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Fachliteratur

Neuerfindung der Städte

von Franziska Schreiber

Hintergrund

China hat in den vergangenen Jahren einen enormen Bauboom erlebt. Modell im Museum of Beijing City Planning in Peking.

China hat in den vergangenen Jahren einen enormen Bauboom erlebt. Modell im Museum of Beijing City Planning in Peking.

Die Themen Stadtentwicklung und globale Urbanisierung gehören ganz oben auf die Agenda der Weltpolitik. Die zum Erreichen der Klimaziele unabdingbare nachhaltige urbane Transformation kann nur mit einer völlig neuen Art gelingen, über Städte nachzudenken, sie zu planen und zu bauen.

Im Jahr 2050 leben voraussichtlich 70 % der Weltbevölkerung in Städten. Das enorme Städtewachstum hat zur Folge, dass jede Woche eine Stadt für eine Million Menschen gebaut werden muss, mit einem durchschnittlichen Investitionsvolumen von rund 10 000 Dollar pro Familie. Zeit ist also ein entscheidender Faktor. Aber auch die Art und Weise, wie wir bauen, ist von großer Bedeutung. China hat zwar innerhalb von drei Jahren mehr Beton verbaut als die USA im gesamten 20. Jahrhundert. Dieser Weg ist aber weder zeitgemäß noch nachhaltig.

Allein den notwendigen Infrastrukturausbau mit bisher üblichen Baumaterialien zu betreiben würde drei Viertel des zur Verfügung stehenden CO2-Budgets aufbrauchen, wenn wir den globalen Temperaturanstieg auf maximal 1,5 Grad begrenzen wollen. Die Ziele des Pariser Klimaabkommens wären damit unerreichbar. Auch im sozialen Bereich gäbe es keine Verbesserungen. Im Jahr 2010 lebten bereits rund eine Milliarde Stadtbewohner in Entwicklungsländern in menschenunwürdigen Wohnverhältnissen. Ohne Trendwende stiege diese Zahl laut dem World Cities Report 2016 von UN-Habitat auf etwa 1,6 Milliarden Menschen.

Die Geschwindigkeit und das Ausmaß von Urbanisierung verlangen also nach einer „Neuerfindung der Städte“ – nach einer völlig neuen Art, über Städte nachzudenken, sie zu planen und zu bauen, und zwar so schnell wie möglich. Das ist die Kernbotschaft des Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) (s. Interview mit Dirk Messner). Nur durch einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel können die Herausforderungen der Urbanisierung gemeistert und die Weichen für eine nachhaltige urbane Transformation gestellt werden.

Dafür bedarf es allerdings eines politischen Rahmens – vor allem auf globaler Ebene. Angesichts der Dringlichkeit müssen die Themen Stadtentwicklung und globale Urbanisierung ganz oben auf der Agenda der Weltpolitik stehen. Die Diskussion muss über, in und mit Städten geführt werden. Die Autoren des WBGU-Gutachtens sehen daher die Modernisierung von Global Urban Governance als einen entscheidenden Hebel. Sie fordern Teilnahme- und Rederecht für Städte und Städtenetzwerke in relevanten internationalen Verhandlungsprozessen. Zudem muss die zentrale Rolle von Städten für die Umsetzung von internationalen Vereinbarungen, wie der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung oder dem Pariser Klimaabkommen, durch die Nationalstaaten anerkannt und stärker gefördert werden.


Zwischen Anspruch und Realität im Habitat-III-Prozess

Die Rolle von Städten als zentrale Akteure für nachhaltige Entwicklung war auch Gegenstand des Habitat-III-Prozesses und wird die politische Debatte zukünftig bestimmen. Der WBGU hofft zudem, dass die im letzten und in diesem Jahr angestoßene globale Debatte zum Thema Urbanisierung in den kommenden Jahren weiter vorangetrieben wird.

Die Vorbereitungen des Urbanisierungsgipfels verliefen jedoch weitestgehend enttäuschend. Dem Habitat-III-Prozess fehlte es an einer überzeugenden Botschaft, warum Städte der wesentliche Hebel für globale nachhaltige Transformation sind, es fehlte an politischer Führung und diplomatischem Geschick sowie dem rechten Timing und damit der notwendigen Aufmerksamkeit und politischen Relevanz für die meisten Regierungen.

Ein politisch überzeugendes und progressiveres Narrativ liefert hingegen das WBGU-Gutachten, indem es eine Vision für nachhaltige urbane Transformation formuliert und diese in konkrete Empfehlungen mit einer konzeptionellen Begründung auf über 500 Seiten übersetzt. Das macht das Gutachten insbesondere für den Umsetzungsprozess der New Urban Agenda, des Abschlussdokuments der Habitat-III-Konferenz, sowie für die Agenda 2030 relevant (siehe S. 14 und E+Z/D+C e-Paper 2016/07, S. 8).


Urbanisierung als Politikfeld stärken

Das WBGU-Gutachten liefert mit dem Fokus auf zehn Handlungsfelder, die die größte Hebelwirkung für nachhaltige urbane Transformation haben, wichtige Impulse für die politische Diskussion. Mit klaren Zielvorschlägen für die Handlungsfelder und entsprechenden Empfehlungen für Maßnahmen bietet es ein fokussiertes Transformationskonzept.

Der WBGU empfiehlt beispielsweise die vollständige Dekarbonisierung aller Verkehrssysteme bis 2070 sowie den Austausch von fossilen CO2-Emissionsquellen in Städten durch emissionsfreie Alternativen. Ebenfalls als wichtig bewertet der WBGU die flexible und gemeinwohlorientierte Gestaltung der urbanen Flächennutzung sowie die Etablierung einer möglichst vollständigen Kreislaufwirtschaft noch in diesem Jahrhundert. Die geplante Übersetzung dieser Vorschläge in Handlungsanleitungen für Entscheidungsträger wird einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der New Urban Agenda leisten.

Ähnliches gilt für den World Cities Report 2016 von UN-Habitat. Der Bericht reflektiert die Stadtentwicklung und Stadtpolitik der vergangenen 20 Jahre, diskutiert die großen Herausforderungen und ungelösten Probleme seit der letzten Habitat-Konferenz in Istanbul 1996 und zeigt Wege für eine nachhaltige urbane Transformation auf. Mit seinem Fokus auf das Thema Wohnen – als entscheidender Faktor für die nachhaltige Entwicklung von Städten – und die Rolle von Informations- und Kommunikationstechnologien für städtische Innovation ergänzt der Bericht das WBGU-Gutachten um weitere Kernaspekte der Stadt­entwicklung von morgen. „Fakten auf einen Blick“ und „Politikempfehlungen“ machen den Bericht für politische Entscheidungsträger zugänglicher.

Die Zukunft von UN-Habitat als Programm der Vereinten Nationen für die Bereiche Stadtentwicklung, Siedlungswesen und Wohnungsversorgung in Entwicklungs- und Transformationsländern ist ungewiss. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer, allen voran die Gruppe der afrikanischen Staaten, sprechen sich für eine Stärkung von UN-Habitat als zentraler Institution für die Umsetzung der New Urban Agenda aus. Auch die Autoren des WBGU-Gutachtens empfehlen langfristig den Ausbau von UN-Habitat zu einer UN-Organisation und kurzfristig eine Reform mit besseren Managementstrukturen. Die Handlungsfähigkeit sowie die inhaltliche Kompetenz und politische Relevanz von UN-Habitat sollen gestärkt werden. Die Europäische Union fordert dagegen eine UN-weite Koordination („UN-Cities“) für die Umsetzung der New Urban Agenda.


Städte gestalten globale Politik

Das Festhalten am 20-jährigen Zyklus der Habitat-Konferenzen ist angesichts der Geschwindigkeit und Dynamik von Urbanisierung nicht mehr zeitgemäß. Der WBGU und die Bundesregierung haben vergeblich kürzere Zyklen von vier bis zehn Jahren vorgeschlagen. Städte, Städtenetzwerke und andere urbane Akteure – einschließlich transnationaler Konzerne – werden jedoch nicht darauf warten, dass Nationalstaaten oder das multilaterale System reagieren, und abseits des bestehenden intergouvernementalen Systems neue Formen von Global Urban Governance diskutieren. Das im September durch und für Städte gegründete globale Bürgermeisterparlament („Global Parliament of Mayors“) zeigt dies eindrücklich.

Während Nationalstaaten und das UN-System die globalen Herausforderungen wie den Klimawandel oder Migration bisher nicht effektiv bewältigen konnten, haben viele Städte bereits gehandelt und innovative Lösungen für globale Fragen gefunden. Städte werden nicht mehr nur von globaler Politik beeinflusst, sondern gestalten diese auch zunehmend selbst, so das Argument von Benjamin Barber, Gründer des Parlaments und Autor des Buches „If Mayors Ruled the World: Dysfunctional Nations, Rising Cities“. In diesem Sinne soll das Bürgermeisterparlament als globale Governance-Institution Städte weltweit dabei unterstützen, eine gemeinsame globale Politik zu betreiben, und dadurch zeigen, dass mutige und ambitionierte Lösungen politisch möglich und umsetzbar sind. Vieles deutet darauf hin, dass sich Städte in Zukunft vermehrt in solchen oder ähnlichen Initiativen organisieren und dadurch ihre Vorreiterrolle sichtbar machen.


Franziska Schreiber ist Projektmanagerin bei adelphi. Sie beschäftigt sich mit internationalen Verhandlungsprozessen mit städtischer Relevanz sowie mit Aspekten von Urban Governance und nachhaltiger Stadtentwicklung.
[email protected]


Quellen
Barber, B., 2013: If mayors ruled the world: dysfunctional nations, rising cities. Yale University Press.
UNFCCC, 2015: Adoption of the Paris Agreement: proposal by the President. Draft decision -/CP.21, UN-Doc. FCCC/CP/2015/L.9/Rev.1, (Paris, December 12, 2015).
UNGA, 2015: Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable Development. UN-Doc. A/70/L.1 (New York, October 21, 2015)
UN-Habitat, 2016: World Cities Report 2016.
WBGU, 2016: Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte.

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