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Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Massenmord am eigenen Volk

von Wolfgang Moellers
Auf dem Weg zur Versöhnung in Kambodscha: Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen beginnt. [ Von Wolfgang Möllers ]

Fast 30 Jahre nach dem Schreckensregime der Roten Khmer unter Pol Pot hat Kambodscha mit der Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels seiner Geschichte begonnen. Ein von den Vereinten Nationen unterstütztes Tribunal in der Hauptstadt Phnom Penh zieht die Hauptverantwortlichen für den Massenmord zur Rechenschaft. Die Herrschaft der Roten Khmer hat rund zwei Millionen Menschen das Leben gekostet – umgebracht von den eigenen Landsleuten oder an Hunger, Entkräftung, Krankheit elendig zugrunde gegangen.

Das Tribunal startete nach einem zähen Ringen um Geld, Verantwortung und nationale Empfindlichkeit. Schon 1997 hatte Kambodscha die internationale Staatengemeinschaft um Beistand für einen Prozess gebeten. Erst 2003 war dann das Abkommen zwischen dem Königreich Kambodscha und den Vereinten Nationen zur Einsetzung eines gemeinsamen Tribunals unterschriftsreif. Im Juli 2006 wurden 17 kambodschanische und 12 internationale Richter und Staatsanwälte für ihre Aufgaben an den Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia (ECCC) eingeschworen.

Fünf Mitglieder der Pol-Pot-Clique sind auf dem Tribunalgelände in Untersuchungshaft: Pol Pots Chef­ideologe und Stellvertreter, Nuon Chea, das ehemalige Staatsoberhaupt des damals so bezeichneten „Demokratischen Kampuchea“, Khieu Samphan, Exaußenminister Ieng Sary und dessen Frau Thirith sowie der ehemalige Direktor des Foltergefängnisses Tuol Sleng, Kaing Guek Eav (bekannt als „Duch“). Sie sind im Durchschnitt 76 Jahre alt, nicht bei guter Gesundheit, aber in Ruhe alt geworden. Alle bekunden, sie hätten sich eigentlich nichts zuschulden kommen lassen.

Vieles ist noch ungeklärt und sorgt für negative Schlagzeilen: Historisch, politisch und moralisch erweist sich als Fiasko, dass nicht nur Maos China die Roten Khmer unterstützten, sondern die westlichen Staaten das „Demokratische Kampuchea“ noch zu einer Zeit anerkannten, als die Roten Khmer längst nicht mehr an der Macht waren. Unruhe schaffen auch das schwierige Zusammenspiel von kambodschanischer und internationaler Seite am Tribunal, unsichere Finanzen und politische Einmischung gar von höchster Stelle.

Der Anwalt von „Duch“ hat sich in einer öffentlichen Anhörung beklagt, die Menschenrechte seines Klienten würden durch die Haft verletzt. Die kambo­dschanischen Zuschauer lachten los – in Asien ist das eine typische Verlegenheitsgeste.

Die Zulassung von zivilen Nebenklagen in den Verfahren vor dem Tribunal ist eine zusätzliche Herausforderung. In der Geschichte internationaler Strafgerichtsbarkeit wird damit Neuland betreten. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die überlebenden Opfer der Roten Khmer überwiegend nicht formell organisiert haben. Am ECCC wurde zur Unterstützung dieser Zielgruppe eine „Victims Unit“ geschaffen. Deren Aufgabe ist die umfassende Beratung von Opfern, die einzeln oder kollektiv Nebenklagen eingereicht haben sowie die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, welche ihrerseits Opfer betreuen.


Traumatisierte Nation

Zentrale Frage bleibt, ob und wie das Tribunal zu Frieden und Versöhnung in Kambodscha beitragen kann. Allein kann es keine Versöhnung zwischen Opfern und Tätern bringen. Dagegen spricht schon das mit den Gerichtsverfahren verbundene Ziel, „nur“ die Hauptverantwortlichen der Verbrechen zu bestrafen. Die überlebenden Führungsmitglieder der Roten Khmer leugnen beharrlich die Gewalttaten. Das Tribunal und die öffentliche Debatte darüber reißen aber bei den überlebenden Opfern des Regimes alte Wunden auf.

Nachgeborene, die sich als Traumatisierte der zweiten und dritten Generation bezeichnen lassen, stellen Fragen. Ein Dialog der Generationen würde einem gesellschaftlichen Neuanfang tatsächlich dienen.

Aufklärung ist nötig – und hier setzt der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) in Kambodscha an. Das aus rund zehn Fachkräften bestehende Programm des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) ist zusammen mit seinen kambodschanischen Partnerorganisationen auf das Thema „Versöhnung im Umfeld des Khmer Rouge Tribunals“ ausgerichtet. Diskussionsveranstaltungen im ganzen Land, Gerichtsbesuche für die Öffentlichkeit, Rechtsberatung, psychologische Betreuung für Opfer und aussagewillige Täter der unteren Ränge, Aufklärung für Jugendliche und der Umgang der Medien mit diesem Ereignis bilden Schlüsselelemente.

Seit dem Ende des Khmer-Rouge-Terrors 1979 hat es in Kambodscha keine ernsthafte Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben. Mit internationaler Hilfe investiert die kambodschanische Regierung viel Kraft in den wirtschaftlichen Aufbau des Landes. Die Versöhnung von Opfern und Tätern des Khmer Rouge Re­gimes blieb dagegen auf nationaler Ebene unterbelichtet.

An kambodschanischen Schulen gibt es bis heute keinen Geschichtsunterricht über die Khmer Rouge. Viele junge Kambodschaner fragen sich, warum der ­systematische Massenmord überhaupt stattgefunden hat und wer dafür verantwortlich war. Viele können einfach nicht glauben, dass Kambodschaner eigene Landsleute grausam umgebracht haben. Jugendliche wissen nicht, wie sie die widersprüchlichen Angaben ihrer Eltern und Großeltern verstehen sollen. Ihre Reaktionen reichen von Faszination und Neugierde bis hin zur Leugnung der Gräueltaten.

Junge Menschen sind in Kambodscha auf Erzählungen angewiesen, wenn sie etwas über die Vergangenheit erfahren wollen. Viele Überlebende wollen jedoch nicht erinnert werden, Opfer sind nicht bereit, über Leid und Emotionen zu sprechen. Ehemalige Täter hüllen sich in Schweigen oder rechtfertigen sich auf fragwürdige Weise. Im Bürgerkrieg vor 1975 und nach 1979 wurden viele Menschen sowohl zu Tätern als auch zu Opfern.

Die heutigen Eltern und Großeltern sind in einer Zeit aufgewachsen, die geprägt war von Gewalt. Familien wurden auseinandergerissen, es herrschte brutaler psychischer und physischer Terror. Viele Überlebende sind traumatisiert. Dies äußert sich unter anderem in häuslicher Gewalt, Jugendgewalt und politischer Gewalt. Immerhin macht die inzwischen wieder sehr lebendige buddhistische Religion den Menschen mit ihrer Lehre des Gewaltverzichtes und der Überwindung negativer Affekte einige Angebote. Ausgebildete Psychologen, geschweige denn Trauma-Therapeuten, sind in Kambodscha sehr selten.

Das Tribunal ist die eine Seite der Medaille. Mit Gerichtsverfahren allein kann aber kein Trauma überwunden werden. Auf der Kehrseite geht es vor allem darum, wie Opfer, Mitläufer und Schuldige von damals zusammenleben können. Im Mittelpunkt steht, den gesellschaftlichen Dialog über Versöhnung und Gerechtigkeit in Kambodscha zu fördern und damit langfristig auch die Ausübung demokratischer Rechte wie Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheit sowie die Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen weiter zu entwickeln. Dies braucht einen langen Atem – lohnt sich aber auf Dauer.