Recycling
Wie Elektroschrott Indiens Versorgung mit Seltenen Erden sichern soll
In der Vergangenheit hat Indien Rohkonzentrate von Seltenen Erden gefördert und exportiert, war aber stark darauf angewiesen, verarbeitete Seltene Erden zu importieren. Im Geschäftsjahr 2024/25 wurden mehr als 53.000 Tonnen Magnete aus Seltenen Erden (rare earth element – REE) eingeführt, meist Neodym-Eisen-Bor-Magnete (NdFeB) und vor allem aus China. Diese Magnete sind für die Herstellung von E-Autos, Windkraftanlagen und Elektronik sowie für Verteidigungsanwendungen unverzichtbar.
Nun möchte das Land zum Selbstversorger werden. 2025 genehmigte die Regierung im Rahmen der National Critical Minerals Mission (NCMM) ein umfangreiches Förderpaket von 4 Milliarden Dollar, das über eine Zeitspanne von sieben Jahren investiert werden soll. Bis 2031 sind 1200 inländische Explorationsprojekte, der Erwerb von 50 ausländischen Vermögenswerten und die Selbstversorgung bei der Verarbeitung von mindestens fünf wichtigen Seltenen Erden vorgesehen. Das soll die Abhängigkeit von Importen verringern und eine inländische Lieferkette für Verteidigung, E-Autos und Elektronik aufbauen.
Wesentlicher Bestandteil dieser Initiative ist ein mit 800 Millionen Dollar dotiertes Förderprogramm, speziell um ein inländisches Ökosystem für Seltenerd-Permanentmagnete (rare earth permanent magnets – REPM) aufzubauen. Im Rahmen dieser Politik hat das Ministerium für Schwerindustrie kürzlich eine weltweite Ausschreibung zur Errichtung von Produktionsstätten veröffentlicht. Ziel ist es, eine lückenlose inländische Wertschöpfungskette zu schaffen, um den Eigenbedarf zu decken. Dieser wird sich voraussichtlich innerhalb der kommenden fünf Jahre verdoppeln. Die Rohstoffsicherheit wird zudem dadurch gestärkt, dass IREL, ein Unternehmen der öffentlichen Hand, eine zuverlässige Versorgung mit den von der Industrie benötigten Oxiden gewährleisten kann. Oxide dienen als grundlegende Bausteine für Hightech-Komponenten.
Dass dies so dringlich ist, hängt direkt mit der weltweit unsicheren geopolitischen Lage zusammen. Im April 2025 etwa verhängte China Exportbeschränkungen für Seltenerdmagnete, was Schockwellen durch die globalen Lieferketten der Fertigungsindustrie sandte. Dieser Schritt war Teil einer umfassenderen Vergeltungsmaßnahme gegen hohe US-Zölle. Peking setzte dabei seine Dominanz in diesem Sektor als wirtschaftlichen Druckhebel ein. China ist für rund 70 % des weltweiten Abbaus und für 90 % der Verarbeitung von Seltenerdmagneten verantwortlich. Für Indien war das sehr heikel: Das Land bezieht 80–90 % seiner Seltenen Erden, Magnete und verwandten Materialien aus China, wobei die offiziellen Zahlen die Importe für das Jahr 2025 auf etwa 221 Millionen Dollar beziffern.
Herausforderungen bei der Erschließung heimischer Vorkommen
Indien verfügt über etwa acht Prozent der weltweiten Vorkommen an Seltenen Erden. Diese finden sich vor allem in Monazitsanden entlang der Küsten der Bundesstaaten Odisha, Kerala, Tamil Nadu, Andhra Pradesh, Gujarat und Maharashtra. Aktuell macht der heimische Abbau dennoch weniger als ein Prozent der weltweiten Produktion aus.
Größte Hürde ist der historische Rechtsrahmen des Landes. Dieser begünstigte die Dominanz von Staatsunternehmen und hemmte Privatinvestitionen – und schränkte somit Raffineriekapazitäten ein. Hinzu kommt, dass die Zusammensetzung in Indien unausgewogen ist: Es gibt Überschüsse an „leichten“ Seltenen Erden, doch es fehlen abbaubare Mengen an „schweren“ Elementen wie Dysprosium und Terbium, die es für Hochleistungsmagnete unbedingt braucht. Obendrein verschärfen massive technologische Defizite das Problem: Anders als Ländern wie Japan oder Deutschland fehlt Indien das industrielle Know-how im kommerziellen Maßstab.
Urban Mining
Angesichts ökologischer und technologischer Herausforderungen im traditionellen Bergbau setzt Indien zunehmend auf „Urban Mining“ – die Rückgewinnung Seltener Erden aus Elektroschrott. Als weltweit drittgrößter Erzeuger und Importeur von Elektroschrott generiert Indien jährlich etwa 1,75 Millionen Tonnen davon. Diese Zahl ist in den letzten fünf Jahren um rund 75 % gestiegen.
Fachleuten zufolge könnte Indien bis zu 70 % seines Bedarfs an Seltenen Erden durch verstärktes Recycling von Elektroschrott decken. Führende Unternehmen wie Attero Recycling haben bereits eigene patentierte Technologien entwickelt, um Neodym und Kobalt aus ausrangierten Magneten und Batterien zu gewinnen.
Ein Meilenstein in diesem Bereich war die im Juli 2025 geschlossene Partnerschaft zwischen dem indischen Unternehmen BatX Energies und der deutschen Rocklink GmbH zur Errichtung der landesweit ersten voll integrierten Recyclinganlage für Seltenerdmagnete. Dieses Projekt nutzt patentierte Plattformen für Rückführungslogistik, um ausgediente Magnete aus Motoren und Industrieequipment zu sammeln. Die Magnete werden dann in einer Zero-Liquid-Discharge-Anlage (ZLD) aufbereitet. Bei diesem fortschrittlichen Verfahren werden Industrieabwässer vollständig behandelt, recycelt und wiederverwendet, sodass kein Abwasser in die Umwelt gelangt. Solche Initiativen stehen im Einklang mit der Vision des EU-Indien-Rates für Handel und Technologie für kreislauforientierte Lieferketten und verschaffen Indien einen Zugang zu einem vom chinesischen Markt unabhängigen Ökosystem für Seltene Erden.
Der Weg zur Selbstversorgung
Trotz dieses Impulses bleibt die mangelnde Formalisierung eine große Hürde. Das formal organisierte Recycling ist zwischen 2019 und 2024 um 240 % in die Höhe geschossen. Zugleich aber arbeiten fast 95 % der im Bereich Elektroschrott Beschäftigten weiterhin im informellen Sektor – oft ohne Schutzkleidung auf „Giftmülldeponien“ wie der 70 Hektar großen Ghazipur-Mülldeponie in Neu-Delhi. Um eine nachhaltige Versorgung sicherzustellen, ist es unerlässlich, die Lücke zwischen diesen informellen Schrottplätzen und formellen Hightech-Anlagen wie Recyclekaro, einem Unternehmen für das Recycling von Elektroschrott und Lithium-Ionen-Batterien in Mumbai, zu schließen.
In Indien hergestellte Magnete müssen zudem preislich wettbewerbsfähig sein, damit sie nicht von billigen chinesischen Importen unterboten werden. Damit das erfolgreich sein kann, sind strategische internationale Partnerschaften nötig, um Technologie zu importieren und Arbeitskräfte zu qualifizieren. Ein Beispiel ist die „Minerals Security Partnership“, ein Bündnis aus 15 Mitgliedern – darunter die EU, Japan, Südkorea und Kanada –, das die Entwicklung nachhaltiger Lieferketten für kritische Energiemineralien beschleunigen will.
Indiens Weg zur Selbstversorgung mit Seltenen Erden ist ein Wettlauf gegen die Zeit und internationale Konkurrenz. Neu-Delhi versucht, in der Wertschöpfungskette vom Rohstoffexportland zum Hightech-Herstellerland zu avancieren. Dazu nutzt es aggressive steuerliche Anreize für die Magnetherstellung, verbunden mit einem zukunftsweisenden Ansatz für das Recycling von Elektroschrott und regionaler Diplomatie. Auch wenn dieser Weg mit technologischen Lücken und ökologischen Bedenken gepflastert ist, bietet der Übergang zu einem Kreislaufwirtschaftsmodell einen Weg zu strategischer Autonomie, ohne die ökologische Zukunft des Landes zu gefährden.
Roli Mahajan ist eine Journalistin aus Lucknow, Indien.
roli.mahajan@gmail.com