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Digitalisierung

#AIforAll

von Patrick Ruether, Vikrom Mathur, Urvashi Aneja

Hintergrund

Nicht einmal die Jobs von IKT-Firmen sind sicher: Wipro-Zentrale in Bangalore 2016.

Nicht einmal die Jobs von IKT-Firmen sind sicher: Wipro-Zentrale in Bangalore 2016.

Indien könnte vormachen, was „menschenwürdige Digitalisierung“ in Schwellenländern bedeutet: die Weiterentwicklung von Hightech-Branchen, ohne dass Automatisierung Millionen ungelernter Arbeiter den Job kostet.

Wie die digitale Zukunft Indiens aussehen könnte, zeigt sich auf dem Parkplatz des Flughafens in Delhi. Dort öffnet sich die Schranke nach dem Scannen des Parkscheins. In den meisten Ländern würde der Fahrer das selbst tun. Hier reicht er das Ticket an jemanden weiter, der es für ihn erledigt. Datentechnik wird genutzt, doch eigentlich überflüssig gewordene Angestellte weiter beschäftigt. Normalerweise soll technischer Fortschritt die Produktivität steigern und aus Sicht von Unternehmen dazu dienen, Arbeiter zu ersetzen.

Hier wird das offenbar anders gesehen – und das ist durchaus stimmig. Rund eine Million Menschen drängen jeden Monat zusätzlich auf den indischen Arbeitsmarkt. Wenn Automatisierung Arbeitsplätze vernichtet, kann das Entwicklung langfristig behindern. Personal mit automatisierten Prozessen zu beschäftigen, dürfte den meis­ten Unternehmensberatern nicht einleuchten. Sozialpolitisch gesehen ist es aber sinnvoll.

Zentrales Thema in der Debatte um Digitalisierung in Indien ist, was künstliche Intelligenz (KI) für die Zukunft der Arbeit bedeutet. In Bezug auf Wachstum und Investitionen steht das Land gut da. Erwartet wird dieses Jahr eine Wachstumsrate von 7,4 Prozent – eine der besten weltweit. Im Doing-Business-Ranking der Weltbank von 2017 kletterte Indien um 30 Plätze nach oben auf Rang 100.

Auf den zweiten Blick werden aber Probleme deutlich. Das Wachstum beruht größtenteils auf Staatsausgaben, die fast 11 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen, aber nicht auf privatem Konsum oder Investitionen. Es reicht auch nicht, um millionenfach neue Jobs zu schaffen. Tatsächlich steigt die Arbeitslosenquote. Laut dem Centre for Monitoring Indian Economy sind 31 Million Inder arbeitslos, das entspricht einer Quote von sieben Prozent. Allerdings erfasst diese Statistik nicht die 270 Millionen Inder, die in Armut auf informelle Jobs angewiesen sind.

Zu bedenken ist auch, dass die Hälfte der indischen Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängt. Umweltprobleme – nicht zuletzt der Klimawandel – beeinträchtigen sie stark. Gut gemachte Agrar-Digitalisierung könnte sich als nützlich erweisen (siehe Beitrag von Aditi Roy Ghatak, S. 20). Dass die arme Landbevölkerung oft weder lesen noch schreiben kann, kann derartige Modernisierung jedoch behindern.

Ohne Zweifel sind die Zukunft von Arbeit und Beschäftigung eng miteinander verknüpft. Technik wird die Entwicklung entscheidend beeinflussen: positiv oder negativ. Beides ist möglich. Wie die Globalisierung bringen auch Digitalisierung und technischer Fortschritt Gewinner und Verlierer hervor. Das gilt in Indien wie anderswo. Aufgrund seiner enormen Größe könnte das Land zum zentralen Schauplatz für „menschenwürdige Digitalisierung“ in Schwellenländern werden. Zwei Herausforderungen sind zentral:

  • Im globalen Wettlauf um technologische Vorreiterschaft kann Indien auf einen bereits existierenden, recht angesehenen IT-Sektor bauen. Dieser muss aber Innovationen schnell aufgreifen. Dafür sind gewaltige Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in Ausbildung und Qualifizierung nötig.
  • Es werden hochqualifizierte Jobs gebraucht, die einer jungen, ehrgeizigen Generation Beschäftigung und Einkommen sichern.

Prashant K. Nanda von der Wirtschafts-Website livemint.com schätzt, dass die Hälfte derer, die monatlich neu auf den Arbeitsmarkt drängen, keine Ausbildung hat. Fast 400 Millionen Menschen sind ungelernt, schrieb Dilip Chenoy in der Hindustan Times.

Indiens Industrial Training Institutes hatten lange einen guten Ruf, doch sie haben mit technischen Innovationen nicht mitgehalten. Neue Ausbildungszentren schießen wie Pilze aus dem Boden. Leider scheinen die meisten darauf aus zu sein, staatliche Zuschüsse abzugreifen und Gewinne zu maximieren. Die wenigsten vermitteln zeitgemäße Berufsqualifikationen. Was heute versäumt wird, kann später nicht nachgeholt werden. Allerdings weiß niemand genau – weder in Indien noch in Europa oder anderswo –, welche Fertigkeiten die Arbeitsmärkte der Zukunft erfordern.

Wie groß der Einfluss digitaler Technologien sein wird, ist branchenabhängig. Auf einer Veranstaltung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) im Ballungsraum Delhi waren sich führende Wirtschaftsexperten einig, dass Digitalisierung kaum Auswirkungen auf Bau, häusliche Arbeit, Pflege und Betreuung sowie das Hotel- und Gastgewerbe haben dürfte. Stellenabbau wird vor allem Arbeiter mit gewissen, aber nicht anspruchsvollen Qualifikationen treffen. Fließband- und Routinearbeit wird tendenziell zuerst von Robotern übernommen. Das ist bekannt – und die Folge ist, dass Wachstum heute oft keine Arbeitsplätze schafft.


Mumbai schlägt Hamburg

Technische Innovationen sind in der Logis­tik höchst relevant. Wer mit Gewerkschaftern der Branche spricht, bekommt einen Eindruck von den enormen Herausforderungen, vor denen sie stehen. Der Jawaharlal Nehru Port in Mumbai ist der größte Containerhafen Indiens und gehört zu den Top 25 weltweit. Hier werden jährlich 10 Millionen Container verladen. Der Hafen hat nur 1 700 festangestellte Mitarbeiter und ist einer der am stärksten digitalisierten Häfen der Welt. Das zeigen die Vergleichszahlen des Hamburger Hafens: sein Umschlag ist 8,8 Millionen Container im Jahr mit 1 800 Beschäftigten. Früher waren die Docks beider Häfen voller Arbeiter; heute scheinen sie menschenleer zu sein. Digitales Hafenmanagement ist gut fürs Geschäft, aber schlecht für die Beschäftigung.

Indien ist bekannt für seine Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Einschlägige Firmen machen seit zwei Jahrzehnten internationale Schlagzeilen. Doch auch ihre Arbeitsplätze sind nicht sicher. Im vergangenen Jahr haben sie drastisch Stellen abgebaut. Infosys, Wipro, Tech Mahindra und HCL entließen mehr als 50 000 Leute. Ihre Wettbewerbsfähigkeit hatte wegen fehlender Investitionen und Innovationen gelitten.

Weil dieser Wirtschaftszweig als besonders zukunftsträchtig gilt, seine Beschäftigten zur Mittelschicht gehören und häufig weiblich sind, sind Arbeitsplatzverluste hier auch besonders schmerzhaft. Der Einsatz von KI kann den Trend sogar noch verstärken, denn moderne Computerprogramme könnten schon bald Callcenter-Arbeit oder vergleichsweise einfache Programmieraufgaben übernehmen.

Die Regierung ist sich der Herausforderungen bewusst. Kürzlich veröffentlichte die National Institution for Transforming India (NITI Aayog) ein Strategiepapier („National Strategy for Artificial Intelligence #AIforAll“). Es liest sich wie ein neues Entwicklungsparadigma. Die Regierung möchte Digitalisierung voranbringen und gleichzeitig soziale Erneuerung fördern. „Die Chancen der Digitalisierung nutzen“ ist das Gebot der Stunde. Die Strategie überzeugt aber kaum, denn es mangelt an ausreichenden Daten über die faktische Entwicklung.

Tandem Research und FES haben daher eine Reihe von Fachgesprächen mit diversen Interessenvertretern aus Regierung, Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft einberufen. Es geht darum, die Bedeutung von Narrativen, Rahmenbedingungen und Akteuren zu prüfen und zu erörtern, wie KI in Indien gestaltet werden sollte.

Der Prozess birgt Chancen und Risiken. KI-basierte Techniken können das Gesundheits- und Bildungswesen verbessern und beide für breite Bevölkerungsschichten zugänglich und erschwinglich machen. Ungesteuerte KI hingegen wäre problematisch – unter anderem in Hinsicht auf den Verlust von Arbeitsplätzen, mangelnden Datenschutz sowie die Transparenz und Verantwortlichkeiten für Entscheidungsfindungen auf Basis von Algorithmen. Die Früchte des Fortschritts müssen aber fair verteilt werden. Nur eine breite gesellschaftliche Debatte kann sicherstellen, dass der Anspruch #AIforALL keine leere Rhetorik bleibt.

Neue Technik muss so entwickelt und eingesetzt werden, dass langfristig Arbeit und Chancen auch für diejenigen entstehen, die bisher nicht profitieren. Entwicklungsdefizite in der medizinischen Versorgung, der Bildung und dem Umweltschutz müssen behoben werden. Vorläufig kann es deshalb richtig sein, wie auf dem Parkplatz in Delhi modernste Automationstechnik zu nutzen, sie aber von ungelernten Arbeitern bedienen zu lassen.


Link
www.aiforall.in


Patrick Rüther leitet das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Indien.
[email protected]
www.fes-india.org

Vikrom Mathur ist Mitgründer und Geschäftsführungsmitglied von Tandem Research, einer Beratungsfirma in Goa, die sich auf Technologie, Gesellschaft und Nachhaltigkeit spezialisiert.
[email protected]
www.tandemresearch.org

Urvashi Aneja ist ebenfalls Mitgründerin und Geschäftsführungsmitglied von Tandem Research.
[email protected]
www.tandemresearch.org

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