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Gesundheitsversorgung

„Betroffene einbeziehen“

von Zafrullah Chowdhury

Hintergrund

Eine Tetanuspatientin in einer GK-Einrichtung in den 1990er Jahren.

Eine Tetanuspatientin in einer GK-Einrichtung in den 1990er Jahren.

Gesundheit darf nicht allein Ärzten und Pharmaherstellern überlassen werden. Das sagt Zafrullah Chowdhury, der Gründer einer Organisation, die in Bangladesch die Gesundheitsversorgung für Millionen von Menschen sicherstellt. Aufklärung und Ausbildung sind auf der Dorfebene nötig, wie er Hans Dembowski im Gespräch erläuterte.

Mit welchen Infektionskrankheiten ringt Ihr Land?
Rund 60 Prozent aller Erkrankungen gehen auf Infektionen zurück. Lungenentzündung und andere Atemwegserkrankungen sind ein Riesenproblem. Geschlechtskrankheiten verursachen großes Leid, und Magen-Darm-Infektionen sind auch ein Thema.

Was ist mit Krankheiten, die die Pharmaforschung tendenziell vernachlässigt, die aber in tropischen Ländern verbreitet sind?
Bangladesch hat dank kostenfreier Impfungen beachtliche Fortschritte bei der Reduzierung des Auftretens von Tollwut gemacht. Dieses nationale Programm ist erfolgreich. Kala-Azar – international als Leishmaniose bekannt – bleibt in machen Landesteilen ein Problem, obwohl die Krankheit in den meisten Ländern ausgemerzt wurde. Die Verbreitung von Dengue nimmt zu.

Als ich Anfang der 1990er Jahre erstmals in Ihre Weltgegend kam, hieß es, Durchfall sei ein „Killer“.
Das stimmt nicht mehr. Durchfall ist nicht tödlich, wenn Dehydrierung vermieden wird. Kleine Kinder verlieren oft viel Flüssigkeit, und die muss ersetzt werden. Dafür reichen sicheres Trinkwasser, ein bisschen Salz und etwas Zucker (Glukose). Das kriegen auch arme Eltern hin, sie müssen nur wissen, was zu tun ist. In Bangladesch ist das jetzt weitgehend bekannt – nicht zuletzt dank Aufklärungskampagnen. Die Zahl der Todesfälle wegen Durchfall ist stark gesunken.

Heißt das, dass ein Land mit niedrigen Einkommen wie Bangladesch aus eigener Kraft mit Infektionskrankheiten klarkommen kann?
Wir kommen allein zurecht, wenn die Therapie einfach und gut erforscht ist. Das ist aber nicht immer der Fall.

  • Erstens ist das Wissen über viele Krankheiten noch ungenügend, und für viele gibt es auch noch keine Therapie. Sie haben selbst eben die sogenannten vernachlässigten Tropenkrankheiten erwähnt. Es ist mehr Forschung nötig, und die ist teuer. Mittel dafür müssen weltweit mobilisiert werden. Pharmaindustrie und Hochschulen müssen mitmachen. Obendrein müssen Medikamente vernünftig eingesetzt werden, weil sich sonst schnell Resistenzen herausbilden. Für diese Dinge ist globales Handeln nötig.
  • Zweitens sind nicht alle Therapien einfach. Unser Gesundheitswesen ist schwach – besonders im ländlichen Raum. Es muss stärker werden, um alle Krankheiten kompetent behandeln zu können. Dafür sind Investitionen nötig, und internationale Hilfe ist sicherlich nützlich. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass chronische Krankheiten immer häufiger vorkommen: Bluthochdruck, Nierenversagen, Krebs, Diabetes, psychische Störungen und so weiter. In armen Ländern steht das Gesundheitswesen vor diesen Aufgaben, ist aber allzu oft überfordert.

Leisten die Entwicklungsorganisationen der fortgeschrittenen Nationen und globale Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Impfallianz Gavi und der Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria gute Arbeit mit Blick auf Forschungsförderung und Ausbau des Gesundheitswesens?
Das Problem ist, dass sie zu eng auf wissenschaftliche Methoden abzielen. Letztlich lassen sie alles in den Händen von Ärzten und der Pharmaindustrie. In Entwicklungsländern ist das aber falsch. Wir müssen schnell und massenhaft Menschen erreichen, haben aber nicht genug Ärzte – unter anderem, weil so viele in reiche Länder abwandern, wo sie mehr Geld verdienen können. Vorrang muss also möglichst breite Wirkung an der Basis haben.

Was schlagen Sie vor?
Sie müssen die Betroffenen einbeziehen sowie die Menschen, die sich traditionell um ihre Genesung kümmern. Traditionelle Hebammen können sehr wichtig sein, wie ich in Ihrer Zeitschrift vor einigen Jahren ausgeführt habe. Es ist wichtig, sie auszubilden, sie regelmäßig fortzubilden und ihnen modernes Wissen zu vermitteln. Die Leute müssen wissen, was der Gesundheit nutzt und was ihr schadet. Außerdem müssen Ärzte für die Qualität ihrer Dienstleistungen und ihr Verhalten gegenüber Patienten zur Verantwortung gezogen werden. Ihre Verschreibungspraxis muss regelmäßig geprüft werden. Jeder Todesfall in einer Gesundheitseinrichtung sollte öffentlich untersucht werden, und zwar besonders in privaten Krankenhäusern und Kliniken. Es gibt Berichte über private Krankenhäuser, die verstorbene Patienten noch lange in ihren Belegungslisten weiterführten und behaupteten, diese seien noch nicht hirntot gewesen. Die nötigen Reformen könnte ein staatlicher Ombudsmann vorantreiben.

Fordern Sie breit angelegte Aufklärung oder Fachtraining für traditionelle Heiler?
Beides ist nötig. Wenn die Leute nicht wissen, was gesund ist, lassen sie sich nur schwer dazu bringen, vernünftig zu handeln. Diejenigen, die sie am ehesten dazu bringen können, sind aber die Menschen, an die sie sich vertrauensvoll wenden, wenn sie Hilfe brauchen. Krankenschwestern sind wichtig, Sanitäter sind wichtig. Sie verdienen Aufmerksamkeit und sollten unterstützt werden. In Entwicklungsländern sind Gesundheitszentren generell unterbesetzt, also hängen Leben und Genesung von Patienten von jedem einzelnen Mitarbeiter ab. Unsere Vision ist, dass die Dorfbevölkerung Standardprobleme vor Ort löst, sich aber an einen Arzt oder ein Krankenhaus wendet, wenn es nötig ist. Wir haben nichts gegen wissenschaftliche Methoden, im Gegenteil. Wir müssen aber auch unseren gesellschaftlichen Kontext verstehen.

Sollte so etwas nicht Thema des Medizinstudiums sein?
Leider berücksichtigen medizinische Fakultäten sozialwissenschaftliche Studien über Gesundheit kaum. Selbst einfache ökonomische Dinge werden ignoriert. Angehende Ärzte sollten lernen, auf Kosten und Pharmapreise zu achten. Das ist für die Steigerung der Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens in armen Ländern wichtig. Generika sind relevant, weil sie billiger als Markenpräparate sind. In Bangladesch haben wir eine Generikaindustrie aufgebaut, die hilft, die Kosten im Griff zu halten. Die WHO könnte mehr tun, um solche Dinge voranzubringen. Natürlich sind medizinische Studien wichtig, aber es ist ebenso wichtig, zu erforschen, wie das Gesundheitswesen billiger gemacht werden kann.

Ist Süd-Süd-Kooperation sinnvoll?
Länder sollten sich gegenseitig über wirksame, kostengünstige Lösungen informieren. In Indien ist Dialyse heute billiger als bei uns, und in Pakistan gibt es sie sogar gratis. Wir können da offensichtlich etwas lernen. Allerdings lassen sich nicht alle Erfolge leicht kopieren. In afrikanischen Ländern mit geringer Bevölkerungsdichte würde beispielsweise unser Konzept der dörflichen Gesundheitszentren nicht funktionieren. Es beruht darauf, dass jedes Zentrum viele tausend Menschen und nicht nur ein paar hundert versorgen kann.

 


Zafrullah Chowdhury ist ein Arzt, der 1971 während des Befreiungskriegs aus Britannien nach Bangladesch heimkehrte. Dort gründete er die zivilgesellschaftliche Organisation Gonoshasthaya Kendra (GK), die im ländlichen Raum Gesundheitsversorgung sicherstellt. Derzeit arbeitet er am Aufbau eines Dialysezentrums im GK-Krankenhaus in Dhaka. Es soll künftig 400 Patienten pro Tag zu erschwinglichen Kosten (15 Dollar pro Termin) versorgen. GK braucht einen Transplantationschirurgen und Nierenfachärzte. Um Unterstützung wird gebeten. Kontaktperson ist Dr. Mohib Ullah Khondoker. [email protected]

 

Links:

Zafrullah Chowdhury über:

die Geschichte von Gonoshasthaya Kendra:
http://www.dandc.eu/de/article/nach-kriegstraumata-foerdert-gonoshasthaya-kendra-das-grundrecht-auf-gesundheit

generische Pharmaproduktion:
http://www.dandc.eu/de/article/generikaproduktion-sichert-die-pharmaversorgung-bangladeshs

traditionelle Hebammen:
http://www.dandc.eu/de/article/lob-der-traditionellen-geburtshelferinnen-bangladesh

 

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