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Ebola

Fünf Jahre danach

von Shecku Mansaray

Hintergrund

Ebola-Patientin in Sierra Leone Anfang 2015.

Ebola-Patientin in Sierra Leone Anfang 2015.

Der Ebola-Ausbruch von 2014/2015 hat sich verheerend auf Sierra Leone ausgewirkt. Einige Lehren wurden zwar gezogen, aber ob das Land wirklich auf eine schwere Gesundheitskrise vorbereitet ist, steht dahin. Es ist furchterregend, sich vorzustellen, welchen Schaden das neue Coronavirus auslösen könnte, sollte es sich als gefährlicher als bisher gedacht erweisen.

Sierra Leone teilt sich die Region des Mano-Flusses mit Liberia und Guinea. Unsere drei Länder sind soziokulturell so eng miteinander verbunden, dass die anderen beiden krank werden, wenn eines niest.

In den 1990er Jahren schwappte Liberias Bürgerkrieg über die Grenze, und daraufhin tobten brutale Kämpfe elf Jahre lang in Sierra Leone. Die nächste Krise war der Ebola-Ausbruch. Er ging 2013 von Guinea aus, und die ersten Fälle wurden im März 2014 in Sierra Leone diagnostiziert. Erst nach 20 langen Monaten konnte das Land im November 2015 als ebolafrei erklärt werden.

Laut Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization – WHO) tötete Ebola in unseren drei Staaten 11 323 Menschen. Da nicht alle Infektionen erfasst wurden, liegt die wahre Zahl vermutlich höher. Die WHO schätzt, mehr als 17 000 Patienten hätten überlebt. Allerdings darf ihr Leid nicht unterschätzt werden: Viele haben auf Dauer Behinderungen, sind verwaist oder verwitwet. Die meisten sind ärmer als zuvor. Alle sind traumatisiert, und das gilt auch für ihre Familien und Nachbarn. Obendrein wurde die gesamte Bevölkerung stigmatisiert, denn unsere Weltregion wurde praktisch unter Quarantäne gestellt – mit gravierenden ökonomischen Folgen.

Ebola war in Sierra Leone zuvor unbekannt. Frühere Ausbrüche ereigneten sich in fern gelegenen Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo. In unserer Weltgegend war das Gesundheitswesen schon immer schwach, und sein Personal kannte weder die Symptome von Ebola, noch wusste es, wie die Krankheit behandelt und vermieden werden kann. Anfänglich hieß es, fast 100 Prozent der Kranken würden sterben. Wir fühlten uns, als stehe unser Tod unmittelbar bevor.

Ebola kam über durchlässige Grenzen nach Sierra Leone. Viele Menschen reisen regelmäßig zum Gelderwerb in ein Nachbarland; andere haben Verwandte dort. Auf der Suche nach Erwerbschancen überqueren arme Menschen, die von der Hand in den Mund leben, regelmäßig die Grenzen.

Unsere schlecht ausgerüsteten Gesundheitseinrichtungen liegen meilenweit voneinander entfernt. Die Menschen begannen sie aus Angst vor Ebola-Infektionen zu meiden. Nachdem die ersten Ärzte und Krankenschwestern gestorben waren, begann den Gesundheitszentren – egal ob staatlich, privat oder wohltätig – das Personal auszugehen. Die Regierung ordnete sogar die Schließung an (siehe Kasten nächste Seite). Einige religiös motivierte Zentren arbeiteten aber tapfer weiter.

Die Ebola-Epidemie hatte auch indirekte Folgen. Das UN-Entwicklungsprogramm (UN Development Programme – UNDP) stellte 2015 fest: „Sie unterbrach das gesellschaftliche Leben und wirtschaftliche Aktivitäten mit schwerwiegenden Folgen für Familieneinkommen sowie Volkswirtschaften insgesamt.“ Der psychologische Stress verschärfte derweil Gefühle von Hilflosigkeit.

Sierra Leones Regierung war offensichtlich überfordert. Der Gesundheitsminister spielte die Krise zunächst herunter und wurde später entlassen. Der Präsident richtete das National Ebola Response Committee (NERC) ein, das von einem pensionierten Offizier geleitet wurde. Bis das Komitee ernsthaft arbeitete, hatte sich Ebola im ganzen Land ausgebreitet. Nach einiger Zeit erwies sich das NERC dann aber als wirkungsvoll. Wichtige Erfolgsfaktoren waren:

  • Die internationale Staatengemeinschaft reagierte zwar erschreckend langsam auf den Ebola-Ausbruch, dann kamen aber im großen Stil Geld und ausländische Fachleute ins Land.
  • Das NERC und seine Unterorganisation auf der Distrikt-Ebene arbeiteten einerseits mit militärischer Disziplin, nahmen andererseits aber mit einem partizipativen Ansatz alle relevanten Parteien mit an Bord.
  • In acht Distrikten wurde ein Aktionskonzept mit breiter öffentlicher Beteiligung gewählt, und dort begann die Zahl der Neuinfektionen zu sinken.

Im Rückblick ist klar, dass der offene und partizipative Ansatz gut war. Alle, die den Mut, die Energie und die Ressourcen hatten, um im Kampf gegen die Seuche mitzumachen, waren involviert. Gute Ideen verbreiteten sich schnell unter Gesundheitsprofis, Sozialarbeitern, zivilgesellschaftlichen Organisationen, religiösen Führungspersönlichkeiten, Sicherheitskräften, Behörden und Freiwilligen aus allen Schichten. Den Sieg über Ebola kann keine Institution allein für sich beanspruchen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen übernahmen besonders Verantwortung. So gelang es beispielsweise zehn örtlichen Partnerorganisationen von Brot für die Welt, mehr als 4000 junge Leute als Freiwillige zu mobilisieren. Auf der Graswurzelebene war Vertrauen essenziell. Die Menschen mussten dazu gebracht werden, Ebola-Regeln zu befolgen: kein Händeschütteln, keine Umarmungen, keine öffentlichen Versammlungen, kein Waschen von Leichen vor Beerdigungen, keine Fußballspiele, kein Besuch von Schulen und Universitäten und auch keine Weihnachtsfeier. Andererseits wurde Händewaschen vor dem Betreten von Häusern, Büros und Kliniken zur Pflicht.

Menschen ändern ihr Verhalten aber oft nicht dauerhaft. Armut machte es noch schwerer. Viele mussten sich zwischen Einhaltung der Ebola-Regeln und Erwerbstätigkeit entscheiden. Allzu oft erwies sich Ebola als Sieger.

Im Katastrophenfall brauchen geringstentwickelte Länder internationale Unterstützung. Die internationale Zivilgesellschaft erwies sich als dynamischer als multilaterale Institutionen und Geberregierungen. Ich erinnere mich gut an eine applaudieren Masse, als am Flughafen medizinische Hilfsmittel ankamen, die von Brot für die Welt finanziert und von der deutschen Luftwaffe eingeflogen wurden.


Lehren aus der Krise

Sierra Leones Gesundheitspersonal weiß heute über Ebola Bescheid. Zudem würden sich in einer neuerlichen Krise sicherlich die vielen Freiwilligen abermals als nützlich erweisen. Vor einiger Zeit trat Lassa-Fieber in Sierra Leone auf, und dass die zuständige Klinik kompetent und effektiv reagierte, stimmt bezüglich der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems optimistisch. Generell haben die Menschen inzwischen auch ein größeres Verständnis von Gesundheitsfragen.

Andererseits haben wir gesehen, dass unser Gesundheitswesen schnell zusammenklappte, als Ebola auftrat. Es ist furchterregend, sich vorzustellen, welchen Schaden das neue Coronavirus auslösen könnte, sollte es sich als gefährlicher als bisher gedacht erweisen. Positiv ist jedoch sicherlich, dass Sierra Leone die Bedeutung partizipativer Maßnahmen in Gesundheitskrisen verstanden hat.

Es deprimiert indessen, dass die meisten Geberversprechen für den Wiederaufbau nach Ebola nicht erfüllt wurden. Es gab zudem einen Regierungswechsel, und die neuen Entscheidungsträger haben leider den Wiederaufbau von der allgemeinen Entwicklungspolitik abgekoppelt. Damit das Gesundheitswesen stärker wird, sollten aber relevante Aspekte bei allen politischen Entscheidungen bedacht werden. Hoffentlich werden die neuen, örtlichen Nothilfemechanismen fortbestehen.

Eine weitere Lehre ist, dass ein armes, vom Bürgerkrieg verheertes Land wie unseres von einer schweren Epidemie weit zurückgeworfen wird. Investitionen blieben umgehend aus – auch im Rohstoffsektor –, sodass sich die Volkswirtschaft immer noch nicht völlig erholt hat. Armut, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind deshalb schlimmer geworden.


Shecku Mansaray ist ein Consultant, der im Kampf gegen Ebola selbst Verantwortung trug. Als ehemaliger Geschäftsführer der nichtstaatlichen Organisation SLADEA (Sierra Leone Adult Education Association) koordinierte er die lokalen Partner von Brot für die Welt.
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