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Arabischer Frühling

Zwischen Desinteresse und Utopie

von Peter Hauff

In Kürze

Only a tenth of the top candidates for Tunisia’s Constituent Assembly were women

Only a tenth of the top candidates for Tunisia’s Constituent Assembly were women

Europas Politiker könnten den demokratischen Aufbruch arabischer Länder besser unterstützen. Doch sie bewegten sich lieber auf gewohnten Pfaden, kritisieren deutsche Wissenschaftler.

Laut Isabel Schäfer, Mittelmeer-Expertin der Humboldt-Universität zu Berlin, kooperieren EU-Entscheider vor allem in Tunesien am liebsten mit Partnern und Organisationen, die sie unter dem Regime kennen gelernt haben, das mit Ex-Präsident Ben Ali eigentlich verschwinden sollte. Ein Teilnehmer eines Kolloquiums der Evangelischen Akademie Loccum schilderte, etablierte Wettbewerber und ausländische Stiftungen seien seit Anfang 2011 mit Geldern überschüttet worden. Wünschen neu gegründete tunesische Vereine finanzielle Hilfe aus Brüssel oder Berlin, gehen ihre Programme meistens leer aus.

Annette Jünemann von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg glaubt ebenfalls, dass Europa versäumt hat, eigene Konsequenzen aus Umstürzen in Nordafrika zu ziehen. Bei einem Kolloquium der Evangelischen Akademie Loccum Ende September über deutsche Außenpolitik nach den arabischen Revolutionen meinte die Politologin, dass alle EU-Mitgliedsländer im Grunde seit dem 11. September 2001 vor einem Scherbenhaufen stünden. Sicherheit sei ihnen wichtiger als Demokratie, sagt Jünemann. Mangels abgestimmter Politik, zum Beispiel zwischen Frankreich und Deutschland in Libyen, bleibe der Europäischen Union nur übrig, auf „unpolitische“ Felder auszuweichen, wie Energie und Umwelt.

Demographische Chancen verpasst

Dabei könne zum Beispiel eine Quote für „zirkuläre Migranten“ aus Nordafrika durchaus im Interesse deutscher Bevölkerungspolitik liegen, vermutet Stefan Winkler vom Goethe-Institut. Winkler weiß aus Austauschprogrammen der EU mit Anrainerstaaten des Mittelmeers, dass Hochqualifizierte lieber in Amerika, England oder Frankreich studieren, als in Deutschland. „Eigentlich bräuchten wir ein deutsch-arabisches Jugendwerk“, schlug Winkler in Loccum vor.

Der Austausch deutsch-arabischer Studienplätze ist in Winklers Augen überschaubar. In Syrien zum Beispiel vergab der DAAD zwischen 1993 bis 2003 nicht mehr als 20 Stipendien. Deutsch-arabische Masterprogramme des DAAD bringen pro Jahr rund 30 Studenten in arabische Mittelmeerländer; umgekehrt dürften ungefähr 100 Araber ein Stipendium für Deutschland erhalten. Ihr Ausbau scheitert auch an einem Mangel deutscher Bewerber.

Auch die Wirtschaft könnte eigentlich mehr tun. Alfred Tovias, Dozent für Europastudien an der Universität Jerusalem, äußert aber Verständnis dafür, dass vor allem Deutschlands exportstarker Mittelstand so wenig Interesse an Nordafrika zeigt: Künftiges Wachstum finde ehrlich betrachtet nicht in Ägypten und Tunesien statt, sondern in großen Schwellenländern wie Brasilien, Russland oder Indien.

Auf zwei Gebieten könnten deutsche Unternehmen trotzdem helfen, Jobs für die jungen Postrevolutionäre zu schaffen, und selbst profitieren: erstens in der zukunftversprechenden Agrarbranche, zweitens bei Dienstleistungen, die ähnlich große Flächen verbrauchen. Übungsgelände für Flugzeuge, Zement- und Recyclingwerke sowie künstliche Landschaften für die Filmindustrie könnten den Tourismus als neue Einnahmequellen ergänzen, schlägt Tovias vor.

Peter Hauff