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von Dinesh C. Sharma

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Dinesh C. Sharma

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Wer eine indische Stadt wie Delhi oder Mumbai besucht, wird einen der größten sozialen, hygienischen und ökologischen Missstände des Landes bemerken: Menschen entleeren ihren Darm im Freien. Seit Jahrzehnten ringt Indien mit Problemen der Sanitärversorgung. Heute verrichten immer noch rund 620 Millionen Menschen – fast die Hälfte der Bevölkerung – ihr Geschäft draußen. Von Dinesh C. Sharma

In ländlichen Gegenden haben zwei Drittel der Menschen keinen Zugang zu Toiletten. In Städten sind es 13 Prozent. Durchfall, durch Wasser übertragene Krankheiten, beeinträchtigte Entwicklung und geringeres Wachstum von Kindern gehören zu den Konsequenzen. Laut Weltbank summieren sich medizinische Behandlungskosten und ausgefallene Arbeitsleistungen wegen mangelnder Sanitärversorgung jährlich auf 54 Milliarden Dollar. Offiziell ist es verboten, Latrinen von Hand leeren zu lassen, aber mancherorts ist auch das noch üblich.

Schon die alte Regierung unter Führung der Kongresspartei hatte eine „Total Sanitation Campaign“ gestartet, um die Probleme 2022 zu lösen. Aber es geht bisher nur langsam voran. In diesem Tempo wird Indien das Millenniumsziel der Sanitärversorgung erst 2054 erreichen, schätzt UNICEF India. Die Organisation will für Beschleunigung sorgen und hat eine öffentliche Kampagne mit dem Titel „Take the poo to the loo“ („Bring das A-ah zum Klo“) gestartet.

Es ist eine riesige Aufgaben, Millionen von Toiletten in Dörfern und Slums zu bauen. Um alle Menschen auf dem Land mit westlicher Wasserspülung zu versorgen, wären zudem riesige Investitionen in Abwasserleitungen und Kläranlagen nötig. Erschwinglichkeit und Nachhaltigkeit sind wichtig. Zum Glück gibt es angepasste Techniken, beispielsweise kompetent-gestaltete Latrinen.

Die alte Regierung hatte einen Wettbewerb für Toilettendesigns ausgeschrieben, die mit weniger Wasser ausgekommen und Exkremente an Ort und Stelle aufbereiten. Der Staat wird Bau und Erprobung der sechs besten Ideen als „Toiletten der nächsten Generation“ finanzieren. Dafür hat er zusammen mit der Bill and Melinda Gates Foundation zwei Millionen Dollar in Aussicht gestellt.

Es mangelt nicht an Ideen. Eram Scientific Solutions ist ein Unternehmen aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, das ein modulares System mit solar-betriebenen, leitungsunabhängigen Toiletten und biologischer Aufbereitung vor Ort testen will. Das Institute of Chemical Technology in Mumbai arbeitet an einer wasserlosen, geruchs- und insektenfreien Toilette. Am Wettbewerb beteiligen sich auch noch weitere Erfinder. 

Ob die neuen Anlagen bei der Bevölkerung Anklang finden, bleibt derweil abzuwarten. Es sehr schwierig, die Gewohnheiten der Menschen zu ändern. UNICEF zufolge reicht es nicht, Toiletten zu bauen, denn die Leute müssen sie auch benutzen wollen. Es hilft, über Gesundheitsrisiken aufzuklären, aber um Verhalten zu ändern, reicht das nicht. Es geht darum, ganze Gemeinschaften zu überzeugen – deshalb kommt es vor allem darauf an, deren Führungspersönlichkeiten die Vorteile der Toilette klar zu machen. 

620 Millionen Menschen Toiletten zu verschaffen und sie an deren Benutzung zu gewöhnen, ist ein großes Ziel. Ein Experte von der Gates Foundation hält es für ähnlich ehrgeizig wie „einen Flug zum Mond oder zum Mars“.

Dinesh C. Sharma ist Journalist und Sachbuchautor, er lebt in Neu Delhi. [email protected]