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Ebola und Covid-19

Erfahrungen mit Ebola und Covid-19

von Mesfin Teklu Tessema

Hintergrund

IRC-Mitarbeiter beim Ablegen ihrer Schutzkleidung während des Ebola-Ausbruchs in Goma 2019.

IRC-Mitarbeiter beim Ablegen ihrer Schutzkleidung während des Ebola-Ausbruchs in Goma 2019.

Im Kampf gegen tödliche Seuchen sind nicht allein Impfstoffe und Medikamente wichtig. International Rescue Committee (IRC) weiß aus Erfahrung, dass für funktionierende Gesundheitskampagnen ein ganzheitlicher Ansatz nötig ist.

Vor mehr als sieben Jahren wütete eine Ebola-Epidemie in Zentral- und Westafrika. In Sierra Leone, Liberia und Guinea starben mehr als 11 000 Menschen (siehe Shecku Mansaray im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2020/02). Nur zwei Jahre später, 2018, gab es einen neuen Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Mehr als 2 200 Menschen starben. Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization – WHO) erklärte den Ausbruch im November 2020 für beendet, doch die Freude währte kurz: Anfang 2021 gab es wieder Fälle in der DRK und Guinea.

Der erneute Ebola-Ausbruch in der DRK wird durch die Corona-Pandemie erschwert. Anfang Mai meldete die WHO fast 30 000 bestätigte Fälle und 768 Tote. Testmöglichkeiten sind begrenzt, die realen Zahlen dürften weitaus höher sein. Verschärft werden die Probleme durch anhaltende Konflikte und die wachsende Sorge um die Lebensmittelsicherheit. Die Lockdowns wegen der Pandemie haben die Hungersnot verschärft, die Lebensmittelpreise sind gestiegen. Schon vor Corona lebten mehr als 60 Prozent der Menschen in der DRK in Armut, und jeder Vierte – insgesamt 19.6 Millionen Menschen – war von humanitärer Hilfe abhängig. Dass es jetzt einen Impfstoff gegen Ebola gibt, ist gut, aber unter schwierigen Umständen bedarf es weit mehr, um die Krankheit einzudämmen.

Wenn die Lage sehr schwierig ist, unterstützen diverse internationale NGOs – so IRC – Menschen in Not mit lebensrettenden Maßnahmen. Zum Beispiel helfen wir dem lokalen Gesundheitssystem, indem wir:

  • Infrastruktur verbessern,
  • Gesundheitspersonal schulen,
  • die Pharmalieferkette stärken,
  • Gesundheitsinformationsmanagement und Krankheitsüberwachung verbessern,
  • bei der Eindämmung von Ausbrüchen wie von Ebola und Covid-19 durch Maßnahmen zur Infektionsprävention und -kontrolle helfen.

Wichtig sind auch Programme zur Reduzierung von Konflikten und für wirtschaftlichen Wiederaufbau sowie Unterstützung von Überlebenden von Gewalt.


Sechs zentrale Erkenntnisse

IRC führt in mehr als 30 Ländern Gesundheitsprogramme durch und hat umfassende Erfahrung im Umgang mit dem Ausbruch von Krankheiten – unter anderem mit Covid-19, Ebola, Cholera und Masern. Sechs zentrale Erkenntnisse gelten für Impfkampagnen in Konfliktregionen:

  • Koordiniertes Handeln über Grenzen hinweg: Eine globale Pandemie kann nicht bekämpft werden, wenn jedes Land eine eigene Strategie verfolgt. Regierungen, UN-Agenturen, Forscher, Privatsektor und NGOs müssen zusammenarbeiten und sich austauschen. Bei Covid-19 wie bei Ebola sollten Regierungen an gemeinsamen Impfprogrammen arbeiten und zudem Maßnahmen ergreifen, die Migranten, vulnerable Bevölkerungsgruppen und Menschen auf der Flucht einbeziehen – unabhängig von ihrem legalen Status. Im Umgang mit Polio in Ostafrika wurde deutlich, dass Kooperation mit grenzübergreifenden Agenturen zentral ist. Neben Impfstoffen und Medikamenten sind auch andere lebensrettende humanitäre Dienste wichtig, um die Pandemie zu bekämpfen.
  • Digitale Systeme: Digitale Ressourcen werden immer bedeutender, in der medizinischen Versorgung wie im Umgang mit Krankheitsausbrüchen und Impfkampagnen. In Uganda und Somalia konnte Gesundheitspersonal über die mobile Plattform mReach den Impfstatus von Kindern abrufen und handeln, wenn sie eine Dosis nicht bekommen hatten. Geocoding und Karten machen es auch einfacher, den Impfstatus Erwachsener nachzuverfolgen und sie an Termine zu erinnern.
  • Psychische Gesundheit: In der DRK und andernorts haben wir gesehen, dass die psychische Gesundheit von Menschen schwer geschädigt werden kann, wenn Krankheit, Furcht und Angst zum Alltag gehören. Die Menschen sorgen sich um ihre Zukunft und ihr Überleben. Durch die Lockdowns – Erwachsene konnten nicht zur Arbeit und Kinder nicht zur Schule gehen – kamen Ohnmachtsgefühle hinzu. Wir haben auch erlebt, wie Ebola-Überlebende und ihre Familien stigmatisiert und sozial isoliert wurden. Ähnliches gab es im Zusammenhang mit Covid-19 auch, als sich Falschinformationen und Angst verbreiteten. Psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung müssen daher schon zu Beginn von Krisen eine Kernkomponente medizinischen Handelns sein.
  • Ungleichheit der Geschlechter: Männer und Frauen sind von Krisen unterschiedlich betroffen. Frauen übernehmen oft Betreuungsaufgaben, auch ist die Mehrheit der globalen Gesundheitsfachkräfte weiblich. Somit sind Frauen ungleich stärker exponiert. Auch sind Frauen und Kinder in Krisen oft mehr Gewalt ausgesetzt. Tatsächlich stellte IRC eine Schatten-Pandemie geschlechtsspezifischer Gewalt in den Rohingya-Flüchtlingslagern in Bangladesch fest. Jetzt, wo Corona-Impfstoffe auf dem Markt sind, macht Impfsicherheit Umfragen zufolge Frauen mehr Sorgen als Männern – wohl auch wegen der Falschinformation, dass Impfstoffe unfruchtbar machen können.
  • Gemeinschaften einbeziehen: In der Ebola-Hochphase wurden Gemeinschaften und Individuen meist außen vor gelassen. Sie wurden nur minimal über die Krankheit, deren Prävention und Behandlung informiert. Fehlinformationen, verbunden mit einem Misstrauen gegenüber der Regierung und Behörden allgemein (inklusive der UN), florierten, und so konnte sich die Krankheit weiter ausbreiten. Leider wurden im Umgang mit Covid-19 ähnliche Fehler gemacht – Behörden verbreiteten mehrdeutige Botschaften und untergruben so das öffentliche Vertrauen. Für einen effektiven Umgang sind verlässliche Informationen zwingend. Experten für öffentliche Gesundheit müssen daher evidenzbasiertes Wissen und klare Orientierungshilfen bereitstellen. Jede Kommunikationsstrategie muss zudem den lokalen Kontext berücksichtigen. Menschen kommen auf verschiedenen Wegen an Informationen – und gerade in Krisengebieten ist das Misstrauen groß. Ein One-size-fits-all-Ansatz funktioniert bei einer weltweiten Pandemie nicht. Um Covid-19 unter Kon­trolle zu bringen, ist es entscheidend, lokale Autoritäten von Impfkampagnen und dergleichen zu überzeugen.
  • Gesundheitsversorgung an der Basis stärken: Selbst während die globale Gemeinschaft auf dringende Bedürfnisse der Gemeinschaften reagiert, muss in die grundlegende Gesundheitsversorgung investiert werden. In vielen einkommensschwachen Ländern ist die Infrastruktur im Gesundheitswesen schlecht und ein Mangel an Ausrüstung und qualifiziertem Gesundheitspersonal weit verbreitet. Oft sind Kühlketten und Lagerkapazitäten begrenzt, sodass mehr als ein Drittel der Impfdosen verderben. Um einen glatten Ablauf von Covid-19-Impfkampagnen zu ermöglichen, muss gewährleistet werden, dass die Dosen sicher und effektiv auch in die entlegensten Gebiete transportiert werden können. Die COVAX Facility, die einen gerechten Zugang zu Covid-19-Impfstoffen ermöglichen soll, schätzt, dass es mindestens 3 Milliarden Dollar kosten würde, nur 20 Prozent der Menschen in den 92 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen mit Impfstoffen zu versorgen. Zudem sind Investitionen nötig, um Gesundheitspersonal an vorderster Front zu schulen und zu unterstützen. Im vergangenen Jahr hat IRC weltweit fast 30 000 medizinische Fachkräfte inklusive Gemeindegesundheitshelfer geschult. Sie sind relevant für lebensrettende Gesundheitsdienste für gut 30 Millionen Menschen in 32 konfliktgeplagten Ländern.

Es gibt keine magische Formel zur Beendigung einer Pandemie, aber wir wissen, dass die Corona-Pandemie „für niemanden endet, solange sie nicht für jeden endet“. Die internationale Gemeinschaft muss die Lektionen aus der Vergangenheit beachten und zusammenarbeiten, um effizient und fair auf die aktuelle Pandemie zu reagieren.


Mesfin Teklu Tessema ist Arzt und leitet die Abteilung Gesundheit des International Rescue Committee (IRC).
[email protected]
www.RESCUE-DE.org

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