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Kommentar

Nach dem Beben

von Katrin Radtke
Anfang Januar erschütterte das schwerste Erdbeben seit 200 Jahren mit einer Stärke von 7,2 auf der Richterskala Haiti. Das Epizentrum lag rund 25 Kilometer von der Hauptstadt Port-au-Prince entfernt. Die Schäden waren verheerend: Laut Haitis Regierung kamen rund 200 000 Menschen ums Leben, weitere 250 000 wurden verletzt und 1,5 Millionen obdachlos. In einigen Orten wurden 90 Prozent der Gebäude zerstört. [ Von Katrin Radtke ]

Ähnlich wie der Tsunami 2004 löste das Erbeben weltweit eine große Welle der Solidarität aus. Zusagen für Finanzielle Unterstützung reichten von Äquatorialguinea über Botswana bis hin zu den Vereinigten Staaten – und näherten sich in kürzester Zeit der Milliardengrenze. 420 Millionen Euro versprach allein die Europäische Kommission. Auch nichtstaatliche Organisationen verbuchten Rekordspendeneinnahmen.

Die Hilfe lief zwar schnell an, aber es dauerte, bis die Bevölkerung davon profitierte. Schon bald berichteten die Medien über soziale Unruhen und Plünderungen, und erste Kritik an der „chaotischen Organisation der Hilfe“ wurde laut. War diese Kritik gerechtfertigt? Momentan lässt sich das noch nicht sagen. Sicher ist, dass sie teilweise voreilig war. Viele der Beteiligten haben aus Fehlern beim Tsunami gelernt.

Die Lage in Haiti ist generell desolat, Versorgungsengpässe sind daher kein Wunder. Auf dem Flughafen von Port-au-Prince können täglich maximal 120 Flugzeuge landen. Der Hafen wurde schwer beschädigt, die Stadt ist nur über zwei größere Straßen erreichbar. Dort bewegt man sich zwischen Trümmern fort. Kommunikationsnetze kollabierten, Gebäude und Infrastruktur zahlreicher Hilfsorganisationen, die schon vor dem Erdbeben im Land waren, brachen zusammen. Viele Mitarbeiter wurden verletzt, verloren Angehörige und sind teils schwer traumatisiert.

Schon vor dem Erdbeben war die Regierung kaum handlungsfähig. Umso weniger ist sie nun in der Lage, die Katastrophe zu bewältigen. Unter diesen Bedingungen verlief die Organisation der Nothilfe erstaunlich gut.

Anders als nach dem Tsunami begannen in Haiti die Koordinierungsmaßnahmen der Hilfe sehr schnell. Schon in den ersten Tagen nach dem Beben wurden am Flughafen von Port-au-Prince Zelte für die von der UN organisierten sektorspezifischen Cluster-Meetings aufgestellt. Auch deutsche Organisationen stimmen sich diesmal besser ab. Das Technische Hilfswerk organisiert regelmäßige Treffen in der deutschen Botschaft und vertritt zugleich die deutschen Organisationen in den diversen Meetings. Deutschland legte schnell eine Region fest, die es unterstützt: Die extrem zerstörte, rund 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince im Epizentrum des Bebens gelegene Kleinstadt Léogane. Man wird sehen, ob diese regionale Schwerpunktbildung sinnvoll ist.

In Haiti geht es nicht nur um den Wiederaufbau von Gebäuden und Infrastruktur – es geht um Staatsaufbau. Um die Nachhaltigkeit der Hilfsmaßnahmen zu gewährleisten, müssen daher jetzt zügig Strategien entwickelt werden, die Nothilfe, Wiederaufbau und langfristige Entwicklung miteinander verzahnen. Das kann nur in enger Kooperation mit der Bevölkerung Haitis bewältigt werden.

An der Tsunami-Hilfe wurde vor allem kritisiert, dass man die Betroffenen zu wenig einbezogen und vorhandene Strukturen teils einfach ersetzt hat. Es gibt Anzeichen dafür, dass dieser Fehler in Haiti wiederholt wird. Der haitianische Präsident, René Préval, hat sich schon darüber beschwert, dass seine Regierung nicht in die Abstimmung der Hilfsmaßnahmen eingebunden werde und die Hilfe direkt an ausländische Organisationen gehe.

Auch auf kommunaler Ebene fällt es vielen Hilfsorganisationen noch schwer, lokale Partner zu finden. Die Verwaltungsstrukturen sind zum Teil stark ramponiert und die lokale Zivilgesellschaft hat kaum die nötigen Kapazitäten.

Die Beteiligung der lokalen Bevölkerung ist aber zentral für Erfolg und Nachhaltigkeit der Maßnahmen. Schon jetzt müssen entsprechende Strategien und lokale Selbsthilfekapazitäten entwickelt werden. Das wird – angesichts der schwachen Staatlichkeit und des geringen zivilgesellschaftlichen Organisationsgrads – die Hauptherausforderung der nächsten Monate sein. Gelingt dies, kann das Erdbeben für Haiti auch eine Chance sein.