D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Finanzielle Inklusion

Indische Bauern brauchen Banken

von Laura Ceresna

Hintergrund

Field work in Karnataka

Field work in Karnataka

Im indischen Bundesstaat Karnataka arbeiten öffentliche Banken und andere staatliche Institutionen daran, Finanzdienstleistungen in die Dörfer zu bringen. Es gibt zwar Fortschritte, aber die Bauern sind noch zu häufig von traditionellen Geldverleihern abhängig. [ Von Laura Ceresna ]

Zwischen Januar 2008 und November 2009 begingen 535 Bauern im indischen Bundesstaat Karnataka Selbstmord. Die meisten hatten hohe Schulden bei traditionellen Geldverleihern, die exorbitante Zinsen verlangen. Indiens Bankwesen muss für Bauern zugänglich gemacht werden und ihnen Alternativen zu diesen Kredithaien anbieten.

Die meisten Inder leben in ländlichen Gebieten, meist ohne Zugang zu regulären Banken. Die Reserve Bank of India schätzt, dass um die Jahrtausendwende fast die Hälfte der städtischen Bevölkerung Bankdienstleistungen in Anspruch genommen hat, während es auf dem Land weniger als ein Drittel war. Bauern gehören zu jenen Menschen, die am wenigsten Zugang zu Finanzdienstleistungen haben. Es gibt nur eine einzige Bankfiliale für je 18 Dörfer. Um dorthin zu gelangen, legen manche Dorfbewohner eine Tagesreise zurück. Neben den Kosten für die Anfahrt verlieren sie dabei einen ganzen Arbeitstag.

Um diese Zustände zu verbessern, rief die Nationale Bank für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (NABARD) bereits 1992 ein Programm ins Leben, in dem Banken mit Mikrofinanzgruppen zusammengebracht werden – und zwar sehr erfolgreich. Im März 2008 hatte NABARD bereits Kontakt zu 3,4 Millionen Mikrofinanzgruppen und erreichte 55,5 Millionen arme Haushalte. Allein in Karnataka plant NABARD für das Steuerjahr 2008/2009 die Förderung weiterer 30 000 Gruppen. Zudem wurden einkommensfördernde Maßnahmen in das Programm aufgenommen. Frauen sind die Hauptzielgruppe.

Im Jahr 2005 begannen die indische Regierung und die Reserve Bank of India ein eigenes Programm zur finanziellen Inklusion. 50 Prozent der indischen Bevölkerung sollen bis 2012 Zugang haben, drei Jahre später sollen es hundert Prozent sein. Die Idee ist, Bankdienstleistungen ohne unnötige Extras günstig anzubieten. Durch unterschiedliche Zinssätze können Banken finanzschwachen Kunden Kredite zu einem Zinssatz von vier Prozent vergeben. Zu dem Programm gehört auch die Stärkung ländlicher Kooperativen und die Restrukturierung der regionalen ländlichen Banken.

Auch auf Bundesebene tut sich etwas. Jeder ländliche Distrikt von Karnataka hat eine „Lead Bank“ dazu ernannt, die lokalen Banken zu koordinieren und das Programm zur finanziellen Inklusion umzusetzen. Den „Lead Banks“ zufolge hat in Karnataka schon heute jeder Zugang zum Bankwesen. Das ist allerdings etwas übertrieben.

Einige Banken arbeiten mit Bankagenten und lokalen Vermittlern. Partner – NROs oder lokale Behörden, wie etwa Postfilialen – vertreten die Banken. Mit Hilfe dieses Modells hat die Syndicate Bank, die das Komitee der auf Bundesebene arbeitenden Banker einberuft, innerhalb von zwei Jahren drei Millionen Nullsaldenkonten eröffnet. Dazu wird moderne Technologie genutzt: tragbare Terminals, Mobiltelefone, Identifikation über biometrischen Fingerabdruck und stimmgeleitete Transaktionssysteme. So sind Transaktionen auch in abgelegenen Gebieten möglich.

Es ist zudem wichtig, die Armen auf dem Land über Möglichkeiten und Funktionieren von Bankdienstleistungen zu informieren und sie zu ermutigen, diese auch zu nutzen. Die Regierung von Karnataka hat Schuldenhilfe für Distrikte mit hoher Verschuldung eingeführt. Zudem hat sie Zentren gegründet, die Grundwissen zu Finanz- und Kreditfragen vermitteln und Bauern fortbilden. Bauernvereine helfen bei der Kreditberatung und informieren über Technologie und Produktionssteigerung.

Anhaltende Herausforderungen

Dennoch haben die Armen auf dem Land immer noch mit vielen Problemen zu kämpfen. Das zeigte eine Studie der NRO Cividep in zwei ländlichen Distrikten Karnatakas. Die Mehrheit der befragten Bauern gab an, Bankdienstleistungen zu nutzen. Die meisten von ihnen hatten Agrarkredite beantragt. Sie beklagten aber, dass die Banken andere dringende Kreditbedürfnisse nicht berücksichtigten, etwa medizinische Notfälle oder Familienereignisse wie Hochzeiten oder Beerdigungen. Daher wenden sich immer noch viele Bauern an traditionelle Geldverleiher. Weitere Gründe dafür sind:
– geographische Benachteiligung,
– Schulden bei Geldverleihern,
– Unwissenheit über den Ablauf einer Kreditaufnahme sowie
– fehlende Papiere / mangelnde Dokumentation.

In Karnataka verlangen Geldverleiher Zinsen von etwa drei Prozent im Monat – das sind mehr als 40 Prozent im Jahr. Es ist sehr schwierig, derartige Zinsen zu bezahlen und den Kredit zu tilgen. Viele Bauern schaffen es nicht.

Ein Ernteausfall ist ein Desaster für Bauern, die nicht versichert sind. Bauern, die ihren Zahlungsverpflichtungen bei den Banken nicht nachkommen, erhalten keine weiteren Kredite. Das zwingt sie dazu, sich an informelle Kreditquellen zu wenden.

Wenn Geldverleiher ihr Geld nicht zurückbekommen, üben sie massiven Druck aus. Das geht bis hin zu Todesdrohungen gegen die Schuldner und ihre Familien. Zugleich ist es ein enormes soziales Stigma, wenn ein Bauer seinen Kredit nicht zurückzahlen kann. Wie die Bauern selbst sagen, zehrt das am Selbstwertgefühl und schafft psychischen Stress: Viele von ihnen begehen aus diesen Gründen Selbstmord.

Noch ist finanzielle Inklusion im ländlichen Karnataka keine abgeschlossene Mission. Um die Lage zu verbessern, ist es unabdingbar, dass staatliche und nichtstaatliche Akteure zusammenarbeiten. Die Bauern müssen auch über Agrarkredite hinaus Zugang zu Krediten erhalten. Die staatlichen Banken müssen verlässlicher werden und ihre Dienste schneller als bisher zur Verfügung stellen. In Karnataka bot im Jahr 2009 nur eine einzige Privatbank Dienstleistungen für die arme Landbevölkerung an. Die meisten Banken scheuen wegen der geringen Profitabilität davor zurück. Die enge Zusammenarbeit von NABARD mit Selbsthilfegruppen ist ein nachahmenswerter Ansatz.

In der Vergangenheit erließen verschiedene indische Regierungen ausstehende Schulden an staatliche Banken. Diese Politik war destruktiv, da sie die Bereitschaft der Menschen unterlief, geliehenes Geld an öffentliche Banken zurückzuzahlen. Was gebraucht wird, ist ein Kredit-Tauschsystem, das den Bauern hilft, sich aus der Abhängigkeit von traditionellen Geldverleihern zu lösen.