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Fundamentalistische Vielfalt

Widerstreitende Islamismen

von Maysam Behravesh

Meinung

Der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu besucht Emir Tamim bin Hamad Al Thani  am 14 Juni 2017 in Doha.

Der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu besucht Emir Tamim bin Hamad Al Thani am 14 Juni 2017 in Doha.

Einige arabische Staaten haben die diplomatischen Beziehungen mit Katar und sogar den Handel abgebrochen. Dass arabische Länder gemeinsam einen kleinen Nachbarn boykottieren, ist neu. Unterschiedliche Ansichten darüber, welche Art von Islamismus legitim sind, tragen zu den Spannungen bei.

Auf den ersten Blick mag der aktuelle Streit wie die üblichen Streitereien zwischen Sunniten und Schiiten erscheinen, die es seit Jahrhunderten gibt. Diesmal werden aber alle beteiligten Staaten von Sunniten regiert – und sie sind sich uneins darüber, welche Islamisten als Extremisten bekämpft werden müssen. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten lehnen Katars Haltung dazu ab. 

Das Weltbild der Saudis bestimmt der rückwärtsgewandte Wahhabismus, der den Status Quo erhalten will. Es handelt sich um eine puritanische Auslegung des Islam, mit der Riad schon lange die Staatsmacht und die Herrschaft der Saud-Familie festigt.

Die Saudis finanzieren schon lange Missionare, die ihren Fundamentalismus in der gesamten muslimischen Welt predigen. Die Ideologie hat noch radikalere Ableger hervorgebracht – von verschiedenen Formen des Salafismus, dessen Anhänger so leben wollen wie der Prophet vor 1400 Jahren, bis hin zu Terrororganisationen wie Taliban, Al Kaida und ISIS. Einige dieser Gruppen wenden sich mittlerweile gegen Saudi-Arabien, weil sie den Machtmissbrauch des Königshauses und dessen westliche Verbündete abstoßend finden. 

Katar ist auch keine Demokratie, aber die Monarchen dieses Landes haben ein pluralistischeres Verständnis von Islam. Sie ermutigen die Debatte zwischen verschiedenen Strömungen, und der Sender Al Jazeera lässt das in sein internationales Programm einfließen. Es stört die Machthaber anderer arabischer Länder schon lange, dass die Redaktionen in Doha ein breites Publikum erreichen. 

Während die Saudis nur Wahhabiten und diverse Ableger fördern, unterstützt Katar unterschiedliche islamistische Strömungen – sowohl revolutionäre als auch reformorientierte. Viele davon sind auf irgendeine Weise mit den Muslimbrüdern in Ägypten verwandt. Dort entstand die Bruderschaft im antikolonialen Kampf in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre angestammte Haltung gegenüber staatlicher Macht ist Opposition, und sie haben sich nie an Saudi-Arabien orientiert.

Nach ihrem Vorbild entstanden ähnliche Gruppen in vielen Ländern. Zu ihren Verwandten zählen heute unter anderem die türkische AKP, die tunesische Ennahda und die palästinensische Hamas.

Katars Haltung zum Islamismus ist auf die Zukunft ausgerichtet und lehnt Wandel nicht grundsätzlich ab. In dieser Hinsicht gibt es Gemeinsamkeiten mit dem schiitischen Islam der iranischen Revolution. Dohas Beziehungen zu Teheran sind denn auch seit langem deutlich besser als Riads.

Im arabischen Frühling unterstützte Katar Proteste in der gesamten Weltregion. Davon profitierten beispielsweise die Muslimbrüder in Ägypten und  Ennahda in Tunesien. Den Saudis machten die revolutionären Bewegungen dagegen Angst. Sie stemmten sich mit viel Geld, politischem Einfluss und militärischer Macht dagegen. Als Ägyptens Generäle im Juli 2013 den zum Präsidenten gewählten Muslimbruder Mohamed Mursi stürzten, war das aus Sicht von Al Jazeera ein Militärputsch. Auf Saudi-Arabiens Al Arabiya war dagegen von einer vom Volk unterstützten Revolution die Rede.

Heute bietet Doha einflussreichen Muslimbrüdern Asyl. Ein prominentes Beispiel ist der ägyptische Theologe Yusuf al-Qaradawi. Ihren abrupten Beschluss, Katar zu isolieren, begründete die von Saudi-Arabien angeführte Staatengruppe damit, Doha unterstütze diverse terroristische und sektenhafte Gruppen, welche die Region destabilisierten. Dazu gezählt wurden die ägyptischen Muslimbrüder, Al Kaida in Syrien, ISIS und schiitische Gruppen im Irak sowie der saudischen Provinz Qatif. Dabei wurde auch Kooperation mit Iran vermutet.

Es gibt große ideologische Differenzen zwischen Katar und der Türkei einerseits und Saudi-Arabien und seinen Verbündeten andererseits. Sie haben aber auch gemeinsame geostrategische Interessen. Deshalb sind Entspannung und neue Annäherung durchaus möglich.


Maysam Behravesh ist Doktorand in Politikwissenschaft an der Universität Lund in Schweden.
[email protected]

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