisch keine Gewaltverbrechen gab. Die Lage hat sich in den vergangenen 20 Jahren etwas verschlechtert; Armut und Verzweiflung haben zugenommen, und dementsprechend gibt es auch Diebstahl. Dennoch ist Kairo immer noch sicherer als jede große Stadt in den USA oder selbst in Europa.

Hat das geschichtliche Gründe? Die Ägypter leben schon seit Jahrtausenden in organisierten Gemeinwesen. Ich stelle mir vor, dass ihre Kultur deshalb friedfertiger sein könnte als andere, nomadisch geprägte arabische Kulturen.
Darüber möchte ich nicht spekulieren. Aber ich weiß, dass der Irak, aus dem meine Eltern stammen, eine gewalttätigere Geschichte hat. In der ganzen schriftlich dokumentierten Geschichte war Ägypten immer besiedelt und organisiert. Die Menschen beackerten Felder entlang des Nils und verwalteten sein Wasser. Das ist eine Geschichte des kooperativen Handelns.

Vertraut die Protestbewegung dem Militär-Versprechen, das Land zur Demokratie zu führen?
Das ist umstritten. Es gibt grundlegende Skepsis. Das Militär spielte in den vergangenen Tagen keine völlig überzeugende Rolle. Als Pro-Mubarak-Demonstranten – viele von ihnen Under-cover-Polizisten – die Protestbewegung auf dem Tahrir-Platz angriffen, hätte die Armee die Gewalt sofort unterbinden können. Dass dies nicht geschah, hat zwölf bis 15 Menschen das Leben gekostet. Mehr als 1000 wurden verletzt. Das Militär war zudem in den Mubarak-Jahren immer Teil des Establishments. Mubarak selbst kommt aus der Luftwaffe.

Ist es dann überhaupt sinnvoll zu erwarten, dass das Militär demokratische Reformen durchsetzt?
Es sieht so aus, als könnte es eine Lektion gelernt haben. Es gibt keinen Weg zurück zu der Art und Weise, wie die Dinge vor den Protesten liefen. Die Massendemonstrationen dauerten 18 Tage ohne Pause an. Auf dem Tahrir-Platz schaffte es die Revolutionsbewegung, 10 000 bis 20 000 Menschen mit Nahrung und sogar Sanitäranlagen zu versorgen. Es wurde absolut klar, dass die breite Gesellschaft das Regime satt hatte und ihr Elend nicht länger akzeptiert. Die Leute hier sind nicht gierig. Aber sie wollen ordentliche Krankenhäuser und gute Schulen; und sie wollen anständig essen. Eltern wollen, dass es ihre Kinder einmal besser haben und mehr Chancen bekommen als sie selbst. Dank des starken sozialen Zusammenhalts, ist es unwahrscheinlich, dass in Ägypten jemand verhungert. Aber Mangelernährung ist ein großes Problem. Laut den Zahlen, denen ich vertraue, bekommen etwa 20 Prozent der Bevölkerung nicht ausreichend zu essen. Die staatlichen Schulen sind katastrophal. Die Kinder lernen nicht, was sie lernen sollten. Ich weiß nicht, ob das Militär wirklich Wandel will, aber es hat wahrscheinlich begriffen, dass es so wie bisher nicht weitergeht.

Die Proteste haben der ganzen Welt ihr „Es reicht“ signalisiert.
Ja, und dabei hatten sie ihr volles Potenzial noch gar nicht entfaltet. Die Arbeiterklasse hatte gerade erst begonnen, Streiks zu organisieren. Nach den ersten Arbeitsniederlegungen ist Mubarak sofort zurückgetreten. Ich glaube nicht, dass dem Militär die Aussicht breiter, organisierter Streikbewegungen behagt. Bisher wird diese Revolution von der Mittelschicht angeführt, und die Botschaft fand Anklang in der Arbeiterschaft. Ich bin mir sicher, dass die Generäle, die das Land jetzt fester als je zuvor und so offensichtlich wie nie in der Hand haben, gründlich darüber nachdenken werden, wie sie ihre Macht erhalten können, ohne neue Demonstrationen auszulösen. Ob sie gute Absichten haben oder nicht, ist noch nicht zu beurteilen.

Die Geschichte lehrt, dass meist ökonomische Frustration Revolutionen auslöst. Wenn dann politische Systeme liberalisiert werden, verschlechtert sich aber häufig die sozioökonomische Lage, so dass Enttäuschung oft zu Blutvergießen führt. Bereitet das der Protestbewegung Sorge?
Ich kann nur vom Tahrir-Platz sprechen, auf dem ich die meiste Zeit der letzten drei Wochen verbrachte. Die Aktivisten dort wussten genau, dass es viel einfacher ist, gegen ein brutales Regime zu mobilisieren, als ein neues System aufzubauen. Manche sorgen sich, dass ihnen der Boden doch noch unter den Füßen weg gezogen wird. Allerdings war die Bewegung stark genug, um Mubarak los zu werden. Sie erwies sich als große und gewaltfreie Kraft, die ganz sicher alle in diesem Land, auch das Establishment, beeindruckt hat.

Wer ist der Führer der Protestbewegung? Der Google-Manager Wael Ghonim, der elf Tage lang isoliert inhaftiert wurde?
Wael Ghonim ist zu einem prominenten Gesicht der Bewegung geworden, aber es gibt auch andere. Ghonim sagt selbst, er habe keine kohärente politische Vision. Diese Bewegung hat keinen Führer. Aber es gibt Leute, die in der Lage sind, in Verhandlungen einzutreten, und vielleicht wird er sich als einer von ihnen erweisen.

Befürchten Sie, dass die Muslimbruderschaft eine Art Machtvakuum füllen könnte?
Nein, absolut nicht. Die Muslimbruderschaft war in Ägypten nie revolutionär – und dafür wird sie heute kritisiert. Ich habe mit einem ihrer Anführer gesprochen, einem eloquenten und distinguierten Mann. Die Bruderschaft betont, dass kein Mitglied für das Präsidentenamt kandidieren wird. Sie hat ein Weltbild, dem ich und viele andere nicht zustimmen. Aber ohne Zweifel ist die Muslimbruderschaft legitimiert. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie im sozialen Bereich viel geleistet. Sie hat auch die Hauptlast der Repression abbekommen.

Was hält die Demokratiebewegung von westlichen Regierungen?
Für Ägypten sind die USA am wichtigsten. Europas Politiker scheinen einfach Washingtons Vorbild zu folgen. In den vergangenen Wochen gab es keine klare politische Linie. Ein Kommentator beschrieb die Statements aus Washington als „Jojo-Diplomatie“. Egal, was Präsident Obama nach Mubaraks Rücktritt sagte, die Menschen in Ägypten sind wütend. Sie wissen, dass die USA das System Mubarak 30 Jahre lang unterstützt hat, nicht zuletzt mit Geld. Die Wut über den zweiten Golfkrieg, den Washington ihrer Meinung nach mutwillig vom Zaun gebrochen hat, ist noch nicht verraucht. Die Ägypter haben es auch satt, dass für die USA Israels Sicherheit immer an erster Stelle steht, selbst wenn Israel auf den Menschenrechten herumtrampelt, wie etwa im Gazakrieg. Solche Verbrechen hat der Goldstone-Report im Auftrag der UN eindeutig dokumentiert.

Also ist Wut auf Israel ein Thema, das mobilisiert?
Ja, denn Ägypter fühlen sich den Palästinensern nahe, insbesondere denen in Gaza, mit denen viele verwandt sind. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Die jüngsten Proteste hatten nichts mit Israel oder den USA zu tun. Auf dem Tahrir-Platz wurden keine Fahnen verbrannt. Der Revolution geht es um innere Angelegenheiten Ägyptens und nichts sonst.

Wer hat das Ganze in Gang gesetzt? Hat wirklich das Internet den Ausschlag gegeben?
Die Entwicklung hat niemand vorausgesehen. Ich wusste, dass Internetseiten zur Demonstration am 25. Januar aufriefen, aber die meisten aktiven Oppositionellen erwarteten nicht viel. Das Datum war allerdings gut gewählt, weil der 26. Januar 1952 für Ägyptens erste Revolution wichtig war, als der König und damit die britische Kolonialmacht hinaus geworfen wurden. Als die Proteste begonnen hatten, war die große Entschlossenheit eine Überraschung. Eine psychologische Schwelle wurde übernommen, und das prägt jetzt die jungen Männer und Frauen, die aktiv dabei waren, oft in führenden Rollen. Sie haben ein neues, berechtigtes und unbeugsames Selbstwertgefühl. Ein beliebter Slogan war: „Kopf hoch, Ägypter!“ Bei dieser Revolution geht es um Würde.

Und das gilt besonders für die Jugend?
Ja, unbedingt. Die Teenager und jungen Erwachsenen kannten nie einen anderen Präsidenten als Mubarak. Jetzt sind sie stolz, Proteste organisiert und den übelsten Zwangsmaßnahmen widerstanden zu haben. Sie haben friedlich agiert, selbst als Gewalt gerechtfertigt erscheinen konnte. Sie haben unermüdlich daran gearbeitet, die Proteste so lange durchzuhalten. Sie haben gesungen, den Platz gefegt und viel gelacht. Heute ist Ägypten stolz auf seine Jugend, die bis vor kurzem viele noch für nichtsnutzig hielten. Der Grund war, dass viele junge Leute keine Jobs fanden und nicht genug verdienten, um Familien zu gründen. Heute verbindet sie alle ein völlig neuer Lebensinhalt.