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Interkultureller Austausch

Echte Führungsrolle

von Will Swanson
Will Swanson aus Kalifornien verbrachte 2009 ein halbes Jahr als Praktikant in der Redaktion von D+C/E+Z. Seinen Aufenthalt in Deutschland finanzierte das Parlamentarische Patenschafts-Programm von US-Congress und Bundestag. Es ermöglicht jährlich 75 jungen Amerikanern und 75 jungen Deutschen, Erfahrungen im jeweils anderen Land zu sammeln. In Deutschland führt InWEnt das Programm durch. Swanson war von ökologischen Errungenschaften Deutschlands fasziniert, findet aber, dass noch mehr geschehen muss. [ Von Will Swanson ]

Nachdem ich mein Gepäck am JFK Airport in New York abgeholt hatte, wartete ich im Bus. Ich hatte ein Jahr lang keinen Fuß auf US-Boden gesetzt und fühlte mich in meiner Heimat fremd. Warum waren die Autos so groß? Wo waren Recycling-Mülltonnen mit vier Fächern? Der Busmotor lief 30 Minuten lang ohne Grund. Die Klima-Anlage brummte, während die Türen offen standen. In Deutschland kommt das nicht vor.

Die USA hatten sich in meiner Abwesenheit nicht verändert – ich hatte mich verändert. Austauschprogramme werden gelobt, weil sie kulturelle Sensibilität fördern. Die Heimkehr mit der Chance, plötzlich die eigene Kultur aus einer Außenperspektive wahrzunehmen, ist aber ebenso wertvoll. Ich möchte mich revanchieren und meine Eindrücke von Deutschland aus einer Sicht von außen schildern.

Deutschland ist für junge, umweltbewusste Amerikaner, die sich für die Untätigkeit ihres Landes schämen, ein spannender Ort. Fernreisen und Berufspendeln per Bahn fand ich faszinierend bequem. In Kalifornien ist für die meisten Haushalte ein Leben ohne mindestens ein Auto unvorstellbar. Hier wurde ich nicht müde, aus dem Zug heraus die riesigen Windräder zu betrachten.

Der deutsche Alltag ist von Umweltbewusstsein geprägt: Mehrwegflaschen, energiesparende Haushaltsgeräte, recyclebare Plastikverpackung. Überall scheint es Fahrradwege zu geben, und in Supermärkten werden Plastiktüten nicht verschenkt.

Während ich bewundere, was Deutschland erreicht hat, wünsche ich mir, es würde noch mehr tun. Denn trotz aller Fortschritte wäre der deutsche Lebensstil nicht weltweit möglich. Es besteht eine Diskrepanz zwischen der Führungsrolle, die die Welt braucht, und dem, was der Klimavorreiter der reichen Welt leistet. Während meines Praktikums bei E+Z/D+C konnte ich das nicht länger übersehen. Je mehr ich über die vielen Probleme der Entwicklungsländer lernte, umso weniger toll erschienen mir deutsche Klimaerfolge. Gemessen an dem nahezu chancenlosen Dasein vieler Menschen in der Dritten Welt ist die Herausforderung der CO2-Neutralität für die reiche Welt Kleinkram.

Letztlich ist Deutschland wie die anderen reichen Nationen, deren Energiepolitik dem Motto folgt: „Tu so viel wie möglich, aber beeinträchtige nicht den Komfort der Wähler.“ Angesichts des heftigen Ausschlags der Wohlstandswaage in Richtung reiche Welt, finde ich, dass wir auf der Nordhalbkugel ein paar Unannehmlichkeiten akzeptieren müssten.

Neben den Windrädern und den Bahngleisen wird auf deutschen Autobahnen ohne Tempolimit gerast. Ein Land, das im Klimaschutz führen will, bräuchte eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Mehrwegflaschen sind meist mit Mineralwasser gefüllt, obwohl das Leitungswasser sehr gut ist. Mich irritierte, dass ausgerechnet Fleisch, das in der Herstellung extrem CO2 aufwendig ist, oft in umweltfreundlicher Folie verpackt wird.

All das mag banal erscheinen, aber Millionen Kleinigkeiten summieren sich zu echten Problemen. Zudem zeugen sie von der impliziten Annahme, dass wir Recht auf etwas Luxus haben, auch wenn er schädlich ist. Das ist symptomatisch für den Unwillen, die volle Verantwortung für die kumulierte globale Wirkung unseres Alltagslebens anzuerkennen.

Vielleicht fällt es schwer, diese Kritik ausgerechnet von einem Amerikaner anzunehmen. In Sachen Treibhauseffekt sind wir pro Kopf die größten Sünder der Welt. Ich selbst finde unsere Untätigkeit inakzeptabel. Aber ich fürchte, mein Land wird sich nicht ändern, solange andere Nationen nicht vorangehen und uns zwingen, uns unserer Verantwortung zu stellen. Ich glaube, Deutschland und seine Partner in der EU könnten diese Führungsrolle übernehmen – aber erst müssen sie lernen, dass echte Führung mehr bedeutet, als nur besser zu sein als andere.