D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Aufstandsbekämpfung

Bedrohte Lebensgrundlagen

von Nandini Sundar, Hans Dembowski

Hintergrund

Solidaritäts-Graffito 2017 in Kolkata

Solidaritäts-Graffito 2017 in Kolkata

Weltweit toben in vielen Waldgebieten Gewaltkonflikte. Im Amazonasbecken werden die indigenen Gemeinschaften vertrieben, in der Demokratischen Republik Kongo beuten diverse Milizen Rohstoffe aus, und in zentralindischen Wäldern haben maoistische Milizen Fuß gefasst. Nandini Sundar von der Delhi School of Economics erläutert den Hintergrund.

Weshalb gibt es in Urwäldern so viel Gewalt?
Das hat mehrere Ursachen – unter anderem die Nachfrage nach Land, Holz und diversen Ressourcen. Bergbaufirmen wollen Kohle, Erze und Mineralien abbauen. Mächtige Interessengruppen sind involviert, aber die örtliche Bevölkerung der Wälder gilt als nicht sonderlich wichtig. Politiker finden sie sogar oft weniger wichtig als Natur-Tourismus. Es geht immer um die Kontrolle des Waldes und die Ressourcenausbeutung.

Urwälder sind quasi definitionsgemäß abgelegene Gegenden, wo der Staat kaum präsent ist. Die örtliche Bevölkerung gehört nicht zu einflussreichen Netzwerken, spricht oft eigene Sprachen und hat eine besondere Kultur.
Ja, diese soziale Gemeinschaften sind benachteiligt. Sofern staatliche Akteure überhaupt auftreten, ergreifen sie meist gegen diese Menschen Partei. In Indien haben die Beamten der Forstbehörden Polizeikompetenzen. Sie können Menschen festnehmen und Heime durchsuchen. Sie sind aber der örtlichen Bevölkerung gegenüber nicht verantwortlich und wissen, bei Fehlverhalten droht ihnen praktisch nie Strafe. Es gibt von Land zu Land Unterschiede, aber fast überall sind irreguläre Milizen und paramilitärische Organisationen im Spiel – und manchmal sogar Militärdienstleister wie DynCorp oder Blackwater, das nun Academi heißt.

Vor einem Jahrzehnt erklärte der damalige Premierminister Manmohan Singh, die Naxaliten – maoistische Rebellen – seien Indiens größtes Sicherheitsrisiko. Die Operation Green Hunt sollte den Aufstand beenden. War sie erfolgreich? Die Naxaliten machen kaum noch Schlagzeilen.
Die Vermeidung von Schlagzeilen gehört zu den Methoden, welche die Sicherheitsorgane in diesem Konflikt nutzen. Sie wollen über Gewalt in abgelegenen Gebieten möglichst gar nicht sprechen, es sei denn, sie können irgendetwas als Erfolg präsentieren. Es gibt immer wieder Schießereien. Der Distrikt Bastar im Bundesstaat Chhattisgarh ist von dem Guerillakrieg am schlimmsten betroffen. Alle fünf Kilometer gibt es dort inzwischen ein Militärlager, aber die Dörfer haben eine gewisse Autonomie, und es gibt Untergrundaktivität. Die Lage bleibt angespannt, und die Operation Green Hunt läuft weiterhin.

Traditionell leben vor allem Adivasi-Völker in den Wäldern. Sie sprechen ihre eigenen Sprachen und sind historisch keine Hindus. Hilft Identitätspolitik den Naxaliten?
Ihre Präsenz in den Wäldern wurde nach der Jahrtausendwende zum großen Thema. Ich glaube, ihre maoistische Ideologie hat die Leute gar nicht sonderlich angesprochen. Sie spürten aber, dass ihre Lebensgrundlagen bedroht waren, und wollten Schutz vor dem Raubtier-Staat. Maoistische Anführer haben Gondi, die wichtigste örtliche Adivasi-Sprache, gelernt, und die meisten Kader kommen heute aus der Gegend. Identitätspolitik spielt auf der Graswurzelebene vielleicht eine gewisse Rolle, aber das ist nicht das Thema des Aufstandes. Es geht auch nicht um Religion, obwohl die aktuelle Bundesregierung Hindu-Dominanz fordert. Die Glaubenssysteme der Adivasis kreisen allerdings um Natur-Ressourcen, also lässt sich jeder Ressourcenkonflikt auch als Angriff auf den Glauben lesen. Dennoch unterstützen viele Adivasis die Naxaliten nicht, während viele Mitglieder anderer marginalisierter Gruppen das tun. Grundsätzlich können Naxaliten Adivasis und Dalits, die Angehörigen der niedrigsten Kasten, die in der Kolonialzeit „Unberührbare“ genannt wurden, am leichtesten erreichen. In gewissem Maße sind aber auch andere benachteiligte Gruppen ansprechbar. Davon gibt es in Indiens hierarchischer Gesellschaft viele.

Ist es wichtig, dass 2014 Narendra Modi Premierminister wurde?
Die Antwort ist ja und nein. Einerseits sind alle Parteien bei der Unterdrückung Komplizen. Die aggressive Aktivität der Naxaliten begann in den späten 1960ern. Sie wollen den gewaltsamen Umsturz, und sie mobilisieren unterdrückte Menschen. Darauf haben staatliche Institutionen mit zunehmender Repression reagiert, ohne ernsthafte Versuche, Frieden zu schaffen oder die Missstände zu beheben, aus denen Naxaliten Kraft schöpfen. Auch die großen kommunistischen Parteien hassen die Naxaliten seit jeher. Andererseits gehen die Hindu-Chauvinisten von Modis BJP mit den Minderheiten besonders hart um, auch wenn sie ein paar Adivasis und Dalits als Feigenblätter in ihren Reihen haben. Für die Gewalteskalation in Bastar war von 2005 an vor allem die BJP verantwortlich. Sie stellte die Landesregierung und kooperierte mit brutalen Vigilantengruppen. Die Bundesregierung unter Kongressführung unterstützen sie dann. Heute stellt der Kongress die Landesregierung und die BJP die Bundesregierung. Für Journalisten, Zivilgesellschaft und Aktivisten ist die Atmosphäre vor Ort etwas freundlicher geworden, aber gegen Adivasi-Dörfer wird weiter Krieg geführt. Andere Bundesstaaten sind vom Naxalitenaufstand auch betroffen, aber nirgends ist die Gewalt so sehr eskaliert wie in Bastar.

Sie zeichnen ein düsteres Szenario. Gibt es positive Lektionen, die international relevant sein könnten?
Ja – und zwar, dass nachhaltiges Waldmanagement möglich ist. Es gibt viel gute Erfahrungen damit, der örtlichen Bevölkerung Verantwortung zu übertragen. Sie versteht die Umwelt und weiß, natürliche Ressourcen ohne ökologischen Schaden zu nutzen. Wenn staatliche Akteure ihre Konzepte aufgreifen und ihre Arbeit fördern, sind die Resultate sehr gut – und zwar ohne Blutvergießen oder Menschenrechtsverletzungen. Die Vorstellung, es gebe eine binäre Entscheidung zwischen Umweltschutz oder Entwicklung, ist falsch. Differenziertere Konzepte funktionieren besser. Leider glauben aber unsere Regierungen auf Landes- wie Bundesebene immer noch, sie müssten binär entscheiden. Besonders unheimlich ist, dass die Modi-Regierung nun in der Covid-19-Krise wieder Wirtschaftswachstum über alles stellt. Sie erlaubt Bergbau, ohne die Umweltverträglichkeit zu prüfen, und streicht Arbeitnehmerrechte. Einfachen Arbeitern ist es entsetzlich schlecht ergangenen. Im Lockdown verloren Millionen von Binnenmigranten auf einen Schlag Einkommen, Unterkunft und Nahrung. Viele sind zurück in ihre Dörfer gelaufen – manche über 1000 Kilometer weit. Modi steht auf der Seite der großen Unternehmen und der dominanten Kasten. Besonders jetzt, wo viele Migranten heimgekehrt sind, bräuchten wir eigentlich neue und kreative Konzepte für ländliche Entwicklung. Unsere Bundesregierung denkt darüber aber gar nicht nach.


Nandini Sundar lehrt Soziologie an der Delhi School of Economics. Ihr Buch „The Burning Forest: India’s War against the Maoists“ erschienen 2019 (London, Verso).
Twitter: @nandinisundar
nandinisundar.blogspot.com

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren