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Sommer-Special

Amüsant und philosophisch

von Sabine Balk

In Kürze

Charmanter Dokumentarfilm: „Ghostland – Reise ins Land der Geister“.

Charmanter Dokumentarfilm: „Ghostland – Reise ins Land der Geister“.

Wir im Westen glauben immer noch, dass alle Welt so leben will wie wir, weil wir die beste und erstrebenswerteste Lebensweise haben. Wir beanspruchen die Deutungshoheit darüber, was kultureller und zivilisatorischer Fortschritt ist, und blicken mitleidig auf vermeintlich unterentwickelte Völker. Dass unsere Lebensweise auf andere sehr befremdlich wirken kann, macht der bezaubernde Dokumentarfilm „Ghostland – Reise ins Land der Geister“ deutlich.

Zu Beginn nimmt der Dokumentarfilm seine Zuschauer mit in den Nordosten Namibias in ein Dorf der Ju/’Hoansi-Buschleute in der Kalahari-Wüste. Die Buschleute sind die ältesten Menschen der Welt. Einige leben dort noch traditionell wie vor tausenden von Jahren in einfachen Strohhütten, nur bekleidet mit Lendenschurzen aus Leder. Doch ihre Welt steht auf tönernen Füßen. Seit 1990 ist den Ju/’Hoansi in Namibia das Jagen per Gesetz verboten. Die vormals endlose Trockensavanne wird nun durch Farmerzäune begrenzt. Die einstigen Nomaden sind ihrer Lebensgrundlage beraubt und müssen sich nun zwangsweise an einem festen Ort niederlassen. Sie sind auf staatliche Sozialhilfe oder auf die Besuche von Touristen angewiesen.

Denen dürfen sie ihre traditionelle Jagd mit Pfeil und Bogen noch vorführen, sich von Wildtieren ernähren dürfen sie nicht mehr. Diese Wehmut eines langsamen Abschieds von einer für uns anachronistischen Welt schwingt am Anfang des Films mit, dennoch ist die Schilderung keineswegs melodramatisch. Die Dorfbewohner erzählen ihre Situation ohne große Sentimentalität, die Filmemacher halten sich mit wertenden Kommentaren zurück. So kommt beim Zuschauer keine Beklemmung auf, sondern die Begegnung der kleinen, sonnengegerbten nackten Menschen mit den rötlich-weißhäutigen Touristen sorgt eher für Schmunzeln.

Richtig amüsant wird der Film als eine Gruppe Ju/‘Hoansi die Möglichkeit bekommt, das eigene Land Namibia mit einem Reisebus zu erkunden. Die Buschleute verschiedenen Alters bestaunen die Waren in den Supermärkten und dürfen zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bad in einem Swimmingpool nehmen oder eine Dose Cola trinken. Es macht  viel Spaß, Alt und Jung zuzusehen, wie sie mit kindlicher Freude die neue Welt entdecken und genießen.

In der dritten Etappe bekommen vier Ju/’Hoansi die Chance, für einige Tage nach Deutschland zu reisen. Jetzt kommt zur humoristischen Komponente des Films auch eine philosophische. Der Kulturschock, den die Buschleute in der Großstadt Frankfurt erleben, ist natürlich enorm. Wieder lässt das Filmteam die afrikanischen Besucher einfach ihre Eindrücke schildern. Diese sind witzig und hintergründig: „Die Menschen in Deutschland schlafen nie, sie arbeiten die ganze Zeit. Und dann sind sie so gestresst, dass sie zu uns kommen müssen, um sich zu erholen.“

Der Film wurde national wie international zu einem großen Erfolg. Der Charme des Roadmovies liegt in der Authentizität seiner Darsteller und der unvoreingenommenen Erzählweise. Der Film kommt nicht mit einem erhobenen Zeigefinger oder mit mitleidiger Gefühlsduselei daher, aber dem Zuschauer wird trotzdem deutlich, wo die Probleme liegen. Die Protagonisten halten uns und unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. Ihr Ausflug ins moderne, städtische Deutschland zeigt, dass unser Stil nicht jedem vermeintlich primitiv lebenden Menschen sofort als Schlaraffenland erscheint. Die Besucher haben Spaß in Deutschland und genießen den Ausblick von einem Wolkenkratzer in Frankfurt, eine Kinovorstellung oder andere westliche Errungenschaften. Zum Schluss möchte aber keiner der vier Buschleute für immer in Deutschland bleiben. Sie alle sehnen sich nach ihrer Heimat und ihrer Dorfgemeinschaft zurück. Der westliche Individualismus, die Selbstverwirklichung eines jeden, kommt ihnen befremdlich und falsch vor.

Regisseur Simon Stadler, der Ethnologe ist, war selbst vom Erfolg seines Films überrascht. Er denkt, dass er den heutigen Zeitgeist getroffen hat. „Unsere Welt ist sehr selbstsüchtig und konsumorientiert. Es gibt viele Leute, die nach anderen Lösungen und nach einem anderen Sinn suchen.“ Dies bietet „Ghostland“. Der Film-Titel stammt übrigens von den Ju/’Hoansi: Sie fanden, dass die weißen Männer aus Europa aussehen wie die Geister ihrer Vorfahren.


Film

Ghostland – Reise ins Land der Geister, 2016 Deutschland, Regie: Simon Stadler, Catenia Lermer, Sven Methling.

„Ghostland“ ist auf DVD und über mehrere Streamingdienste in vielen Ländern der Erde erhältlich. Er wurde an zahleiche TV-Sender in Europa, USA und Afrika verkauft und wird dort noch ausgestrahlt. Genauere Infos auf:
http://www.ghostland-themovie.com

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