Entwicklung und
Zusammenarbeit

Musik

Tanz und Tränengas

Im zweiten Jahr in Folge gingen Mitte 2025 in Kenia tausende junge Menschen auf die Straße, um gegen die Regierung und besonders die hohen Lebenshaltungskosten zu demonstrieren. Getragen wird die sogenannte Gen-Z-Protestbewegung auch durch Musik – es gibt zahllose Videos, auf denen sich Demonstrierende tanzend der bewaffneten Polizei entgegenstellen. Der Soundtrack zu den beiden Protestwellen hat bereits jetzt Kultstatus.
Szene aus dem Musikvideo zu „Maandamano“ von Bien und Breeder LW. Screenshot YouTube/Bien
Szene aus dem Musikvideo zu „Maandamano“ von Bien und Breeder LW.

Es sei ein Brief gekommen, von Jomo Kenyatta und Jaramogi Odinga, die neben anderen als Gründungsväter des unabhängigen Kenia gelten. Sie fragten, ob hier alles in Ordnung sei. „Ich habe ihnen geantwortet: Kenia ist ein Desaster“, singt Bien-Aimé Baraza in den Anfangszeilen des Liedes „Tujiangalie“ (zu Deutsch etwa „Wir sollten uns hinterfragen“). Bien, so sein Künstlername, ist ein Viertel der wohl bekanntesten kenianischen Band Sauti Sol. Die Afropop-Gruppe hat zusammen mit dem Rapper Nyashinski mit „Tujiangalie“ bereits 2019 einen Song geschrieben, der kaum besser zur Situation ihres Landes ein halbes Jahrzehnt später passen könnte. 

In ihrem wohl politischsten Lied singen Sauti Sol von den Schulden bei China, mit denen Straßen und Schienen gebaut werden, von Korruption, Armut und Tribalismus. Ihr Fazit: „Uns geht es heute schlechter als gestern“, und: „Vision 2030 wird wohl nur eine weitere (Lügen-)Geschichte bleiben“. Dass „Tujiangalie“, auch wenn es eher ruhige, fast resignierte Töne anschlägt, schnell zu einer inoffiziellen Hymne der Proteste wurde, ist somit kaum verwunderlich. Die Bandmitglieder zeigten sich ausnahmslos solidarisch mit der Bewegung; Leader Bien war sogar Teil eines Konzerts, das 2024 im Zuge der Demonstrationen organisiert wurde, zu Ehren der während der Proteste getöteten jungen Menschen.

„Anguka Nayo“ 

Einige Stücke auf dem inoffiziellen Protest-Soundtrack Kenias, der so ziemlich alle Genres und Generationen umfasst, drücken Wut und Trauer aus; bei anderen handelt es sich um mehrere Jahrzehnte alte patriotische Hymnen. Wieder andere transportieren den jungen Geist der Bewegung, die – vor allem zu Beginn der Proteste – die Demonstrationen oft zur Party machten. „Anguka Nayo“ des Duos Wadagliz Ke ist eigentlich ein simpler Partysong, wurde aber von der Gen-Z-Bewegung neu interpretiert. Der Titel des Liedes, frei übersetzt „Damit zu Boden gehen“, wurde zu einem Schlachtruf und drückte die Hoffnung aus, dass die Abschaffung des Steuergesetzes von 2024, das die Proteste ausgelöst hatte, auch den Sturz der gesamten Regierung zur Folge haben würde.

„Reject Hio Bill“

Auch einige Songs, die dezidiert für oder über die Protestbewegung geschrieben wurden, haben Finanzen und Gesetze zum Thema. Auf einen gesampelten Beat aus Kendrick Lamars Diss-Track „Not like us“ schrieb Sabi Wu 2024 „Reject Hio Bill“ („Lehnt dieses Gesetz ab“). Der Künstler sagte dem Musikmagazin Rolling Stone, dass er den Refrain und die erste Strophe in weniger als einer Viertelstunde improvisiert habe. Diesen Freestyle-Part, von dem er sich nicht mehr erwartete, als seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen, lud er auf Social Media hoch. Die große Resonanz brachte ihn dazu, das Stück fertigzuschreiben und zu veröffentlichen. Ähnlich nah dran am Geschehen ist das Video zu dem Rap-Song – es ist in weiten Teilen während der Demonstrationen aufgenommen worden und wurde teilweise unterbrochen, wenn Sabi Wu und die ihn filmende Person vor der Polizei weglaufen mussten. 

„Colonial Police“

Um Polizeigewalt geht es in einem weiteren Song, der eine ganze Weile ständig in WhatsApp-, Facebook-, Instagram-Stories und TikTok-Shares auftauchte. Er wird in die Annalen sicherlich nicht wegen seiner musikalischen Virtuosität oder textlichen Qualität eingehen, ist aber schlicht bereits jetzt ein Zeitdokument – nicht nur wegen des Themas, sondern auch seiner Entstehung. Der Song und das Video wurden von „Mr Guy Kenya“ mit Künstlicher Intelligenz erstellt. Der Refrain fragt: „Are you a police service or a colonial force? “ Einzig eine Zeile in der ersten Strophe ist bereits jetzt schlecht gealtert: „In the US, officers took a stand / refused to oppress their own land.“ 

„Maandamano“

Sauti-Sol-Bandleader Bien ist mittlerweile vor allem als Solokünstler unterwegs und hat es sich nicht nehmen lassen, ein eigenes Stück zum Protestsoundtrack beizusteuern, gemeinsam mit Breeder LW. „Maandamano“ bedeutet schlicht „Protest“. Der Song ist ein Rundumschlag der Slogans und Themen, die die Proteste prägen: „60 Jahre Unabhängigkeit, uns wurde gesagt, das sei Selbstbestimmung / Abermillionen wurden uns gestohlen von denselben Verbrechern / „Wir bezahlen Schulden“ – das ist nur eine Ausrede / Wir sind eine Generation, die nicht dieselben Fehler machen wird / #OccupyParliament lasst uns protestieren gehen / #Tribeless #Partyless – dafür stehen wir“. 

Das dazugehörige Video ist ebenfalls aus Protestszenen und Social-Media-Clips zusammengeschnitten, die viral gegangen waren: Auf einem Clip schreit Protestikone Shakira Wafula mit der kenianischen Flagge in der Hand einen Polizisten an, auf einem anderen inhaliert ein Demonstrierender Tränengas aus einer Dose und ruft der Polizei zu, sie solle ihm beim nächsten Mal Erdbeergeschmack bringen. 

Auf den allermeisten Clips tanzen die Protestierenden allerdings, teilweise direkt vor den schwer bewaffneten Sicherheitskräften. Das Ende des Videos lässt jedoch bereits erkennen, dass die Party dramatische Wendungen genommen hat: Die filmende Person versteckt sich vor Schüssen hinter Betonrohren. Die letzten Sekunden gehören den Namen der Menschen, die bei den Protesten bereits gestorben sind. Es sind viele. 

Katharina Wilhelm Otieno ist Redakteurin bei E+Z und arbeitet zeitweise in Nairobi. 
euz.editor@dandc.eu

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