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Sebstbestimmung

Spektakuläre Erfolge

von Najma Rizvi

Meinung

Eine Gesundheits­beraterin erklärt im Jahr 1995 in einem Dorf den Gebrauch von Kondomen.

Eine Gesundheits­beraterin erklärt im Jahr 1995 in einem Dorf den Gebrauch von Kondomen.

Bangladesch hat bemerkenswerte Fortschritte beim Senken der durchschnittlichen Anzahl an Kindern pro Frau im fruchtbaren Alter (total fertility rate – TFR) gemacht. In den frühen 1970er Jahren lag diese Rate bei über sieben. Laut Weltbank beträgt sie nun nur noch 2,2. Bangladesch hat derzeit die geringste TFR in Süd­asien. Die Sozialanthropologin Najma Rizvi sprach im Interview mit Hans Dembowski über die Gründe für diesen Erfolg.

Wann begann sich in der Familienplanung in Bangladesch wirklich etwas zu ändern?

In den 1980er Jahren. Es gab auch vorher schon Programme zur Familienplanung – das erste startete Mitte der sechziger Jahre, als Bangladesch noch zu Pakistan gehörte. Die frühen Programme bewegten jedoch nicht viel. Ein entscheidender Grund dafür war, dass kaum auf Mütter- und Kind-Gesundheit geachtet wurde. Um etwas zu erreichen, muss man jedoch einen ganzheitlichen Ansatz wählen, der über den Gebrauch von Verhütungsmitteln hinausgeht.

 

Inwiefern hängen Familienplanung und Mutter-Kind-Sterblichkeit zusammen?

Es besteht ein großer Zusammenhang, und daher ist es kein Zufall, dass Bangladesch auf allen Ebenen gute Fortschritte gemacht hat. Im Jahr 2010 wurde im Sterberegister Bangladeschs ein Rückgang der Müttersterblichkeit um 40 Prozent zwischen 2001 und 2010 genannt. In der gleichen Zeit sank die Säuglingssterblichkeit um 44 Prozent und die Kindersterblichkeit um 35 Prozent. Der Rückgang der Müttersterblichkeit kann auf die erfolgreiche Umsetzung von Familienplanungsmaßnahmen zurückgeführt werden. Zugleich spielen die Integration von Mütter- und Kind-Gesundheit in der Familienplanung, die Förderung sicherer Möglichkeiten zur Entbindung, der Tetanus-Impfung sowie anderer Gesundheitsdienste eine Rolle. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit konnte vor allem dank sehr erfolgreicher Immunisierungsprogramme reduziert werden. Ein wichtiger Aspekt ist, dass geringere Säuglings- und Kindersterblichkeitsraten Mütter und sogar Väter dazu motiviert, weniger Kinder zu haben. Laut UNICEF lag die Kindersterblichkeitsrate in Bangladesch im Jahr 1990 bei 139 zu 1000 Lebendgeburten. 2011 waren es nur noch 46 pro 1000.

 

Wie konnte das erreicht werden?

Mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation (WHO – World Health Organization) haben Nichtregierungsorganisationen (non-governmental organisations – NGOs) und der Staat zusammen daran gearbeitet, Impfung im ganzen Land verfügbar zu machen. Gonoshasthaya Kendra (GK), die größte NRO in Bangladesch mit dem Schwerpunkt Gesundheit, organisiert beispielsweise regelmäßig Impfcamps. Die Regierung stellt den Impfstoff, und Mitarbeiter von GK impfen Schwangere und Kinder. Die meisten Frauen sind sich darüber bewusst, dass die Tetanus-Impfung sie gegen die tödliche Krankheit schützt. Die überwältigende Mehrheit der Frauen hat sich daher schon immunisieren lassen. Viele sind auch sehr darauf aus, ihre Säuglinge und Kleinkinder impfen zu lassen – manche kommen dafür sogar schon vor den tatsächlichen Impfterminen. Und sie überzeugen auch ihre Nachbarinnen davon, wie wichtig die Immunisierung ist.

 

Was Familienplanung angeht: Wem gelingt es besser, den Menschen zu vermitteln, wie wichtig diese ist, der Regierung oder den nichtstaatlichen Organisationen?

Die nichtstaatlichen Organisationen sind effizienter. Wichtiger aber ist, dass Regierung und NGOs so zusammenarbeiten, dass es eine gewisse Kohärenz gibt. 1978 begann die Regierung von Bangladesch Familienplanungs-Services über Mitarbeiter der Familienwohlfahrt anzubieten. Diese Leute waren dazu angehalten, die Dorffrauen an deren Haustür anzusprechen. Vorbild für dieses Vorgehen war der Ansatz des International Center for Diarrhoeal Disease Research (ICDDRB), des in Bangladesch ansässigen Forschungszentrums für Durchfallerkrankungen. Das ICDDRB hatte ein ähnliches Programm in Matlab gestartet, mit dem Ziel, die Geburtenrate zu senken. Alle zwei Wochen schickten sie Gesundheitsarbeiter raus, die über Verhütung informierten, Verhütungsmittel verteilten und Mütter dazu motivierten, diese auch zu nutzen. Die Gesundheitsarbeiter sprachen mit den Frauen über deren Ängste und diskutierten über mögliche Nebeneffekte des Gebrauchs von Verhütungsmitteln. Dieses Vorgehen erwies sich als erfolgreich – und offenbar war es wichtig, auf der Familienebene anzusetzen. Daraufhin hat unsere Regierung eingesehen, dass sie mit den NGOs kooperieren muss, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

 

Was machen die nichtstaatlichen Organisationen denn genau?

Nun, GK bietet über Gesundheitsarbeiter und ausgebildete Rettungskräfte prä- und postnatale Versorgung in den Dörfern an. Teil ihrer Aufgabe ist es, für Familienplanung zu werben. BRAC, die größte nichtstaatliche Entwicklungsorganisation in Bangladesch überhaupt, betreibt ein Netzwerk von Dorfkliniken. Deren in den Dörfern stationiertes Personal bietet Gesundheitsversorgung und auch Familienplanungsdienste an. Auch die kommunalen staatlichen Kliniken sind in Gesundheitsversorgung und Familienplanung involviert.

 

Wer macht die Basisarbeit?

Junge Frauen, die als Wohlfahrtshelferinnen angestellt sind, oder Gesundheitsfachkräfte der NGOs oder der Regierung. Zudem wurden viele traditionelle Hebammen zusätzlich ausgebildet und auch sie versuchen, das Bewusstsein für Familienplanung zu schärfen. Es geht im Grunde immer darum, die Mütter von den Vorteilen einer Kleinfamilie zu überzeugen.

 

Wie ist es möglich, Geburtenkontrolle in einem überwiegend muslimischen Land durchzusetzen? Steht dem nicht der Glaube im Weg?

Der Islam verbietet Empfängnisverhütung nicht. Was er verbietet, ist Kindstötung. Frauen- und Kindergesundheit sind wichtige Aspekte, ebenso wie die Kos­ten für das Aufziehen von Kindern. Daher stellen sich muslimische Geistliche in Bangladesch nicht gegen Geburtenkontrolle. Das gilt sowohl auf der politischen Ebene als auch an der Basis in den Dörfern. In Pakistan, einem ebenfalls muslimischen Land, sind die muslimischen Geistlichen weniger offen. In Bangladesch aber gibt es keine tiefgreifenden religiö­sen oder kulturellen Hindernisse gegen Maßnahmen zur Familienplanung.

 

Können andere Entwicklungsländer etwas von Bangladesch lernen?

Ja, aus dem drastischen Rückgang der Geburtenrate in Bangladesch können Pakistan, Indien und auch andere Länder mit geringem Einkommen gewiss die ein oder andere Lehre ziehen. Relevant sind folgende Punkte:

  • Es ist sinnvoll, Programme zur Familienplanung so anzulegen, dass auch die Überlebensraten von Müttern und Kindern erhöht werden. Es trägt erheblich zur Akzeptanz von Familienplanung bei, wenn diverse Fragen zur Gesundheit von Frauen und Kindern berücksichtigt werden.
  • Höhere Überlebensraten von Säuglingen und Kleinkindern bringen Mütter dazu, Verhütungsmittel zu nutzen. Zudem erleichtert es ihnen auch, ihre Männer davon zu überzeugen, dass das sinnvoll ist.
  • Die kohärente Zusammenarbeit von Regierung und nichtstaatlichen Organisationen führt zu besseren Ergebnissen.
  • Frauen haben, wenn sie bessere Bildung bekommen, mehr Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, wie viele Kinder sie kriegen. Mädchen, die zur Schule gehen, werden später verheiratet.
  • Wenn Frauen die Möglichkeit haben, Geld zu verdienen, und sie Zugang zu Mikrokrediten bekommen, stärkt das ihre Verhandlungsposition gegenüber ihren Ehemännern – auch was die Familienplanung angeht.
  • Gesundheitspersonal in Dörfern sollte die Ängste und Sorgen der Frauen hinsichtlich der Nebenwirkungen von Empfängnisverhütung ernst nehmen und sie einschlägig beraten.
  • Der Islam verbietet Geburtenkontrolle nicht. Vielmehr unterstützen viele muslimische Geistliche und Reformer in Bangladesch die Familienplanung. Insbesondere angesichts einer besseren Mütter- und Kindergesundheit – und der Kosten für die Kindererziehung.

 

Welche Herausforderungen hat Bangladesch im Zusammenhang mit Familienplanung noch zu bewältigen?

Der Erfolg des Landes, die TFR auf 2,2 zu senken, ist natürlich löblich. Allerdings verdecken statistische Durchschnittswerte auch immer etwas. Bei Familien in abgelegenen Gegenden liegt die TFR weiterhin viel höher und die Gesundheitsversorgung ist dort auch immer noch mehr als bescheiden. Die politisch Verantwortlichen und die NGOs müssen sich mehr auf diese Gegenden konzentrieren – was sowohl GK als auch BRAC bereits tun. Und ganz grundsätzlich gilt: Es ist enorm wichtig, Bildung und Einkommensmöglichkeiten zu verbessern. Diese Bemühungen müssen fortgeführt werden.

 

Najma Rizvi ist Professorin für Anthropologie an der Gono Bishwabidyalay („Volksuniversität") in Dhaka. Gegründet wurde diese Hochschule von Gonoshasthaya Kendra („Zentrum für Volks­gesundheit"), einer Nichtregierungsorga­nisation mit Schwerpunkt Gesundheit.
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