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Gute Jobs

Irreführende Unterscheidung

von Aditi Roy Ghatak

Hintergrund

Arbeitssicherheit hat auf dem Bau in Indien keine große Bedeutung.

Arbeitssicherheit hat auf dem Bau in Indien keine große Bedeutung.

Indiens informeller Sektor ist das Rückgrat der Wirtschaft und gibt dem Löwenanteil der Inder Arbeit. Der formelle Sektor ist auf dessen Waren und Dienstleistungen angewiesen. Für die Lebensqualität der ganzen Nation ist wichtig, dass es für die Massen informell Beschäftigter besser wird.

In ihrer Konjunkturumfrage von 2015/16 fand die indische Regierung einfache Worte für ein wichtiges Thema: „Die Herausforderung, in Indien ‚gute Jobs‘ zu schaffen, könnte man als Herausforderung verstehen, mehr formelle Arbeitsplätze zu schaffen, was auch Arbeitnehmerschutz bedeutet.“ Tatsächlich brauchen Indiens Massen akzeptable Arbeitsbedingungen.

Der formelle Sektor besteht aus zugelassenen Organisationen, die Steuern zahlen und Arbeitsgesetze befolgen müssen. Er wird auch als „organisierter“ Sektor bezeichnet. Er bietet die Art von Beschäftigung, die gut ist im Sinne von gut bezahlt und verbunden mit Leistungen wie Urlaub und sozialer Absicherung wie etwa Kranken- und Rentenversicherung.

Leider bietet Indiens formeller Sektor aber kaum Jobs wie diese. Lediglich zehn Prozent der Arbeitnehmer des Landes sind im formellen Sektor beschäftigt – im Geschäftsjahr 2011/12 waren es nur knapp 48 Millionen von 472 Millionen berufstätigen Indern. Die große Mehrheit schlug sich im informellen Sektor unter harten Bedingungen durch (siehe Kasten). Diese Daten aus der 68. Nationalen Stichprobenerhebung zeigen auch, dass die Jobs im formellen Sektor im Vergleich zu sieben Jahren zuvor zwar mehr geworden sind. In absoluten Zahlen aber wächst der informelle Sektor stärker als der formelle.

Zuverlässige und aktuelle Statistiken sind in Indien kaum verfügbar – besonders im informellen Bereich, der von staatlicher Seite nicht richtig kontrolliert wird. Landwirtschaft etwa ist meist informell, und obwohl Frauen und Kinder in der Landwirtschaft viel arbeiten, wird ihre Arbeit kaum berücksichtigt. Wahrscheinlich arbeiten auf Bauernhöfen mehr Erwerbstätige als angegeben.

Allerdings sind auch die Daten für den formellen Sektor nicht wirklich zuverlässig. Manche Menschen arbeiten Teilzeit, andere erhalten aus verschiedenen Gründen nur einen Bruchteil ihrer offiziellen Bezahlung. Viele Menschen sind unterbeschäftigt in dem Sinne, dass sie Arbeiten erledigen, für die sie überqualifiziert sind – so geht es etwa vielen Hochschulabsolventen.


Niedergang des formellen Sektors

Tatsächlich wird der formelle Sektor immer informeller. Dieser Trend spiegelt eine globale Erosion der Arbeitsbeziehungen wider, die auch in den USA und in EU-Ländern zu sehen ist. Laut dem ILO-Arbeitsmarktbericht für Indien 2016 „sind die meisten neuen Arbeitsplätze im formellen Sektor faktisch informell, weil die Arbeitnehmer keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder soziale Sicherheit haben“. Auch mahnt der Bericht, dass „erhebliche Unterschiede in der Erwerbsquote von Männern und Frauen bestehen“.

Indiens komplexe Arbeitsgesetze werden ohnehin oft verletzt – und zwar ungestraft. Entscheidungsträger wollen Arbeitsrechte eindämmen, die in ihren Augen freies Unternehmertum und das Wirtschaftswachstum behindern. Niedrige Arbeitskosten sind international ein großer Vorteil. Die chinesische Regierungszeitung Global Times stellt fest: „Die meisten indischen Bundesstaaten haben noch einen absoluten Arbeitskostenvorteil gegenüber China.“

Die Aussichten für Indien sind jedoch düster. Im Jahr 2020 wird das Durchschnittsalter der Inder 29 Jahre betragen. In China und den USA liegt es dann bei 37, in der EU bei 45 und in Japan bei 48 Jahren. In Indien werden also besonders viele junge Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Viele von ihnen werden voraussichtlich sehr enttäuscht werden. Indien bietet seiner ehrgeizigen, aufstrebenden jungen Generation nicht die Chancen, die sie verdient – und fordert. Hinzu kommt, dass Indien bisher wenig erfolgreich dabei ist, junge Menschen zu qualifizieren.

Der Regierung ist das bewusst, aber sie hat sich bislang als unfähig erwiesen, das Problem anzugehen. Ministerpräsident Narendra Modi hatte im Wahlkampf versprochen, die Jobsituation zu verbessern, viel erreicht hat er aber seit seinem Amtsantritt im Mai 2014 nicht. Sein großangelegtes Programm „Make in India“ sollte ausländische Investoren anregen, in Indien zu produzieren und somit gute Jobs zu schaffen. Leider hat das Programm weniger Beschäftigung gebracht als erhofft (siehe mein Aufsatz in E+Z/D+C e-Paper 2016/09, S. 28, und Druckausgabe 2016/9-10, S. 32). Die meisten neuen Jobs sind ziemlich hart.

2005 rief die damalige Regierung Manmohan Singhs eine Initiative ins Leben, um die Arbeitssituation auf rechtlicher Basis zu verbessern. Die sogenannte „Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act (MGNREGA)“ war ein Versprechen: Aus jedem ländlichen Haushalt sollte je ein erwachsenes Mitglied für mindestens 100 Tage im Jahr einen Job im Bereich Infrastruktur erhalten, für den es den Mindestlohn erhalten würde. 2015 und 2016 gab es über MGNREGA allerdings durchschnittlich nur 49 Tage Arbeit pro Kopf.

Unter dem Druck des Obersten Gerichtshofs muss die aktuelle Regierung das Programm nun verbessern. Es bietet Schlupflöcher und hat Schwächen. Ländliche Beschäftigung zum Mindestlohn ist hilfreich, wird die enormen Herausforderungen des indischen Arbeitsmarkts aber niemals lösen.


Pufferfunktion

Die Unterscheidung von formeller und informeller Beschäftigung steht zwar immer noch für riesige Unterschiede in der Qualität der Jobs, ist aber auch irreführend. Und zwar nicht, weil formelle Beschäftigung wie erwähnt immer informeller wird, sondern wegen des Zusammenspiels beider Sektoren. Informelle Unternehmen sind die billigen Bindeglieder in den Lieferketten der formellen Unternehmen und dienen als eine Art Puffer. Letztlich hängt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der formellen von den informellen Unternehmen ab.

Zweifellos ist der informelle Sektor das Rückgrat der indischen Wirtschaft. Nach Angaben von Credit Suisse macht er etwa die Hälfte des Bruttosozialprodukts aus. An ihn ist der Lebensunterhalt von mehr als 400 Millionen Arbeitern und ihren Familien geknüpft.

Politisch umsichtig wäre es somit, den informellen Sektor zu stärken – etwa, indem man die Bedingungen nach und nach verbessert. Zum Beispiel durch Ausbau der Infrastruktur, bessere Qualifizierung und mehr Knowhow, und indem man Finanzdienstleistungen zugänglich macht und Sozialversicherungsstrukturen schafft.

Die „Nationale Kommission für Unternehmen im nichtorganisierten Sektor“ hat schon 2009 sinnvolle Vorschläge dazu gemacht. Leider wurden sie weitgehend ignoriert. Sie verdienen jedoch nach wie vor Beachtung.  


Aditi Roy Ghatak ist freie Journalistin und lebt in Kalkutta.
[email protected]


Link
National Commission for Enterprises in the Unorganised Sector, 2009: The challenge of employment in India – An informal economy perspective.
http://nceuis.nic.in/The_Challenge_of_Employment_in_India.pdf

 

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