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Bürgerkrieg

Unsichtbare Opfer

von Martina Sabra

Hintergrund

Viele syrische Flüchtlinge bleiben ein Leben lang behindert: Flüchtlingslager in Zaatari, Jordanien.

Viele syrische Flüchtlinge bleiben ein Leben lang behindert: Flüchtlingslager in Zaatari, Jordanien.

Weil das Gesundheitssystem in Syrien durch den Krieg weitgehend zerstört wurde und die internationale Hilfe nicht ausreicht, haben syrische Bürger im eigenen Land, aber auch in Jordanien und in der Türkei, private Reha-Zentren gegründet. Dort werden verletzte Landsleute kostenlos behandelt. Die Journalistin Martina Sabra hat in der jordanischen Hauptstadt Amman ein solches Reha-Zentrum besucht.

 Der kleine Rami (Name geändert) sitzt im Therapieraum auf einer Pritsche und starrt reglos vor sich hin. Physio­therapeut Basil, ein hochgewachsener junger Mann in Jeans und weißem Kittel, kennt Ramis Krankengeschichte: „Der Kleine hat bei seiner Geburt nicht genug Sauerstoff bekommen.“ Dadurch kam es zu einer Hirnlähmung, auch Cerebralparese oder kurz CP genannt. „Kinder mit CP sind nicht notwendig geistig behindert, aber sie neigen zu autistischem Verhalten oder sind in ihrer Mobilität eingeschränkt“, erklärt er. Vor dem Krieg bekam Rami in Damaskus Physio­therapie, um seine Motorik zu verbessern. Doch wegen des Krieges war das seit Ende 2012 nicht mehr möglich.

Im Herbst 2013 flohen seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern nach Jordanien. „Wir versuchen jetzt, das Versäumte mit ihm nachzuholen, so gut es geht“, erklärt Basil. „Aber das ist nicht einfach. Rami hat in Tadamun gelebt, einem Damaszener Brennpunktviertel, das belagert und schwer zerstört wurde. Das hat ihn zusätzlich zu seiner Behinderung schwer traumatisiert. Als er hier ankam, fragte er seinen Vater als Erstes: Papa, werden die Leute uns schlagen?“

Basil nimmt Rami auf den Arm, drückt ihn fest an sich, summt eine Melodie. Dann setzt er den Sechsjährigen auf ein Dreirad. Er zeigt ihm, wie er den Lenker greifen soll, stellt ihm die Füße auf die Pedale, schiebt ihn mit dem Rad durch den Raum, ahmt dabei Hupgeräusche nach. Nach einigen Runden reagiert Rami: Vorsichtig beginnt er, die Pedale selbst zu treten. Basil freut sich. Für heute hat er sein Ziel erreicht.

Rami ist derzeit der jüngste Patient im Reha-Zentrum der Syrian Women Across Borders in Amman. Menschen wie er sind die unsichtbaren Opfer des Krieges in Syrien. Rami wurde nicht unmittelbar bei einem Bombenangriff oder bei einem Gefecht getroffen. Doch die größtenteils vom Assad-Regime herbeigeführte absichtliche Zerstörung weiter Teile des syrischen Gesundheitssystems hat dazu geführt, dass nicht nur Verletzte ohne Versorgung bleiben. Auch viele chronisch Kranke und Behinderte haben keinen Zugang mehr zu notwendigen Therapien. In den Zufluchtsländern sind die medizinischen Strukturen zwar meist vorhanden. Doch dort haben viele syrische Patienten nicht das nötige Geld, um die dringend benötigte Hilfe zu bezahlen.


Fünf Frauen

Eigentlich müsste sich die Flüchtlingsverwaltung der Vereinten Nationen um sie kümmern – doch dort ­klaffen trotz vieler Anstrengungen immer noch ­beachtliche Versorgungslücken. In den Nachbarländern Syriens versuchen sozial engagierte Exilsyrer in die Bresche zu springen. Sie gründen etwa private Reha-Zentren, wo verletzte oder behinderte Flüchtlinge kostenlose Therapien erhalten, sowohl stationär als auch ambulant. Das Zentrum, in dem der kleine Rami behandelt wird, ist ein solches. Das Besondere: Es wurde von fünf Frauen gegründet. Eine davon ist Samara Atassi, 31 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern. Sie arbeitete in Homs als Apothekerin, als 2011 die syrische Revolution begann: „Die Lage wurde immer gefährlicher. Das Regime betrachtete Ärzte, Krankenpfleger und Pharmazeuten prinzipiell als Feinde, denn sie konnten ja verletzte Regimegegner und Rebellen versorgen. Viele meiner Kollegen und Freunde wurden festgenommen, oder sie verschwanden und kehrten nicht zurück. Ich hatte große Angst.“

Samara Atassi floh mit ihrer Familie nach Jordanien. Da sie als Flüchtling in Jordanien offiziell nicht arbeiten durfte, engagierte sie sich ehrenamtlich. Per Facebook kontaktierte sie alte Freundinnen und trommelte eine Kerngruppe aus fünf Frauen zusammen. Bei einem Treffen in Amman fiel der Entschluss, gezielt für Kriegsverletzte und Flüchtlingsfrauen zu arbeiten. „Wir wollten bewusst keine Nothilfe machen, sondern ein dauerhaft und nachhaltig angelegtes Entwicklungsprojekt, mit dem wir später auch zum Wiederaufbau Syriens beitragen können. So kamen wir auf das Reha-Zentrum für physische und psychische Rehabilitation“, erklärt Samara Atassi.

Das war Ende 2012. Mittlerweile hat sich das Reha-Zentrum der Syrian Women Across Borders zu einer festen Adresse für die Exilsyrer in Amman entwickelt, finanziert durch große und kleine Spenden aus aller Welt. Neben der Reha und einer Frauenkooperative bietet die Gruppe auch Nachhilfekurse für Abiturienten. Dafür haben Atassi und ihre Mitstreiterinnen in einem ruhigen Mittelklassewohnviertel in Amman ein großes Mehrfamilienhaus mit mehreren Etagen angemietet. Manar Al Bustani aus Damaskus, hauptberuflich Englischlehrerin und derzeit an einer Schule in den Emiraten, kümmert sich mit um das Fundraising. „Manchmal wird es sehr knapp. Allein die Gebäudemiete kostet über 3000 Euro im Monat. Aber bislang haben wir das Geld immer zusammenbekommen“, sagt Al Bustani.

Wie sieht der Alltag im Reha-Zentrum aus? Muayyed, einer der Krankenpfleger, lädt mich ein, ihn vormittags einige Stunden zu begleiten. Er ist 29 Jahre alt, verheiratet, examinierter Krankenpfleger und erst vor wenigen Monaten mit Frau und Kind nach Jordanien geflohen. Offiziell darf er hier als Flüchtling nicht arbeiten. Im Reha-Zentrum läuft er als Praktikant, bezahlt wird er durch eine Spende. Ein regulärer Job wäre ihm lieber, sagt er. Doch er sei froh, dass er in seinem erlernten Beruf arbeiten und etwas für seine Landsleute tun könne. „Wir behandeln hier hauptsächlich Patienten mit Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks oder mit Schädel-Hirn-Verletzungen, die alle durch Granatsplitter oder Schüsse verursacht wurden.“ Außerdem werden aktuell drei Patienten behandelt, denen Arme oder Beine amputiert wurden. Es gibt auch viele Bauchschüsse und schwere Organverletzungen.

„Ich bin nicht sicher, ob hinter den Verletzungen System steckt. Das Regime fliegt extrem viele Luftangriffe und setzt massiv Heckenschützen ein“, sagt Muayyed. Weil das Assad-Regime auch die medizinische Versorgung in weiten Teilen zerstört hat, erhalten viele Verletzte die notwendige Behandlung nicht rechtzeitig oder gar nicht. Dadurch kommt es zu Komplikationen und zu überdurchschnittlich vielen  Lähmungen sowie Amputationen. „Wir schätzen, dass es mittlerweile rund eine Million Verletzte gibt, und die Hälfte davon wird dauerhaft behindert bleiben“, erklärt Muayyed. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet, dass in bewaffneten Konflikten auf eine getötete Person rund vier bis fünf verletzte Personen kommen.

Muayyed ist in seiner Schicht allein für 18 Männer verantwortlich. Er ist fachlich sehr gut qualifiziert. In Syrien sind Krankenpflege und Physiotherapie akademische Berufe und Muayyed besitzt einen Universitätsabschluss. Vor seiner Flucht im Frühjahr 2013 bildete er selbst den pflegerischen Nachwuchs aus. Die Arbeit mit den verletzten Kriegsflüchtlingen sei eine große Herausforderung, räumt Muayyed ein: „Wir ­waren für Sport- und Verkehrsunfälle ausgebildet. Kriegsverletzungen sind viel komplexer. Dafür bräuchten wir spezielle zusätzliche Fortbildungen.“

Dieser Ansicht sind auch internationale Fachleute, die mit den besonderen Bedürfnissen verletzter syrischer Kriegsopfer gut vertraut sind. Zwar werden in Jordanien Fortbildungen für Physiotherapeuten angeboten, unter anderem von der Organisation Handicap International. Doch Zugang dazu haben in erster Linie Fachkräfte, die in regulären Arbeitsverhältnissen stehen. Da die meisten syrischen Physiotherapeuten in Jordanien als Flüchtlinge registriert sind, dürfen sie offiziell nicht arbeiten und haben kaum die Möglichkeit, sich fortzubilden.


Traumatische Erinnerungen

Neben der physischen Rehabilitation bietet das Reha-Zentrum der Syrian Women Across Borders auch psychologische Hilfestellung an. Davon profitieren die Patienten und das Personal gleichermaßen. Denn alle im Zentrum – Patienten und Personal – müssen mit Trauer, Ohnmacht und Perspektivlosigkeit fertigwerden. Der schlaksige Basil, der mit seinem Humor alle bei Laune hält, kämpft jede Nacht mit Alpträumen. Er kann die Bilder nicht vergessen, die er wenige Wochen vor seiner Flucht aus Damaskus bei der Arbeit im Krankenhaus sah. Im Hof wurde ein Kühllaster voller Leichen abgestellt, eskortiert von bewaffneten Geheimdienstlern. Es stank entsetzlich und die Geheimdienstler machten Witze über die Toten, erinnert er sich.

Auch der Facharzt Amer Hafez kämpft mit traumatischen Erinnerungen. Der leicht untersetzte Endvierziger mit den weichen Gesichtszügen ist medizinischer Leiter des Reha-Zentrums. Hafez besaß in Syrien eine Praxis für Gesichts- und Kieferchirurgie. Nach dem Beginn der Revolution brach eines Nachts die Geheimpolizei in seine Wohnung ein. Die Töchter schliefen im Kinderzimmer. Die Agenten verbanden ihm die Augen und verschleppten ihn in ein Folterzentrum, wo er grauenvolle Szenen erlebte. Dass er freikam, war einem Zufall zu verdanken. Nach der Freilassung floh Amer Hafez mit seiner Familie. Seine Praxis existiert nicht mehr. Shabbiha, Terrormilizen des Assad-Regimes, haben nach seiner Flucht alles zertrümmert. Hafez hofft, dass er eines Tages wieder eine eigene Praxis in Syrien haben wird. Einstweilen ist er aber froh, dass er dem Inferno entkommen konnte und in seinem Beruf arbeiten kann.

Über 120 Patienten hat das Reha-Zentrum der Syrian Women Across Borders bislang aufgenommen. Viele haben wieder laufen gelernt und den Weg ins Leben zurückgefunden. Doch humanitäre Hilfe allein sei keine Lösung, betont Amer Hafez: „Diese beispiellose menschliche Katastrophe geht die ganze Welt an, und wir hoffen auf größtmögliche Unterstützung. Aber ich möchte den Menschen in Deutschland auch sagen: Wir wollen keine Lösung auf Zeit, keine politische erste Hilfe. Das Regime muss verschwinden. Wir wollen, dass die Ursache bekämpft wird, sonst wird es nur noch mehr Tote und Verletzte geben.“

Aktuell ist kein Ende des Konfliktes abzusehen. Niemand kann sagen, ob Syrien in seinen früheren Grenzen überhaupt noch eine Zukunft hat. Klar ist nur, dass Hunderttausende Syrer durch den Konflikt gezeichnet sind und auf fremde Hilfe angewiesen sein werden. Samaara Atassi hält ein Umdenken im Umgang mit Behinderten in der syrischen Gesellschaft für unausweichlich. Traditionell habe man sich in der konservativ-islamisch geprägten syrischen Gesellschaft auf Mitleid und Almosen für Behinderte beschränkt. Das werde nicht mehr ausreichen. Den Behinderten müsse Respekt entgegengebracht werden und Rechte eingeräumt werden. „Ich mag die Begriffe Behinderte oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen nicht. Das sind Schubladen“, findet Samara Atassi. „Wir sind Menschen wie sie, und sie sind wie wir. Wir müssen dafür sorgen, dass die Gesellschaft allen Bürgern ein selbst­bestimmtes Leben ermöglicht.“  

 

Martina Sabra ist freie Journalistin und entwicklungspolitische Beraterin.
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Stichwort: Souriat among boarders