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Online-Unterricht

Digitale Seminare schaffen neue Probleme

von Ipsita Sapra

Hintergrund

Studierende an einem assamesischen College: Die Universitäten bieten jungen Frauen besondere Freiräume, sodass der Präsenzunterricht dem Online-Unterricht vorzuziehen ist.

Studierende an einem assamesischen College: Die Universitäten bieten jungen Frauen besondere Freiräume, sodass der Präsenzunterricht dem Online-Unterricht vorzuziehen ist.

Online-Unterricht wurde während der Pandemie zum Alltag. Für junge indische Frauen bringt das große Herausforderungen mit sich.

Die Covid-19-Pandemie hat Indien im Februar/März 2020 getroffen und im Frühjahr 2021 einen dramatischen Höhepunkt erreicht. Um die Ausbreitung zu verhindern, wurden schon früh alle Bildungseinrichtungen geschlossen. Schulen, Colleges und Universitäten verlegten ihren Unterricht ins Netz. Das hat es vielen Schülern und Studierenden ermöglicht, weiterhin zu lernen, ohne ihr Leben zu riskieren.

Online-Unterricht hatte große Vorteile. Alle Beteiligten investierten weniger Zeit und Geld ins Pendeln. Da die Unterrichtsstunden oft aufgezeichnet wurden, konnten Lernende auch selbständig nachholen, was sie verpasst hatten. Zudem erlaubte die digitale Technik es Lehrerenden und Lernenden weltweit, sich auf eine Weise auszutauschen, die vorher unvorstellbar schien.

Aber Online-Unterricht brachte auch enorme Herausforderungen mit sich. Er hat insbesondere die bereits vorhandenen Ungleichheiten bezüglich Schicht und Geschlecht noch verstärkt. In Indien lebt beispielsweise ein Drittel der Familien in Wohnungen oder Hütten mit nur einem Zimmer – und generell haben Kinder in Entwicklungsländern meist keinen Raum für sich.

Fast 70 Prozent der indischen Bevölkerung leben in Dörfern. Auf dem Land besitzen laut dem National Sample Survey von 2018 nur vier von hundert Familien einen Computer. Nimmt man Stadt und Land zusammen, erhöht sich dieser Anteil auf elf Prozent. Vielleicht sind diese Zahlen mittlerweile leicht gestiegen, sie sind aber mit Sicherheit noch längst nicht auf ausreichendem Niveau.

Außerdem braucht eine Familie mit mehreren Schulkindern oder Studierenden auch mehrere Geräte. Der Zugang dazu hängt typischerweise vom Geschlecht ab:

  • Erstens haben in patriarchalen und nicht geschlechtergerechten Gesellschaften wie Indien die Jungen fast immer den Vortritt.
  • Zweitens konnten 2018 weniger als 13 Prozent der Frauen in Indien einen Computer bedienen, verglichen mit rund 20 Prozent der Männer. Auf dem Land war der Prozentsatz der Frauen, die mit Rechnern umgehen konnten, etwa halb so hoch wie der der Männer. Viele Frauen sind offensichtlich benachteiligt.

Smartphones sind billiger und weit verbreitet. In Indien nutzen heute 500 bis 750 Millionen Menschen solche Handys. Diese hohen Zahlen verbergen allerdings düstere Realitäten. Laut dem Mobile Gender Gap Report 2020 gehören Frauen nur 40 Prozent der Smartphones. Und was die Nutzung angeht, klafft in Indien von allen untersuchten Ländern die größte Lücke zwischen Frauen und Männern. Während Männer ein Smartphone im Schnitt siebenmal pro Woche nutzten (für Textnachrichten und Anrufe et cetera), taten Frauen dies nur viermal. Persönliche Beispiele wie das folgende zeigen die Hürden auf, mit denen Frauen und Mädchen konfrontiert sind:

Die zwanzigjährige Swati studiert an einer renommierten Universität, tut sich aber schwer damit, ihr Studium zu Ende zu bringen. Mit Ausbruch der Pandemie in Indien hat ihre Universität den Präsenzunterricht ausgesetzt. Sie kehrte nach Hause zurück, in der Hoffnung, dort online weiterstudieren zu können. Allerdings erwartete die Familie von einer Frau, dass sie im Haushalt hilft. Da die Männer dies nicht tun, lastet aller Druck auf den Frauen. Wie die meisten indischen Familien besitzt auch Swatis Familie keine Haushaltsgeräte, die die Arbeitslast verringern würden. Neben der anstrengenden Hausarbeit konnte Swati kaum etwas für ihr Studium tun. Ihre Noten verschlechterten sich. Sie erwägt nun, das Studium abzubrechen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Hausarbeit sich in der Pandemie vervielfacht hat, da nun alle Familienmitglieder zusammenleben. Das Lernumfeld ist bei Online-Unterricht für weibliche Personen deutlich schlechter als in Schule und Hochschule.

Was die Lage noch verschlimmert: Wegen Covid-19 ist der Pflegebedarf gestiegen. In den meisten Gesellschaften, so auch in Indien, wird von Frauen erwartet, dass sie sich darum kümmern. Frauen tragen auch die „mentale Last“ der Planung für die Haushaltsführung. Das wirkt sich auf die akademischen Leistungen von Studentinnen aus, die daheim online studieren.

Radhas gesamte Familie wurde positiv auf Covid-19 getestet. Als ihr Vater ins Krankenhaus musste, weinte die Mutter fast ununterbrochen. Im letzten Studienjahr musst sich Radha um beide kümmern und den Alltag der jüngeren Geschwister regeln. Sie hatte eigene Gesundheitsprobleme und konnte sich nicht mehr auf das Studium konzentrieren.

Eine weiterer Nachteil des Online-Unterrichts für Frauen wird weniger beachtet. Er betrifft Studierende aus bildungsfernen Familien. Sie haben hohe Hürden überwunden, um überhaupt an eine Hochschule zu kommen. Mitten im Studium heimzukehren ist problematisch.

Rani war das erste Mädchen aus ihrer Nachbarschaft, das sich an einem College einschrieb. Sie hatte hart dafür gearbeitet. Das erste Jahr verlief gut: Sie lernte viel und bekam Unterstützung von Kommilitonen und Lehrenden. Wegen Covid-19 musste sie auf Online-Unterricht umsteigen. Die informelle, aber wichtige Hilfe nach Vorlesungen und Seminaren blieb nun aus. Zudem setzte sie die Familie unter Druck, wie andere in ihrem Alter zu heiraten. Im Wohnheim war sie außer Sichtweite, aber nun wurden ihre Eltern mit Heiratsanträgen überflutet, die kaum ablehnbar schienen.

Online-Unterricht hat noch eine weitere genderspezifische Schattenseite. UN-Organisationen bezeichnen die zugenommene häusliche Gewalt als „Schattenpandemie“. Besonders schlimm ist es in Gesellschaften, in denen Gewalt gegen Frauen ohnehin verbreitet ist. Viele Mädchen wurden Gewaltopfer oder -zeugin. Angst vor sexueller Belästigung im öffentlichen Raum hält obendrein viele Frauen davon ab, in Cybercafés zu gehen. Viele Studentinnen geben ihre akademischen Bemühungen auf.

Bildungsinstitutionen kennen diese Probleme. Sie haben versucht, die Einhaltung der Lehrpläne zu gewährleisten, und haben pädagogische Optionen in Betracht gezogen. Mehrere Schul- und Hochschulbehörden haben Lehreinheiten reduziert. Die meisten Universitäten haben außerdem die Kurse in synchrone Einheiten (Live-Unterricht mit Dozenten und Studierenden) und asynchrone Einheiten (mit Studierenden im Selbststudium mithilfe von Lernmaterial) aufgeteilt. Universitäten wie das Tata Institute of Social Sciences haben beispielsweise mit ihrem Laptop-Programm Studierende aus sozial schwachen Schichten versorgt. Die Jadavpur-Universität in Kalkutta kaufte für Studierende aus finanziell schwachen Verhältnissen mobile Internetdaten.

Derlei ist wichtig, aber nicht überall üblich. Sie reichen auch nicht. Die Verantwortlichen müssen verstehen, dass um den Bildschirm des virtuellen Hörsaals herum verschiedene Welten koexistieren. Beim derzeitigen Online-Unterricht wird davon ausgegangen, reale und virtuelle Klassenzimmer seien im Prinzip dasselbe. Das stimmt aber nicht. Ein realer Unterrichtsraum schafft trotz Vielfalt und Komplexität unter den anwesenden Personen eine gewisse Gleichheit, in der die alltagstypische Diskriminierung des weiblichen Geschlechts begrenzt wird. Diesen Schutz bietet die digitale Lehre nicht.

Bildungseinrichtungen bieten jungen Inderinnen Räume, in denen sie Freiheit und Gleichheit erleben, die es so in ihren Familien und Gemeinschaften nicht gibt. Das College ist kein Ort wie viele andere auch. Bildungsinstitutionen sind sicher nicht diskriminierungsfrei, aber junge Frauen und Mädchen empfinden sie – im Gegensatz zum Online-Unterricht – als befreiend.

Lehrverantwortliche müssen dies anerkennen und die Situation auf kontextspezifische Weise verbessern. Bildungseinrichtungen müssen geschlechtsspezifische Initiativen ergreifen. Sie sollten beispielsweise das Gespräch mit den Eltern suchen und regelmäßige Beratungsangebote für Lernende und deren Angehörige machen. Alle Möglichkeiten müssen erwogen werden.

Der Staat spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten in der Online-Bildung zu erkennen. Regierungen können viel dafür tun, dass zum Beispiel vorrangig Frauen und Mädchen digitale Geräte und Netzzugang erhalten. Zivilgesellschaftliche Organisationen setzen sich schon lange für Geschlechtergerechtigkeit ein. Jetzt ist es an der Zeit, dieses Engagement auf eine neue Ebene zu heben und die Bildung von Frauen in diesem veränderten Umfeld zu fördern.

Die Pandemie war ein großer Rückschlag. Wir dürfen hart erkämpfte Siege für die Bildung von Frauen und Mädchen nicht wieder aufgeben. Der Weg nach vorn führt über ein besseres Verständnis der Geschlechterdynamik und der sozialen Gerechtigkeit. Kompetente Politik muss die Chancen des Online-Unterrichts nutzen und zugleich seine Risiken einhegen.


Ipsita Sapra ist Vorsitzende der School of Public Policy and Governance am Tata Institute of Social Sciences in Hyderabad, wo sie Soziologie lehrt.
[email protected]

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